Dies ist kein kleiner überflüssiger Streit, der bald vorbei sein wird. Die Türkei und Israel: Zwei einst befreundete Länder im Nahen Osten nehmen Kampfhaltung ein. Zwei enge Verbündete der USA versinken im Dauerstreit. Nahostpolitik wird schwerer werden für Amerika und Europa. Der Nahe Osten wird unangenehmer für die Türkei und für Israel. Die Türkei schränkt ihren Manövrierraum in der Region ein, Israel könnte einen historischen Fehler begehen.

Schuld am Zerwürfnis haben beide Seiten. Israel lehnt jede Entschuldigung für die Erschießung von neun türkischen Aktivisten auf einem Schiff vor Gaza im Sommer 2010 ab. Die Türkei warf nun den israelischen Botschafter raus und kappte die Militärzusammenarbeit. Beide haben sich da hinein gesteigert. Keiner hat den Mut, zu Hause herbe Kritik für einen Kompromiss einzustecken. Niemand stellt die Vernunft über den verletzten Stolz.

Der neue Gegensatz zwischen Israel und der Türkei wird sich zu den ohnehin schon zahlreichen Nahost-Konflikten addieren. In den Vereinten Nationen, am Nahost-Verhandlungstisch, in den EU-Außenbeziehungen, in der Mittelmeerunion – überall wird er seinen Schatten werfen. Der türkische Premier Tayyip Erdoğan droht den Israelis mit Sanktionen. Er will die Blockade des Gaza-Streifens durch Israel vor internationale Gerichte bringen. Er will demnächst Gaza besuchen und damit Israels Feinde, die militante Hamas. Israels Regierung denkt über die Ausweisung türkischer Arbeiter aus Israel nach. "Entschuldigung für neun tote Türken? Niemals!" Mitten im arabischen Frühling entsteht hier eine neue Front in Nahost.

Warum?

Weil beide die einzigen Demokratien in Nahost sind, lautet die erste Erklärung. Die von pensionierten Diplomaten verherrlichten neunziger Jahre, als israelische Piloten über Anatolien übten, wie man aufständische Palästinenser in Schach hält, sind vorbei. Damals war Außenpolitik in der Türkei eine Sache des Militärs und einer kleinen, gegen das Volk abgesicherten Elite.

Seither hat sich viel geändert. Erdoğan, dreifacher Wahlsieger in neun Jahren, entmachtet das Militär und hat ein sicheres Gespür für die Stimmung im Volk. Anfangs hatte der Premier sogar noch ein gutes Verhältnis zu Israel. Doch Krieg und Wahlen brachten die Wende. Im Gaza-Krieg Anfang 2009 wurde er mit harscher Israel-Kritik zum Helden der türkischen und arabischen Straße.