Die Reaktion kam prompt. Kaum hatte Russlands Premier Wladimir Putin in Moskau angekündigt, bei den Wahlen im kommenden Jahr wieder als Präsident kandidieren zu wollen, setzte es die Kritik der Opposition: "Das bedeutet nicht Modernisierung, sondern Stagnation", sagte Sergej Mitrochin von der Partei Jabloko. Der Kremlkritiker Eduard Limonow sprach von einer "Niederlage für jene, die auf Medwedjews Reformen gehofft" hatten. Der frühere Vize-Regierungschef Boris Nemzow nannte die Machtrochade gar ein "Horrorszenario". Seine Prognose: "Putin kommt und alle anderen gehen: Ausländisches Kapital wird abfließen, und Menschen werden emigrieren."

Auch enge Mitarbeiter des amtierenden Präsidenten Dimitrij Medwedjew gingen nach der Nominierung auf Distanz. "In der Tat, das ist kein Grund zur Freude", schrieb der einflussreiche Präsidentenberater Arkadi Dworkowitsch beim Kurzmitteilungsdienst Twitter. Der 39-Jährige war dem Parteitag der Regierungspartei Geeintes Russland im Sportpalast in Moskau demonstrativ ferngeblieben. Der Reformer Medwedjew – so sehen es die meisten Beobachter – ist gescheitert und macht Platz für den Machtpolitiker Putin. Viele Mitarbeiter hatten auf einen Kurswechsel unter Medwedjew gehofft. Dieser will nun jedoch ganz für die Regierungspartei arbeiten.

Politiker in Deutschland kritisieren den angekündigten Machtwechsel. "Dies zeigt, dass Russland noch ein gutes Stück von offenen, demokratischen Wettbewerben um das Präsidentenamt entfernt ist", sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Ruprecht Polenz. "Selbst wenn Putin der Favorit für die russische Präsidentschaft ist, muss er faire und offene Wahlen ermöglichen", sagte der außenpolitische Sprecher der SPD, Rolf Mützenich. Die Grünen äußerten die Sorge, dass Russland seine Reformen stoppen werde. "Die angekündigte Rochade verheißt für das Land nichts Gutes", sagte Osteuropa-Expertin Marieluise Beck.

Die Bundesregierung reagierte zurückhaltend auf den angekündigten Machtwechsel. Bundeskanzlerin Angela Merkel habe den Vorschlag zur Kenntnis genommen, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. "Die Bundeskanzlerin hat mit Präsident Dmitrij Medwedjew sehr gut zusammengearbeitet und wird das auch mit jedem anderen Präsidenten tun, denn Deutschland und Russland verbindet eine strategische Partnerschaft." Abgesehen davon sei die Präsidentenwahl eine nationale russische Entscheidung.

Staatschef Dmitrij Medwedjew hatte seinen Vorgänger als Kandidaten der Regierungspartei Einiges Russland für die Präsidentenwahl im März 2012 vorgeschlagen. Im Gegenzug soll Medwedjew von Putin das Amt des Ministerpräsidenten übernehmen.

"Ich bin bereit zur Regierungsarbeit", hatte Medwedjew den Delegierten auf dem Parteitag zugerufen. Nach seiner Rede umarmte der amtierende Kreml-Chef seinen designierten Nachfolger Putin. Putin sagte, er und Medwedjew hätten sich "seit Langem, vor Jahren" in der Frage einer künftigen Rollenverteilung geeinigt. Medwedjew hatte von Beginn an als Platzhalter für Putin gegolten. Dieser durfte bei der letzten Präsidentenwahl 2008 nach zwei Amtszeiten nicht direkt wieder kandidieren. Sein Sieg bei der Wahl im März 2012 gilt als sicher.

Die nächste Amtszeit von Putin würde im Mai 2012 beginnen. Nach einer Verfassungsänderung würde sie sechs statt wie bisher vier Jahre dauern.