Der stellvertretende Premierminister und Parteichef der Liberaldemokraten, Nick Clegg © Matt Cardy/Getty Images

Vor ein paar Monaten noch hätte kaum jemand einen Pfifferling gegeben auf die Zukunft der britischen Liberaldemokraten und ganz besonders auf die  ihres Parteiführers Nick Clegg . Parallelen zum beklagenswerten Zustand der deutschen Liberalen drängten sich auf. Beide Parteien leiden an ihrem Bündnis mit Konservativen, beide mussten eine Serie von herben Wahlniederlagen einstecken. Umfragen verheißen nichts Gutes für die Zukunft.

Und während sich die FDP mit der Abhalfterung von Guido Westerwelle wenigstens einer schweren personellen Last entledigen konnte, schienen die britischen Libdems dazu verurteilt, mit Clegg unterzugehen. Im vergangenen Jahr hatte er sich zum verhasstesten Politiker des Landes entwickelt. Stinksauer auf Calamity Clegg – Katastrophen-Clegg, wie er genannt wurde – waren insbesondere die Studenten, weil er höhere Studiengebühren nicht verhindert hatte. Dabei war das sein Wahlkampfversprechen gewesen.

Damals hatte Clegg eine "neue Politik" versprochen. Doch in der Koalition mit den Tories sahen viele Briten in ihm die Verkörperung zynischer "alter Politik". Viele Aktivisten seiner Partei fanden (und finden insgeheim immer noch) das Bündnis mit Konservativen ziemlich unerträglich. So war es nicht weiter erstaunlich, dass noch im Frühsommer Gerüchte über eine mögliche Rebellion gegen ihn kursierten und sich potenzielle Herausforderer positionierten, allen voran der ehrgeizige Umwelt- und Energieminister Chris Huhne. Nick Clegg, niedergeschlagen und resigniert wirkend, galt nur noch als Parteiführer auf Zeit, von seiner Partei ertragen und geduldet. Ähnlich wie Guido Westerwelle in den Wochen vor seinem Sturz.

Der Vizepremier ist plötzlich unersetzlich

Doch anders als Westerwelle hat Clegg in den vergangenen Monaten ein erstaunliches Comeback erlebt. Nun demonstriert er neuen Schwung und Selbstvertrauen. Einige Indizien, Erfolge bei lokalen Nachwahlen, freundlichere Umfragen, deuten auf einen leichten Stimmungswandel zugunsten der Libdems hin, was sie von der deutschen Schwesterpartei deutlich unterscheidet. Die FDP hat das Tal der Tränen offenkundig noch lange nicht verlassen .

Bei den britischen Liberaldemokraten ist keine Rede mehr davon, dass Clegg sich spätestens mit dem Ablauf der laufenden Legislaturperiode verabschieden wird, vielleicht um in Brüssel einen Job als EU-Kommissar zu übernehmen. Alles vergessen. Nun preist die Partei den Vizepremier als unersetzlich, seine innerparteilichen Rivalen versichern, dass niemand anders als Clegg die Partei in die nächste Wahl führen werde. Wichtiger noch: Auf dem Parteitag, der gestern in Birmingham zu Ende ging, erhob niemand die Forderung, die Koalition mit den Tories vorzeitig aufzukündigen.

Gewiss gab es ein paar Attacken auf "rechte Reaktionäre" bei den Tories und Chris Huhne warnte vor der "Tea-Party-Tendenz" bei den Tories. Doch das war vor allem Rhetorik, dazu gedacht, Dampf abzulassen und die Herzen des sozialdemokratischen Flügels der Partei zu erwärmen, der sich immer noch nach einer Koalition mit Labour sehnt.