Die Übergangsregierung in Libyen hat sich mit dem Vorwurf auseinanderzusetzen, ihre Anhänger hätten im Kampf gegen das Regime von Muammar al-Gadhafi Menschenrechte verletzt. Kämpfer und Anhänger des Nationalen Übergangsrats hätten frühere Mitglieder der Sicherheitskräfte "entführt, willkürlich gefangen gehalten, gefoltert und getötet", heißt es in einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International.

Sie hätten Zivilisten angegriffen und Gegner verschwinden lassen. Unter den Opfern waren dem Bericht nach auch vermeintliche Verbündete und gefangen genommene Soldaten. Die Regimegegner lynchten Schwarzafrikaner, die sie fälschlicherweise für Söldner hielten und töteten aus Rache. Die Vorfälle könnten Kriegsverbrechen sein, schreiben die Autoren des Berichts.

Die meisten Vergehen hätten jedoch Kräfte zu verantworten, die loyal zum langjährigen Machthaber Muammar al-Gadhafi standen, schränkte Amnesty ein. Das Bild der Lage sei noch unvollständig, hieß es. Man habe die neue Führung in Libyen aufgefordert, ihre Anhänger zu zügeln und jeden Missbrauchsvorwurf zu untersuchen.

Rechtsstaat versprochen

Insbesondere kritisierte Amnesty den Übergangsrat für sein Versäumnis, Gerüchte klarzustellen, wonach Gadhafi Schwarzafrikaner als Söldner angeheuert habe. Vorstandsmitglied Claudio Cordone rief die neue Führung auf, mit der Gewalt der vergangenen vier Jahrzehnte endgültig zu brechen. Künftig müsse die Achtung der Menschenrechte im Zentrum ihrer Politik stehen.

Der Vorsitzende des Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil, versprach, das neue Libyen nach rechtsstaatlichen Prinzipien zu errichten. Die islamische Rechtsprechung Scharia solle die wichtigste Quelle der Gesetzgebung sein, kündigte er laut Medienberichten in seiner ersten öffentlichen Rede vor Tausenden von Anhängern in Tripolis an. Die Scharia ist das islamische Recht, das allerdings unter anderem wegen körperlicher Strafen umstritten ist.

"Wir sind ein muslimisches Volk, für einen moderaten Islam und wir werden auf diesem Weg bleiben", sagte Dschalil. Extremistische Ideologie dürfe keinen Einfluss haben, weder von links noch von ganz rechts. Zudem sprach er sich gegen Selbstjustiz aus.

Libyen ist bis auf die Städte Bani Walid und Sirte im Wesentlichen unter Kontrolle der Rebellen. Die während des Bürgerkrieges zusammengebrochene Ölwirtschaft läuft wieder an. Ein großer Teil von Gadhafis Familie sowie einige Mitglieder seiner Führung sind bereits im Ausland. Seine Frau floh mit mehreren Kindern nach Algerien. Einen von Gadhafis Söhnen griffen Sicherheitskräfte am Wochenende in Niger auf.