Proteste "Ein Bürgerkrieg im Jemen hätte dramatische Folgen"

Fuad Alsalahi lebt in Jemens Hauptstadt Sanaa. Er ist ein Kritiker des Regimes. "Wir werden in der Stadt fast belagert", sagt er im Interview über die explosive Lage dort.

ZEIT ONLINE: Herr Alsalahi, können Sie uns beschreiben, wie die Lage in Jemens Hauptstadt Sanaa in den vergangenen Tagen war?

Fuad Alsalahi: Tagtäglich finden hier Massendemonstrationen statt, die regierungstreuen Truppen reagieren darauf mit heftigem Beschuss. Seit Sonntag starben mehr als 70 Menschen, 1.000 wurden verwundet. Hinzu kommt die schwierige humanitäre und wirtschaftliche Lage. Seit Tagen gibt es keinen Strom mehr in der Stadt, die Lebensmittel werden knapp. Auch wird es immer schwieriger, Kranke zu versorgen. Wir werden in der Stadt fast belagert.

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ZEIT ONLINE: Wie ist die politische Lage?

Alsalahi: Ebenfalls sehr kompliziert. Wir wissen nicht, was die internationalen Vermittlungsversuche bringen werden. Zur Zeit befinden sich Gesandte der UN und des Golf-Kooperationsrates in Sanaa. Trotzdem geht das Militär weiter gewaltsam gegen die Demonstranten vor.

ZEIT ONLINE: In den vergangenen Wochen war es um die jemenitische Protestbewegung ruhiger geworden. Was hat diese Eskalation ausgerechnet jetzt verursacht, wo die diplomatischen Bemühungen für eine Lösung der Krise intensiviert werden?

Fuad Alsalahi

Fuad Alsalahi lehrt politische Soziologie an der Universität Sanaa. Seit dem Ausbruch der Unruhen im Jemen vor einigen Monaten beobachtet er die Entwicklung im Land und gilt als Kritiker des Regimes von Präsident Ali Abdallah Saleh.

Alsalahi: Ich glaube, dass die Regierungstruppen und die Truppen, die sich von ihnen abgespalten haben und jetzt auf der Seite der Protestbewegung kämpfen, Tatsachen schaffen wollen, und das parallel zu den politischen Verhandlungen. Das Regime von Präsident Salih will wieder die Oberhand gewinnen. Das Militär kennt nur die Sprache der Gewalt. Und die Teile der Armee, die jetzt gegen die Regierungstruppen kämpfen, sind nicht stark genug, um die Regimetreuen zu besiegen. Es scheint einen Patt zwischen beiden Armeegruppen zu geben. Aber die Demonstrationen gehen weiter. In Sanaa, in Taiz und anderen Städten.

ZEIT ONLINE: Oft ist zu lesen, im Jemen seien so viele Leute bewaffnet, dass die Gefahr eines umfassenden Bürgerkriegs sehr real sei.

Alsalahi: Zunächst einmal: Es ist nur ein Klischee, dass das jemenitische Volk bewaffnet und gewaltbereit ist. Wäre dies so, hätten die Menschen im Jemen das Regime schon am ersten Tag der Revolution verjagt. Ich denke, die meisten Jugendlichen und Stammesführer wollen einen zivilisierten Weg einschlagen. Dennoch ist ein Bürgerkrieg im Jemen nicht unwahrscheinlich. Als zum Beispiel regierungstreue Truppen das Haus des Stammesführers Scheich Al-Ahmar angegriffen haben, hat sein Stamm es verteidigt. Das führte zu heftigen Kämpfen, in deren Folge ein ganzes Stadtviertel zerstört wurde. Die Lage kann jederzeit explodieren. Schon in den sechziger Jahren hat das Land einen schlimmen Bürgerkrieg erlebt, der acht Jahre gedauert hat.

Leser-Kommentare
  1. "Trotzdem geht das Militär weiter gewaltsam gegen die Demonstranten vor."

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    Es ist wohl auch im 21. Jahrhundert so geblieben, dass Systemwechsel immer noch viel Blut kosten.

    Man würde sich wünschen, dass es auch anders ginge.
    Offensichtlich ist das nicht möglich.

    Daraus potenziert sich dann der Hass auf ein Regime und seiner Regimeanhänger, welche dann die Quittung dafür mit gleicher Reaktion bekommen und die Demonstranten mit gleicher Münze zurückzahlen werden.

