Iran Teherans abrupter Politikwechsel

Irans Führung trifft sich plötzlich mit den Feinden ihres Verbündeten Assad: Man will weiter mitmischen im nahöstlichen Machtspiel.

Irans geistlicher Führer Ajatollah Ali Chamenei

Irans geistlicher Führer Ajatollah Ali Chamenei

Es war eine Zäsur in der iranischen Außenpolitik: Kürzlich mischte sich Irans geistlicher Führer Ajatollah Ali Chamenei mit einer bemerkenswerten Aussage in die aktuellen Entwicklungen der arabischen Welt ein. Chamenei, der das letzte Wort im Staate hat, riet den für ihre Rechte eintretenden Demonstranten: "Lasst nicht zu, dass der Westen die Umbrüche und Ereignisse im Mittleren Osten und Nordafrika für sich beansprucht." Damit gab er sein Plazet für Veränderungen in der Außenpolitik Teherans.

Nun war Iran immer schon daran gelegen, sich bei seinen Nachbarn einzumischen – so, wie es das Teheraner Regime etwa im Irak und dem Libanon bis heute tut. Doch im Falle Syriens scheint ein radikalerer Schritt bevorzustehen: Iran könnte die Seiten wechseln. Aus dem Verbündeten des syrischen Regierungschefs Assad könnte ein Gegner werden. Die Entscheidung wäre ebenso folgenreich wie die erfolgreichen Bemühungen Irans, Syrien im Ersten Golfkrieg zum Erzfeind Saddam Husseins zu machen.

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"Damals haben wir viel in unser Verhältnis zu Syrien investiert", erinnerte sich der Iraner Mohsen Rezai kürzlich in einem Interview über den Iran-Irak-Krieg von 1980 bis 1988. "Syrien öffnete seinen Luftraum für uns, so dass wir Saddam quasi durch die Hintertür angreifen konnten." Rezai war 2009 Präsidentschaftskandidat und zuvor langjähriger Chef der mächtigen Revolutionären Garden. Das syrische Baath-Regime war eigentlich eine Kopie der Baath-Herrschaft des Iran-Erzfeindes Saddam Hussein im Irak. Doch Teheran stört sich eben nicht daran, welches System in einem Land herrscht. Man freut sich über jede Veränderung in der Region – besonders über solche, die im Chaos münden. Der Westen kann dann oft nichts mehr ausrichten.

Treffen mit Oppositionellen in Paris

Iran möchte auch heute weiter mitmischen im nahöstlichen Machtspiel, deswegen trafen sich vor Kurzem in Paris iranische Diplomaten mit syrischen Rebellen. Nach außen tut Teheran alles dafür, dass Syriens Herrscher Baschar al-Assad im Amt bleibt. Das bestätigt auch der syrische Aktivist und Blogger Hesam Saouni. Was also wollte die iranische Delegation in Paris genau? Darauf kann Saouni keine Antwort geben, aber es gibt Hinweise.

Denn auch im Falle Libyens hat Iran bereits seine Haltung geändert. Vergangene Woche gestand der iranische Außenminister Ali Akbar Salehi erstmals ein, dass die iranische Regierung Kontakt zu libyschen Rebellen hat. Mehr noch: Man habe ihnen sogar mehrere Schiffsladungen Nahrung und Medizin geschickt. Das kam überraschend, schließlich berichtet das staatliche iranische Fernsehen rund um die Uhr über die "Massaker und Kriegsverbrechen der westlichen Verbündeten an der libyschen Bevölkerung". Die libysche Übergangsregierung wurde von Teheran bislang nicht anerkannt.

Die syrisch-iranischen Beziehungen sind, wenn man so will, die größte Errungenschaft Teherans der vergangenen 30 Jahre. Einen besseren strategischen Verbündeten gibt es nicht in der Region. Vordergründig unterstützt Iran deshalb noch das Regime in Damaskus und verurteilt alle syrischen Aufständischen und Dissidenten. Auch die iranischen Revolutionsgarden betonen immer wieder, man tue alles, um Assads Regierung stabil zu halten. Doch wenn die iranische Führung ihre Haltung gegenüber Libyen ändern kann – dann kann sie dies auch gegenüber Syrien. Dafür braucht sie lediglich etwas Fingerspitzengefühl, Berechnung und Verhandlungsgeschick.

