In dramatischen Worten berichten viele Medien vom Angriff auf die israelische Botschaft in Kairo. Dabei ist die Attacke selbst kein Grund für eine Überraschung. Denn Ägypten ist keine Ausnahme in der arabischen Welt: Der Hass auf Israel ist in diesen Ländern weit verbreitet. Israels Umgang mit den Palästinensern ermöglichte es zahlreichen Diktatoren in der Region, durch gezielte Manipulation der öffentlichen Meinung das eigene ökonomische und politische Versagen Israel in die Schuhe zu schieben. Zusätzlich wurde die Situation in Ägypten durch den Tod von fünf ägyptischen Soldaten angeheizt, die bei einem israelischen Angriff im Sinai getötet wurden. Überraschen sollte etwas anderes: Die Tatsache, dass die ägyptische Polizei und das Militär erst Stunden nach Beginn der abendlichen Proteste vor der Botschaft eingriffen.

Bereits seit dem frühen Freitagmittag hatten auf dem Tahrirplatz tausende Menschen demonstriert. Von Beginn war dabei der Hass auf Israel überdeutlich sicht- und hörbar: Auf der Hauptbühne wurden unter lautem Jubel israelische Fahnen verbrannt. An anderer Stelle konnte man einen Sprecher fragen hören, warum Ägypten Israel immer noch als einen befreundeten Staat betrachte. Als jemand in ein Mikrofon rief, dass schon tausende Israelis aus Angst vor Ägypten aus Israel geflohen seien, brachen hunderte Zuhörer in Freudenrufe aus. An anderer Stelle wurden Flugblätter verteilt, die zu anti-israelischen Protesten aufriefen. Vor der Hauptbühne war ein Plakat zu sehen, unter dem sich Demonstranten versammeln konnten, um später gemeinsam zur Botschaft zu ziehen. Viele der Menschen auf dem Tahrirplatz äußerten laut ihre Wut gegen Israel und kündigten an, später in Richtung Botschaft gehen zu wollen.

In den vergangenen Wochen waren Sicherheitskräfte überpräsent

Der plündernde Mob war keine Überraschung. Auch hätte man das Gebäude rechtzeitig und ausreichend schützen können. In den vergangenen Wochen gab es zahlreiche Proteste und Zwischenfälle rund um die Botschaft, die Sicherheitskräfte waren mit Radpanzern und gepanzerten Mannschaftstransportern überaus präsent. Dass die Sicherheitsbehörden es nicht schaffen, die Botschaft zu schützen, kann nur verwundern. Besonders an einem Tag, an dem die Eskalation absehbar war.

In den vergangenen Monaten war in Ägypten die Kritik am Obersten Militärrat stark gewachsen. Unzufriedenheit mit der Art der Machtausübung und wie das Regime die Reformen anging machte sich breit. Auch die seit Jahrzehnten gegen den Willen großer Teile der Bevölkerung vertretene freundliche Haltung gegenüber Israel hatte den Druck erhöht. Als kürzlich die Türkei den israelischen Botschafter auswies, fragten sich viele Ägypter, warum ihr Land Israel nach wie vor als Freund betrachtet.

Zudem hat das gegenwärtige Regime hat in den vergangenen Wochen immer härter auf Proteste gegen das Militär reagiert. Man versuchte gezielt, einige besonders kritische Oppositionsgruppen wie etwa die "Bewegung 6. April“ zu diffamieren. Doch die Kritik zahlreicher ägyptischer Intellektueller und Politiker aber auch des westlichen Auslands und zahlreicher Menschenrechtsorganisationen daran war scharf. Der Angriff auf die israelische Botschaft bietet damit einen willkommenen Anlass, um "aus Sicherheitsgründen" in der Revolution erlangte Freiheiten wieder einzuschränken und unerwünschte Oppositionsgruppen weiter zu schwächen.

Die Geschehnisse legen daher vor allem eine Vermutung nahe: Das derzeitige ägyptische Regime hat durch seine Zurückhaltung gegenüber den Angreifern ein Ventil für den Unmut der Bevölkerung gegen die eigene Politik geschaffen. Das macht es einfacher, eine repressivere Politik gegenüber ungeliebter und allzu kritischer Opposition rechtfertigen zu können.