Nein, zum Spaß sind sie nicht hier, die Kinder in Uniform. Etwa 15 Mädchen und Jungen haben sich auf dem Parkplatz zur Rast nieder gelassen, in grauen Hemden, schwarzen Röcken und Shorts. Die kleinsten sind erst sechs, die meisten um die zehn, und natürlich, sagt Laurens, der 19-jährige Gruppenleiter, geht es um das Wandern. Aber eben nicht nur. Der Nachwuchs des Flämisch-Nationalen Jugendverbands aus Gent und Antwerpen ist nach Sint-Genesius- Rodes außerhalb der Hauptstadt gekommen, um ein Zeichen zu setzen. Dafür, dass "BHV", der bilinguale Wahlkreis Brüssel-Halle-Vilvoorde, endlich gespalten wird.

Gordel heißt das traditionelle Event am ersten Septembersonntag, wenn Zehntausende Wanderer und Radfahrer ausschwärmen, mit Freunden und Familie einen geselligen Tag in der Natur verbringen und dabei politische Parolen auf Luftballons im Spätsommerwind durch die grünen Hügel tanzen lassen. Manchen sind die Aufschriften so egal, als handele es sich um Werbung. Für andere sind sie das eigentliche Anliegen des Tages. Der Gordel (Gürtel) ist ein eigenartiger Biathlon: Seine Disziplinen heißen Bewegen und Demonstrieren.

Mehr französischsprachige im Brüsseler Umland

Den politischen Aktivisten ist folgende Forderung wichtig: Die Regionen rund um Brüssel sind flämisch und sollen es bleiben! Weil die Hauptstadt selbst eher französischsprachig geprägt ist, will die flämische Bewegung den eigenen Wahlkreis spalten. Denn in Wallonien stimmen die Menschen für frankophone Parteien, im Rest von Flandern für flämische. Nur im Wahlkreis BHV in und rund um Brüssel treten beide Gruppierungen an. Nun wollen immer mehr Frankophone, die in Brüssel arbeiten, im pittoresken, flämischen Umland wohnen. Damit verschieben sich dort langsam die Kräfteverhältnisse zugunsten der Frankophonen.

Anne Sobrie hat das selbst erlebt. Als ihre Familie 1967 nach Sint-Genesius-Rodes zog, waren 70 Prozent der Bevölkerung Flamen. Wenig später wurde die Mutter in den Gemeinderat und danach zur Bürgermeisterin gewählt. Als solche rief sie 1980 den Gordel ins Leben. Doch der traditionelle September-Spaziergang konnte den Lauf der Dinge nicht aufhalten: Heute sind die 20.000 Einwohner der Stadt, die nur wenige Kilometer nördlich der Sprachgrenze liegt, zu 70 Prozent frankophon, und die Anwältin Anne Sobrie ist nun das einzig flämische Mitglied der Gemeinderegierung. Ihre Kollegen würden den Gordel gerne verbieten, wegen der Vermischung von Sport und Politik. Auch die Separatisten nutzen den Tag oftmals als Bühne.

Politik entlang der Sprachgrenzen

Wo der Sport aufhört und die Politik beginnt, ist schwer zu sagen. Schließlich sind Vlaanderen -Schriftzüge auf Radlertrikots an diesem Tag Mainstream. Patrick Molle, ein gediegener Mittvierziger, trägt einen Regenschirm im flämischen Schwarz-Gelb, und er sieht nicht ein, dass es hier, in Flandern, zweisprachige Straßenschilder gibt. In Brüssel selbst sei das etwas anderes, denn immerhin ist die Hauptstadt offiziell bilingual. Molle sagt, es gehe nur um Respekt gegenüber der Sprache. Die flämische Bewegung sympathisiere nicht mit autoritären Kräften, auch fühle man sich den Frankophonen nicht überlegen. Aber eine Front aller flämischen Parteien, sagt Patrick Molle, das wünsche er sich.

Die frankophonen Parteien hingegen wollen den Wahlkreis erhalten – oder fordern als Gegenleistung, dass die Gemeinden mit den meisten frankophonen Bewohnern Brüssel angeschlossen werden. In Flandern, wo die Parole "BHV trennen" aus nationalistischen Kreisen längst in alle Parteien diffundiert ist, gilt dies als ungeheurer Affront. Je stärker sich die belgische Politik entlang der Sprachgrenze wie Magnetteilchen um zwei Pole positioniert, desto mehr wird der sogenannte Brüsseler Rand zum Symbol dieses Konflikts. Die letzte belgische Regierung scheiterte vor anderthalb Jahren an dem Streit . Bei den schleppenden Verhandlungen über eine neue gibt es kein größeres Hindernis.

Eingerichtet im Ausnahmezustand

Angesichts schier endloser Sondierungsrunden hat sich Belgien unterdessen im Ausnahmezustand eingerichtet: Die Rumpfregierung des eigentlich zurück getretenen Premiers Yves Leterme führt kommissarisch die "laufenden Sachen", und die Regionen, Wallonien, Flandern und Brüssel, sorgen mit weitreichenden Kompetenzen dafür, dass das Machtvakuum für Bürger im Alltag kaum merkbar ist. Gleichsam spielt diese Konstellation den Nationalisten der Neu-Flämischen Allianz in die Hände, die bei der Parlamentswahl 2010 bereits der deutliche Sieger waren . Längst sind sie, die eine Teilung Belgiens fordern, ausgestiegen aus den Sondierungsgesprächen, während ihre Umfragewerte weiter steigen.

Eine bequeme Position hat auch Carine De Cock, Mitglied der BHV- Abteilung der Partei. Vor dem Rathaus von Sint-Genesius-Rode steht sie abseits von Pommesbuden und Sponsorenzelten und verteilt Aufkleber mit flämischen Löwen, die bei Alt und Jung reißenden Absatz finden. Die Verhandlungen, sagt sie gut gelaunt, werden ergebnislos bleiben. Und was dann? Neuwahlen? Carine De Cock lacht siegesgewiss: "Natürlich!"