Teheran befürchtet, dass Assad das gleiche Schicksal ereilen könnte wie Gadhafi. Hätte Assad die Situation unter Kontrolle bringen können, wäre das der Regierung im Nachbarland natürlich entgegengekommen. Mit seinem brutalen und rücksichtslosen Vorgehen gegen die eigene Bevölkerung hat sich Assad aber sogar aus Sicht Teherans ins Abseits befördert. Die iranische Regierung muss daher reagieren und abwägen.

Wenn Ajatollah Ali Chamenei nun proklamiert, der Westen dürfe die Veränderungen in der arabischen Welt "nicht für sich beanspruchen", ist das ein Signal: Wir sind bereit für einen Deal, wir können unsere Politik auch radikal ändern. Sicher ist das eine gewagte Interpretation dieser Aussage, aber die offizielle Sprache der iranischen Diplomatie ist nun mal leider verklausuliert. Chamenei und seine Leute wollen Profit aus der Situation in Syrien schlagen, denn die revolutionären Ereignisse in Tunesien, Ägypten und dem Jemen haben Iran geschwächt. Besonders die Entwicklungen rund um Libyen machen der iranischen Führung Angst. In Bezug auf Syrien geht es für sie inzwischen um sehr viel. Es geht darum, ob Iran künftig in der Region völlig isoliert ist oder eben nicht.

Vielleicht will die Regierung in Teheran noch als Vermittler zwischen Assad und den Aufständischen auftreten. Doch sollte die iranische Führung Assad am Ende tatsächlich fallen lassen, bedeutet das noch lange nicht, dass sich Teheran deshalb mit dem revolutionären Geist auseinandersetzt, der seit Anfang des Jahres in der Region weht. Früher oder später jedoch wird sie das wohl tun – und zwar mit jenem der grünen Demokratiebewegung im eigenen Land.

Aus dem Englischen übersetzt von Julia Möckl

 
Leser-Kommentare
  1. die Freunde Assads oder Chameneis? Demokratie nach syrischem
    oder iranischen Muster? Was wollen die Befreier?

  2. Ich denke, dass die Entwicklung in diesem Teil einen vollkommen anderen Hintergrund hat.
    Die iranische Führung weiß um die Umbrüche, aber man weiß absolut gar nicht wohin es führt, denn letztlich ist es keine Demokratiebewegung sondern lediglich eine Umverteilung der wirtschaftlichen Machtverhältnisse auch wen das den Kriegsbefürwortern gar nicht gefällt da damit jeglichem Eingriff in die Souveränität arabischer Staaten der Boden entzogen wird.

    In Libyen stehen noch gar keine Verhältnisse aus, in Ägypten und Tunesien ist die Lage bisher unklar und in anderen Ländern wie z.B. Irak und Afghanistan hat der Westen seine eigene interkulturelle Inkompetenz bewiesen, denn die dortigen Probleme sind das Resultat undurchdachter Handlungen. Man denkt man würde verstehen worum es geht doch in Wahrheit versteht man nichts.

    Es geht lediglich um Machtpolitik die der Westen für sich bereits betrieben hat und es ist dahingehend nicht verwunderlich dass sich der Iran auch so verhalten wird, denn der Verlust der arabischen Länder hätte die Totalisolation zur Folge.

    Aber das man unbedingt immer Ängste in das Regime interpretieren möchte erschließt sich mir nicht, da die Situation im Iran vollkommen anders ist. Man vergleiche einmal wirtschaftlich diese Länder und dann versteht man vielleicht was in Wahrheit passiert ist; In Tunesien war es die Armut, in Ägypten das Gleiche, in Libyen die Machtkämpfe der Stämme, usw usf...

    Und von Demokratie hat niemand etwas gesagt...

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    waren es die gebildeten Mittelschichten, die auf der Straße waren. Gesellschaftliche Gerechtigkeit und Partizipation waren die obersten Ziele.

    waren es die gebildeten Mittelschichten, die auf der Straße waren. Gesellschaftliche Gerechtigkeit und Partizipation waren die obersten Ziele.

