Wer in Warschau am gut gesicherten Eingangstor des Sejm, des polnischen Parlaments, nach John Godson fragt, muss mit Staunen rechnen. "Meinen Sie einen Gast aus England?", fragt der Wachmann. Nein, es geht um den Sejm-Abgeordneten John Abraham Godson . Später wird Godson im Gespräch einen ungewöhnlichen Tipp für den nächsten Besuch bereithalten: "Sie hätten nach dem Mohrenkopf fragen sollen", erklärt er lachend. Das polnische Wort murzyn bedeutet so viel wie Mohr oder Neger.

Auch wenn der Begriff weniger diskriminierend als seine deutschen Entsprechungen ist, gilt er als abwertend. Doch John Abraham Godson geht das Wort locker über die Lippen. Er sagt Sätze wie diesen: "In keiner Partei habe ich einen Kollegen getroffen, der ein Problem damit hat, dass ich als Neger Abgeordneter bin." Godson ist der einzige schwarze Politiker im polnischen Parlament. Vor einem Dreivierteljahr kam er als Nachrücker der liberalen Bürgerplattform PO von Premierminister Donald Tusk nach Warschau. Nun kandidiert er bei den Sejm-Wahlen Anfang Oktober für eine komplette Legislaturperiode. Der gebürtige Nigerianer aus der zentralpolnischen Industriestadt Łódź ist sich sicher: "Der murzyn wird gewählt." Mit politischen Korrektheiten hält sich Godson nicht auf. Für ihn ist es eine kaum erwähnenswerte Tatsache, dass er schwarz ist.

Für seine polnischen Landsleute ist das weniger selbstverständlich. Gerade einmal 36.000 Ausländer leben offiziell in Polen – rund 0,1 Prozent der Bevölkerung. Es mag weitere 50.000 Migranten geben, die sich illegal in Polen aufhalten – die Schätzungen gehen auseinander. In jedem Fall ist ein Schwarzer im Parlament eine Sensation.

"Für viele Menschen war es schwer fassbar, als die Nachricht vom murzyn im Sejm die Runde machte", erinnert sich Godson an den Dezember 2010. Damals hatte sich eine PO-Abgeordnete aus Łódź aus dem Parlament zurückgezogen und Godson bekam unvermittelt seine Chance. "Irgendjemand sprach damals von einem Kulturschock", erzählt er. Umso verblüffender ist es, wie gelassen und unbefangen der 40-Jährige ist. "Ich liebe das Leben", sagt er und fügt hinzu: "Pessimismus führt zu nichts."

Mit Gottes Hilfe

Womöglich ist es sein Gottvertrauen, das den kräftig gebauten vierfachen Familienvater wie einen Fels in der Brandung wirken lässt. Zwei Stunden täglich verbringt er im Gebet. Bei seiner Vereidigung im Sejm verzichtete er auf die Formel "So wahr mir Gott helfe". Er brauche das nicht zu beschwören, sagt Godson. "Ich bin mir der Hilfe Gottes sicher." Die Worte spricht ein Mann, der 1993 als Abgesandter der evangelikalen Pfingstbewegung aus dem Süden Nigerias nach Polen kam. "Als protestantischer Missionar im katholischen Polen!", wiederholt Godson lachend und fragt rhetorisch: "Ist das nicht wunderbar?"

Kurz darauf lernte Godson in Stettin seine spätere Frau Aneta kennen. Er blieb. Aus Liebe, aber auch weil er Polen mit seinen ausgedehnten Wäldern und Seen, dem Meer im Norden und den Karpaten und der Hohen Tatra im Süden für "das schönste Land der Welt" hält. Und vor allem: "Die Menschen sind unglaublich sympathisch." Fremdenfeindlichkeit hält Godson in Polen für eine Randerscheinung. "Nur einmal, in den neunziger Jahren, haben mich Unbekannte wegen meiner Hautfarbe tätlich angegriffen", erzählt er und erklärt das lieber mit "mangelnder interkultureller Kompetenz" als mit rassistischer Ideologie.

"Mein Einzug in den Sejm belegt, dass Polen ein weltoffenes Land ist", sagt Godson. Manche Fakten aber zeigen, dass es mit der Offenheit nicht immer so weit her ist. Ein Dreivierteljahr vor der Fußball-Europameisterschaft in Polen macht vor allem die Hooligan-Szene Negativschlagzeilen, die für ihre rassistischen Ausfälle berüchtigt ist. Schwarze Spieler werden regelmäßig in Hassgesängen angegriffen. Im Stadion von Rzeszów enthüllten Fans vergangenes Jahr ungehindert ein riesiges antisemitisches Hetzplakat mit der verunstalteten Zeichnung eines Juden darauf und der Aufschrift "Tod den Krummnasen". Und jüngst schändeten Unbekannte ein Mahnmal im nordostpolnischen Jedwabne , das an ein von Polen verübtes Massaker an Juden im Jahr 1941 erinnert.