Die internationale Gemeinschaft konnte das Versprechen, Afghanistan wiederaufzubauen, bei Weitem nicht erfüllen – auch, weil sie es sich nicht leisten wollte: Die bisherigen Ausgaben für internationale Hilfe in Afghanistan umfassen nur einen Bruchteil dessen, was für den Krieg am Hindukusch ausgegeben wurde. Hinzu kommt, dass unter internationaler Führung ein stark zentralisiertes politisches und öffentliches Finanzsystem aufgebaut wurde. Das rächt sich nun. Kabul, von Korruption beherrscht, wickelt alle Entwicklungsausgaben direkt ab, während den Provinzen keine ausreichenden Mittel zukommen.

Deshalb wäre es so wichtig, dass die afghanische Zentralregierung den Provinzen größere fiskalische und politische Befugnisse überträgt, insbesondere durch Entwicklungspläne auf Provinzebene. So könnten lokale Behörden Entwicklungsprojekte effektiver durchführen, Missmut und die Abneigung der Bevölkerung gegenüber der Regierung und ihren internationalen Partnern könnten abgebaut werden.

Doch auch die Geberländer müssen ihre Finanzen in Ordnung bringen. Sie brauchen ein kohärenteres, umfassenderes Konzept für die Zusammenarbeit mit dem afghanischen Staat. Die Rechenschaftspflicht der Regierung und der Schutz von Grundrechten müssen berücksichtigt werden. Jetzt kommt es darauf an, die Fördermittel der Geber aufrechtzuerhalten und klare Pläne für den langfristigen Übergang zu einer Finanzierung durch die afghanische Regierung zu erarbeiten.

Solange die Geberländer ihre humanitäre Hilfe den Zielen der Guerillabekämpfung unterordnen, wird die Wirkung begrenzt bleiben. Die Gebergemeinschaft muss sicherstellen, dass Wiederaufbau- und Entwicklungsprojekte die Bedürfnisse Afghanistans berücksichtigen – und nicht kurzfristige militärische Ziele.

Dass die Nato ihre Truppen nicht auf unbestimmte Zeit im Land halten kann, ist allen klar. Aber ein überstürzter Abzug der Geberländer würde den afghanischen Staat destabilisieren, ja sogar bis an den Rand des Bürgerkrieges drängen. Nur wenn es auch Priorität ist, einen Rechtsstaat zu entwickeln, kann die internationale Hilfe effektiv zur Stabilität Afghanistans beitragen. Auf dem Treffen der Geberländer in Bonn Ende des Jahres muss die internationale Gemeinschaft ihr Engagement in Afghanistan einer drastischen Prüfung unterziehen.