Die Beziehungen zwischen den südasiatischen Nachbarstaaten Indien und Bangladesch sind seit Mitte der siebziger Jahre angespannt. Ein Grund dafür ist die indienfeindliche Ausrichtung vieler Machthaber in Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs. Ein weiterer Konfliktpunkt ist die gemeinsame Nutzung der zahlreichen Flüsse, die durch beide Länder fließen. Dieser Punkt ist bislang ungeklärt und war mehrmals Grund für politische Auseinandersetzungen.

Indien ist außerdem verärgert darüber, dass Bangladesch Mitglieder separatistischer Gruppen duldet, die mit Gewalt für die Unabhängigkeit von Teilen Indiens eintreten. Islamistische Terroristen, die für Anschläge in Indien verantwortlich sein sollen, würden dort ebenfalls akzeptiert.

Seit dem deutlichen Sieg der Awami-Liga bei den Parlamentswahlen 2008 in Bangladesch haben sich die Beziehungen zwischen Neu Delhi und Dhaka sichtlich verbessert. Schon vor dem Besuch von Bagladeschs Ministerpräsidentin Sheikh Hasina Wajeds in Neu Delhi Anfang 2010 hatte Dhaka damit begonnen, Indiens Forderungen nach einem härteren Vorgehen gegen Separatisten und Terroristen nachzukommen. Im Rahmen des Besuchs nannten beide Parteien weitere Ziele für die Zusammenarbeit.

Auch der Besuch des indischen Premierministers Manmohan Singh in Dhaka Anfang September dieses Jahres sollte die Beziehungen verbessern. Beinahe hätte jedoch die Ministerpräsidentin von Westbengalen, dem an Bangladesch angrenzenden indischen Bundesstaat, den Erfolg des Treffens gefährdet. Sie weigerte sich, einem geplanten Abkommen über die gemeinsame Gewässernutzung zuzustimmen. Letztlich wurde das Treffen dennoch zum Erfolg, da sich die Regierungen auf den Tausch von Enklaven einigten.

Auch die Handelsbeziehungen zwischen beiden Ländern wurden in den letzten Monaten erweitert. Das ist vor allem für Indien wichtig, das bisher relativ wenig Handel mit Bangladesch betrieben hat. China ist derzeit der größte Handelspartner Bangladeschs. Erst vor kurzem hat die Regierung Dhakas den Kauf von 44 chinesischen MBT-2000 Panzern im Wert von 162 Millionen US-Dollar angekündigt. Außerdem hat China den Hafen von Chittagong in Bangladesch ausgebaut. Obwohl mittlerweile auch Indien Zugang zu dem bedeutenden Wirtschaftsstandort bekommen hat, fühlt sich das Land durch Chinas wirtschaftlichen Vorstoß in seiner unmittelbaren Nachbarschaft bedroht.

Bangladeschs Oppositionspartei, die Bangladesh Nationalist Party (BNP), drängt inzwischen Ministerpräsidentin Sheikh Hasina Wajeds dazu, aus dem Streit um die Vorherrschaft Indiens und Chinas in dem Gebiet Profit zu schlagen. Neu Delhi hat den Einfluss dieser Oppositionsstimmen erkannt. Während seines Aufenthalts in Dhaka traf Manmohan Singh deshalb auch die BNP-Vorsitzende Khaleda Zia.

Ob in Zukunft weitere Fortschritte in den Beziehungen zwischen Neu Delhi und Dhaka erzielt werden können, hängt vor allem von der Innenpolitik in Bangladesch ab. Außerdem wird entscheidend sein, ob Indien durch diplomatisches Geschick auch die Oppositionspartei BNP für sich gewinnen kann. Sollte das gelingen, könnte Indien die politischen- und wirtschaftlichen Beziehungen zu Bangladesch ausbauen.

Der Autor studiert Internationale Sicherheitspolitik am Institut d'Études Politiques de Paris (Sciences Po) und setzt sich vorwiegend mit Sicherheitsfragen in Südasien auseinander. Zur Zeit absolviert er ein Praktikum an einem Forschungsinstitut in Neu Delhi.