Zeit Online: Herr Schami, zählen Sie sich selbst zur syrischen Opposition ?

Rafik Schami: Soll das eine Frage sein? Nach 40 Jahren Exil und all den Büchern, die ich geschrieben habe?

Zeit Online: Sie sind 1971 aus Syrien nach Deutschland geflohen, leben seitdem Tausende Kilometer weit weg von Ihrer Heimat. Wie fühlt es sich an, in diesen historischen Tagen nicht vor Ort zu sein?

Schami: Es ist ein unbeschreibliches Gefühl. Einmal ist es die Trauer, dass ich nicht dabei sein kann, zum anderen eine große Befriedigung, dass dieses wunderbare und friedliche Volk aufsteht, in einer bisher einmaligen Art einem brutalen Regime die Stirn bietet. In mir existiert aber auch eine Angst, dass dieser Herrscherclan auf einen Bürgerkrieg zusteuert.

Zeit Online: Wie verfolgen Sie von hier aus die Revolution in ihrer alten Heimat?

Schami: Täglich, manchmal sogar stündlich. Heute ist es nicht schwer, medial fast mit dabei zu sein. Es gibt oppositionelle Sender, bei denen man schnell die aktuellen Nachrichten unzensiert hört. Auch per Youtube schaue ich mir viele Videos an, die direkt vor Ort aufgenommen wurden.

Zeit Online: Was verraten sie Ihnen über die Stimmung im Land?

Schami: Es kommt darauf an, wen Sie nach der Stimmung fragen. In 80 Prozent des Landes herrscht eine Freude und eine Entschlossenheit, das Regime zu stürzen. Die Nutznießer des Regimes, seine Hydra der 15 Geheimdienste, die Großhändler von Damaskus und Aleppo, der ganze Clan der Herrscher und mit ihm verbundene Sippen werden aufschreien und behaupten, es komme eine Katastrophe über das Land. Das Lied kennen wir schon seit Stalin. Der Diktator hält sein Volk für Schafe, die ohne ihn den Wölfen ausgeliefert wären.

Zeit Online: Und die Herrscher?

Schami: Die Herrscher in Damaskus selbst sind sehr unsicher geworden, und sie erliegen wie alle arabischen Herrscher bei Aufständen einer Art vorübergehendem Autismus durch den Schock. Wenn man sie sieht, denkt man, sie leben auf einem anderen Stern und kriegen nichts mehr mit, aber man sieht trotz der Maske aus Drogen und bitterer Enttäuschung, dass sie unsicher sind.