Nahost-Konflikt "Palästina braucht eine neue Führung"

Nur die Palästinenser selbst können sich jetzt helfen, sagt der Schriftsteller Elias Khoury im Interview. Die Führung in Ramallah steckt in einer politischen Sackgasse.

Der libanesische Autor Elias Khoury

Der libanesische Autor Elias Khoury

ZEIT ONLINE: Herr Khoury, finden Sie es richtig, dass Palästinenser-Präsident Abbas, trotz der Aussichtslosigkeit seiner Initiative, einen Antrag auf die Aufnahme Palästinas als Vollmitglied in die Vereinten Nationen gestellt hat? Hat er nicht damit einen schweren politischen Fehler begangen?

Khoury: Diese Frage müsste man in den Gesamtkontext stellen. Der Friedensprozess ist am Ende. Die palästinensische Autonomiebehörde hat alles getan, was das Nahost-Quartett von ihr verlangte, um am Ende davon überrascht zu werden, dass alles, was ihr versprochen wurde, nur eine Illusion war, und dass Israel weiterhin seine Siedlungspolitik weiter betreibt und die USA keinerlei Druck auf Israel ausüben können oder wollen. Dieser Verhandlungsweg ist nun zu Ende. Der natürliche Abschluss der Verhandlungen wäre eben die Aufnahme Palästinas als Vollmitglied in die Vereinigten Nationen gewesen. Aber jetzt wird der Antrag abgelehnt, entweder durch das Veto der USA, oder dadurch, dass die Palästinenser nicht die nötige Anzahl von Stimmen im UN-Sicherheitsrat bekommen würden.

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Gleichzeitig bedeutet das ein Ende der Situation, in der sich die palästinensische Autonomiebehörde befindet, seit Abbas Präsident ist. Die Palästinenser müssen sich nun mit dieser neuen politischen Realität grundsätzlich auseinandersetzen. Und ich hoffe, sie machen das, was viele arabische Völker gemacht haben. Nämlich eine neue Führung "auf der Straße" zu fordern.

ZEIT ONLINE: Aber gehen wir vom unwahrscheinlichen Fall aus, dass Palästina in die UN aufgenommen wird. Was soll die Führung eines Staates noch ausrichten können, der von jüdischen Siedlungen durchzogen ist und wirtschaftlich allein nicht lebensfähig wäre?

Khoury: Aber warum gehen wir von etwas aus, was unmöglich ist? Es ist eine Illusion, dass Palästina in die UN aufgenommen wird. Und das ist übrigens ein zentraler Konfliktpunkt zwischen mir und der palästinensischen Führung, die auf Lösungen setzt, die ein Ding der Unmöglichkeit sind. Für die Entstehung eines palästinensischen Staates müssen die Machtverhältnisse in Palästina und der arabischen Welt andere sein. Die jetzigen Machtverhältnisse erlauben nicht die Entstehung eines Staates Palästina, sondern dienen eher den Interessen Israels.

ZEIT ONLINE: Wie sollen sich die Machtverhältnisse ändern?

Khoury: Der einzige Weg wäre, den Zusammenhalt zwischen den Palästinensern im Westjordanland, Gaza und der Diaspora zu stärken. Und auch den zwischen dem palästinensischen Volk und den anderen arabischen Völkern, die jetzt für Freiheit und Demokratie rebellieren. Erst wenn die Machtverhältnisse sich gewandelt haben, kann man mit Israel verhandeln, ohne dass die Palästinenser auf ihre Rechte verzichten müssen.

Leser-Kommentare
  1. braucht eine neue Führung, sondern I s r a e l eine, deren Besatzerpolitik nicht zu einer neuen Intifada führt!

    Denn die wird kommen, wenn die Israelis weiterhin ungehemmt Siedlungen bauen....

    12 Leser-Empfehlungen
  2. 2. [...]

    [...]

    Was Palästina wirklich braucht ist eine Weltengemeinschaft, die Logik und Völkerrecht über jahrzehntelange Sippschaften und Ideologien stellt.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/vn

    3 Leser-Empfehlungen
  3. Heute ist der Staat der Juden stark aber wenn sich die Meinung in Amerika wandelt, vielleicht durch die Finanzkrise, dann werden sie schwach. Also sollten sie heute Frieden machen, der wird besser sein als der Übermorgen!

    Eine Leser-Empfehlung
    • THEU
    • 30.09.2011 um 19:23 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und diskutieren Sie sachlich zum Thema des Artikels. Danke. Die Redaktion/vn

  4. Zwar wuerde die Zustimmung des Sicherheitsrates Israel unter enormem Druck setzen, aber auch die zweidrittel Mehrheit in der Vollversammlung, die den Palaestinensern sicher ist, ist nicht zu unterschaetzen, denn diese eroeffnet denen die Tueren einiger internationaler Institutionen wie die des Gerichts in Den-Haag z.B.. Die Palaestinenser koennten dann Klagen gegen gewalttaetige und menschenrechtsverletzende israelische Siedler, Soldaten und Politiker erheben.

    3 Leser-Empfehlungen
  5. 6. na ja

    das ist wenigstens mal ein pragmatischer blick.

    nur helfen wird er auch nicht.
    die palästinenser werden diese starke notwendige aussendarstellung nicht hinkriegen. das ist eine interne machtfrage, wer soll da nachgeben?

    es bleibt dabei, man muss beiden seiten zug um zug den finanziellen hahn zudrehen. dann bewegen sie sich auch, denn dann kriegen sie druck von unten.

    Eine Leser-Empfehlung
  6. Wenn wir seine Gedanken weiterspinnen, sollte es an der UNO liegen, die Gründung eines palästinensischen Staates zu beschließen und zwar gemäß all der UNO-Charta und der Beschlüsse des UN-Sicherheitsrates zum Konflikt.

    Dann wird Palästina ohne einen Vertrag mit Israel gegründet und zwar in den Grenzen von vor 1967.

    Dann ist es danach an Israel, einen Friedensvertrag mit Palästina zu schließen, der auch die vielen UN-Beschlüsse erfüllt.

    Gute Idee! Gute Lösung!

    2 Leser-Empfehlungen
  7. Das war ja auch die Taktik des Westens wie fast überall, einen Keil durch die Gesellschaft tuen, damit sie sich bloß vereinen, weil dadurch könnte ja sich ein Handfester Widerstand formieren der geeint ist. Das ist doch die Taktik die aufgegangen ist und jetzt steht der Westen mit den Hosen runter und nackt da mit seiner Heuchlerei und Israel macht was es will. Ich finde es falsch von den Palästinensern eine Einheit zu verlangen. Der Westen und vor allem die U.S.A. haben eine sehr große Bringschuld. Der Westen schuldet den Palästinensern sehr viel, in erster Linie eine Annerkenung Palästina und gleichzeitig eine Verurteilung Israels. Das wäre mal ein Ehrlicher und Vertrauensschaffender Anfang. Früher hätte ich gesagt das ist Utopie, aber mit den Aufbrüchen könnte Hoffnung durchschimmern.

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