    Dennoch bricht derzeit etwas aus. Weltweit.
    Unaufhaltsam.

  2. 'In den vergangenen 30, 40 Jahren wurden nirgendwo in der arabischen Region Rechtstaaten mit demokratischen Strukturen aufgebaut, in vielen Ländern gab es keine nennenswerte wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung...'

    Hinzu kommt, daß der Islam sich immer stärker politisiert hat mit all den bekannten Problemen.

    'Nun werden diese Staaten in vor-nationalstaatliche, tribale oder konfessionelle Strukturen zurückkatapultiert. Das ist der Scherbenhaufen, vor dem die arabischen Völker nach all diesen Jahren jetzt stehen.'

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    In vielen Ländern gab es sehr wohl tiefgreifende wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen. Viele dieser Staaten waren vor wenigen Jahrzehnten noch Kolonien. Nur sind die Entwicklungen nicht mit einem eurozentristischen Blick zu bewerten.
    Beispiel demokratischer Rechtsstaat. Das ist doch nicht das Ende und das Ziel der Geschichte! Es ist EINE mögliche Gesellschaftsform, nicht besser und nicht schlechter als andere. In stark auf die Glaubensgemeinschaft konzentrierten Gesellschaften ist Nationalstaatlichkeit nicht selbstverständlich und vielleicht auch gar nicht wünschenswert, das muss man so als Wille des Volkes akzeptieren. [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke. Die Redaktion/er

    In vielen Ländern gab es sehr wohl tiefgreifende wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen. Viele dieser Staaten waren vor wenigen Jahrzehnten noch Kolonien. Nur sind die Entwicklungen nicht mit einem eurozentristischen Blick zu bewerten.
    Beispiel demokratischer Rechtsstaat. Das ist doch nicht das Ende und das Ziel der Geschichte! Es ist EINE mögliche Gesellschaftsform, nicht besser und nicht schlechter als andere. In stark auf die Glaubensgemeinschaft konzentrierten Gesellschaften ist Nationalstaatlichkeit nicht selbstverständlich und vielleicht auch gar nicht wünschenswert, das muss man so als Wille des Volkes akzeptieren. [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke. Die Redaktion/er

  3. "Nun werden diese Staaten in vor-nationalstaatliche, tribale oder konfessionelle Strukturen zurückkatapultiert. Das ist der Scherbenhaufen, vor dem die arabischen Völker nach all diesen Jahren jetzt stehen." Sehr richtig, ich danke für diese Schlussfolgerung und frage mich, ob aus dieser Erkenntnis nicht eine gewisse Vorsicht entspringen sollte, hinsichtlich der Ziele der Beteiligten. Gerade bei den "Stammesführern" wäre ich mir nicht so sicher, was die unter "einen zivilisierten Weg einschlagen" verstehen. Wahrscheinlich halten sie sich selbst für die Garanten, um auf diesen Weg zu gelangen.
    Ich finde, der Interviewte hat insgesamt recht naive Vorstellugen. Handfeuerwaffen taugen wunderbar zum Bürgerkrieg, sind aber gegen eine Armee nicht wirksam. Ob man damit mal so eben eine Regierung wegbekommt ist fraglich.
    Auch sollte der Mann mehr Vorsicht an den Tag legen, was die Hilferufe an die UN oder gar die USA angehen. Eventuell wird er diese Geister anschliessend nicht so schnell los, wie er denkt. Immerhin liegt der Jemen an einer der meistbefahrenen Schiffahrtsrouten der Welt.

  4. In vielen Ländern gab es sehr wohl tiefgreifende wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen. Viele dieser Staaten waren vor wenigen Jahrzehnten noch Kolonien. Nur sind die Entwicklungen nicht mit einem eurozentristischen Blick zu bewerten.
    Beispiel demokratischer Rechtsstaat. Das ist doch nicht das Ende und das Ziel der Geschichte! Es ist EINE mögliche Gesellschaftsform, nicht besser und nicht schlechter als andere. In stark auf die Glaubensgemeinschaft konzentrierten Gesellschaften ist Nationalstaatlichkeit nicht selbstverständlich und vielleicht auch gar nicht wünschenswert, das muss man so als Wille des Volkes akzeptieren. [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke. Die Redaktion/er

    Antwort auf "felix arabia"

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