  3. Die Europäische Union hat übrigens Sanktionen gegen Mitglieder der Al-Quds Einheiten aus dem Iran beschlossen, weil Teile der iranischen Revolutionsgarden bei der Unterdrückung der Demonstrationen gegen Assad den syrischen Streitkräften Unterstützung geleistet haben.

    Diese Spezialeinheiten, welche exterritoriale Operationen durchführen, leisten den syrischen Streitkräften mindestens technische und logistische Unterstützung.

    Das mag als Grundlage für die Annahme dienen das Teheran eine Doppelstrategie fährt: Direkte Unterstützung von Assad mit eigenen Truppen - die ersten Berichte darüber wurden von syrischen Demonstranten übermittelt.

    Gleichfalls nimmt das iranische Regime Kontakt mit oppositionellen Kräften auf - um sich auf jeden Fall Möglichkeiten der Einflussnahme zu schaffen.

    • helgam
    • 07.09.2011 um 19:34 Uhr

    Was gehen uns die syrisch-iranischen Beziehungen an?
    Dürfen andere Länder nicht ihre Interessen ohne unser Wissen pflegen?
    Will mein Land Heckler&Koch- Waffen nun nicht nur in Lybien sondern auch nach Syrien und in den Iran schmuggeln?
    Warum schreiben Sie nicht, was die Nato für ungeheuerliche Verbrechen weiter in die Welt trägt?

    Gekürzt. Bitte beachten Sie, dass wir auf diese Website nicht verlinken möchten. Danke, die Redaktion/jz

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    allein Ihre Grundannahme ist schon falsch. Es kristallisiert sich immer mehr heraus, das die Nato für Libyen zwar die Strukturen zur Verfügung stellte, aber verschiedene Staaten unterschiedlich beteiligt waren.

    11 deutsche Soldaten waren bei der Zielauswahl in Libyen mit dabei, Khatar spielte eine große Rolle bei der Unterstützung des NTC und selbst die Türken werden lobend erwähnt bei verdeckten Operationen gegen Gaddafi - und für die freedom fighters.

    Der Verbrecher - und auch hier irren Sie, war der mordende Clown - und zwar seit 40 Jahren.

    Die Aktionen der Staaten, die für die Resolution 1973 unterwegs waren, haben selbst Assad beeindruckt - der hatte nämlich in einer Stellungnahme am 22.8. umgehend auf Libyen reagiert.

    Diese Verbrecher - wie Assad - können sie nur mit deutlichen Worten und eindeutigen Handlungen - wie in Libyen - beeindrucken.

    allein Ihre Grundannahme ist schon falsch. Es kristallisiert sich immer mehr heraus, das die Nato für Libyen zwar die Strukturen zur Verfügung stellte, aber verschiedene Staaten unterschiedlich beteiligt waren.

    11 deutsche Soldaten waren bei der Zielauswahl in Libyen mit dabei, Khatar spielte eine große Rolle bei der Unterstützung des NTC und selbst die Türken werden lobend erwähnt bei verdeckten Operationen gegen Gaddafi - und für die freedom fighters.

    Der Verbrecher - und auch hier irren Sie, war der mordende Clown - und zwar seit 40 Jahren.

    Die Aktionen der Staaten, die für die Resolution 1973 unterwegs waren, haben selbst Assad beeindruckt - der hatte nämlich in einer Stellungnahme am 22.8. umgehend auf Libyen reagiert.

    Diese Verbrecher - wie Assad - können sie nur mit deutlichen Worten und eindeutigen Handlungen - wie in Libyen - beeindrucken.

  4. waren es die gebildeten Mittelschichten, die auf der Straße waren. Gesellschaftliche Gerechtigkeit und Partizipation waren die obersten Ziele.

    Antwort auf "Pseudoanalyse"
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    Aber bei einer Demokratiebewegung kommt auch eine Demokratie heraus - in Ägypten haben wir bisher eine Militärdiktatur.
    Es steht noch absolut offen was denn kommen mag, das ist das große Problem.

    Aber bei einer Demokratiebewegung kommt auch eine Demokratie heraus - in Ägypten haben wir bisher eine Militärdiktatur.
    Es steht noch absolut offen was denn kommen mag, das ist das große Problem.

