Al-Qaida ist heute, zehn Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001, so schwach nie zuvor. Nachrichtendienste und unabhängige Experten sind sich weitgehend einig, dass die Terrororganisation keine strategische Bedrohung mehr darstellt, also keine international koordinierten und groß angelegten Anschläge im Stil von 9/11 verüben kann.

Auch die gezielten Tötungen hochrangiger Führungskader in den letzten Monaten zeigen, wie angeschlagen die gefürchtete Mördertruppe ist. Daran ändern auch begrenzte Erfolge wie im Jemen nichts. Und auch al-Qaidas Propagandastory, die Geschichte vom gerechten, heiligen Verteidigungskrieg gegen die Juden und Kreuzfahrer, findet laut Umfragen zunehmend weniger Anhänger.

Und trotzdem stehen gerade westliche Regierungen vor neuen Herausforderungen: Sie müssen einerseits mit inhaftierten Terroristen umgehen und andererseits jene große Mehrheit der Muslime unterstützen, die al-Qaidas Ideologie ablehnt. Und sie müssen al-Qaidas neuer Strategie der Einzelkämpfer etwas entgegensetzen.

Aus Sympathisanten sollen Einzeltäter werden

Al-Qaida musste schmerzhaft erkennen, dass Nachrichtendienste zentral gesteuerte Terrorzellen leichter ausspähen und bekämpfen können. Durch einen "Dschihad für Jedermann" soll die Steuerung von oben deshalb auf das notwendige Minimum reduziert werden. Al-Qaida zeigt stattdessen ihren willigen Anhängern via Propagandamedien, wie man eine Bombe in der Küche bastelt oder wie man einen Geländewagen mit Rasenmäher-Schneideblättern in eine Mordmaschine umbaut. Aus Anhängern sollen Einzeltäter werden, die nicht mehr in die Ausbildungslager reisen, sondern Anschläge im Westen vor der eigenen Haustür verüben.

Falls ein Einzeltäter sich vor seiner ersten Tat so verhält, wie von al-Qaida gefordert, also mit absolut niemandem über seine Pläne spricht, läuft der größte Teil der staatlichen Überwachungsmaßnahmen ins Leere. Eine erfolgreiche Anti-Einzeltäter-Strategie muss deshalb an der größten Schwäche dieser Lone-Wolf-Strategie ansetzen: der mangelnden Pro­fes­si­o­na­li­tät der Terroristen. Die meist fehlende oder unzureichende Ausbildung führte bisher häufig dazu, dass Einsame Wölfe beim Ausspähen des Anschlagsziels auffielen und rechtzeitig festgenommen werden konnten.

Ein Lone Wolf ist also weniger durch Herkunft oder Aussehen zu erkennen als durch sein Verhalten. Zur wirkungsvollen Bekämpfung von Einzeltätern müssen deshalb eine aufmerksame Bevölkerung, klassische Polizeiarbeit und nachrichtendienstliche Aufklärung zusammenwirken – allerdings ohne dass dabei eine Atmosphäre von Diskriminierung oder ein Überwachungsstaat entsteht.

Neben der direkten Abwehr der Terrorbedrohung ist es entscheidend, an der psychischen Widerstandsfähigkeit von Bevölkerung, Politik und Medien gegenüber terroristischen Bedrohungen zu arbeiten. Ein Einsamer Wolf kann vergleichsweise nur wenige Menschen töten. Doch er schürt die Angst, dass jedermann zu jeder Zeit an jedem Ort zuschlagen kann, und übt so großen Druck auf Öffentlichkeit und Politik aus.