  5. Brauch man nur mal im halbstaatlichen Iranblättchen zu lesen. Dann weiß man Bescheid

    http://english.farsnews.c...

  6. Ich finde das jetzt ziemlich logisch wie der Iran sich verhält. Er hat wohl begriffen, dass es nur eine Frage der Zeit sein kann bis die Regierung abgelöst wird und streckt jetzt schonmal seine Fühler aus wer zukünftig Einfluss haben könnte. Würde er das z.B. in Libyen nicht tun, würde er den Einfluss komplett den NATO Staaten überlassen.

    Es besteht ja durchaus Hoffnung für den Iran, dass sich die Intervention für die NATO als doch nicht so früchtetragend erweist, wenn die Nachfolgeregierung sich dem Westen nicht weiter öffnen möchte. So kann er schonmal rechtzeitig seinen Einfluss ausüben.

    Würde ich jetzt als klassische Machtpolitik abtun.

    @limelight
    waren es die gebildeten Mittelschichten, die auf der Straße waren. Gesellschaftliche Gerechtigkeit und Partizipation waren die obersten Ziele.

    In erster Linie war Armut der Auslöser für die Revolte in Ägypten, nicht Freiheit (ganz im Gegensatz zu Libyen). Die Leute sind auf die Straße gegangen, weil die Nahrungsmittelpreise für große Teile der Bevölkerung nicht mehr tragbar waren. Ganz zu schweigen von bezahlbaren Wohnungen.

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    wie sie sagen - aber so war es nicht - wären nicht die ersten Anzeichen der Umstürze in beiden Ländern die Blogger gewesen.

    Außerdem sind die politischen Gruppen, die vorrangig soziale Ansätze vertreten, erst als letztes auf das schon längst abgefahrene Revolutionsschiff aufgesprungen.

    Selbst bei einem der Hauptauslöser des arabischen Frühlings - der Gemüsehändler im Süden von Tunesien, dem sein Stand vom tunesischen Regime verboten wurde und sich daraufhin verbrannte, weil er nicht mehr weiter wußte, gehörte nicht zur wirklich armen Schicht.

    Beim Referendum in Ägypten haben sich nur etwas mehr als die Hälfte der wahlberechtigten Bevölkerung beteiligt - daran sehen sie, das die wirklich arme Bevölkerung am Umsturz kaum oder wenig beteiligt war.

    wie sie sagen - aber so war es nicht - wären nicht die ersten Anzeichen der Umstürze in beiden Ländern die Blogger gewesen.

    Außerdem sind die politischen Gruppen, die vorrangig soziale Ansätze vertreten, erst als letztes auf das schon längst abgefahrene Revolutionsschiff aufgesprungen.

    Selbst bei einem der Hauptauslöser des arabischen Frühlings - der Gemüsehändler im Süden von Tunesien, dem sein Stand vom tunesischen Regime verboten wurde und sich daraufhin verbrannte, weil er nicht mehr weiter wußte, gehörte nicht zur wirklich armen Schicht.

    Beim Referendum in Ägypten haben sich nur etwas mehr als die Hälfte der wahlberechtigten Bevölkerung beteiligt - daran sehen sie, das die wirklich arme Bevölkerung am Umsturz kaum oder wenig beteiligt war.

  7. allein Ihre Grundannahme ist schon falsch. Es kristallisiert sich immer mehr heraus, das die Nato für Libyen zwar die Strukturen zur Verfügung stellte, aber verschiedene Staaten unterschiedlich beteiligt waren.

    11 deutsche Soldaten waren bei der Zielauswahl in Libyen mit dabei, Khatar spielte eine große Rolle bei der Unterstützung des NTC und selbst die Türken werden lobend erwähnt bei verdeckten Operationen gegen Gaddafi - und für die freedom fighters.

    Der Verbrecher - und auch hier irren Sie, war der mordende Clown - und zwar seit 40 Jahren.

    Die Aktionen der Staaten, die für die Resolution 1973 unterwegs waren, haben selbst Assad beeindruckt - der hatte nämlich in einer Stellungnahme am 22.8. umgehend auf Libyen reagiert.

    Diese Verbrecher - wie Assad - können sie nur mit deutlichen Worten und eindeutigen Handlungen - wie in Libyen - beeindrucken.

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