Als es bei den Vereinten Nationen um Libyens Zukunft ging, war der deutsche Außenminister nirgends zu sehen. Die Briten, die Franzosen, die Italiener – alle hefteten sich an die Fersen des amerikanischen Präsidenten, als dieser schnellen Schrittes und mit Mahmud Jibril, dem Chef des libyschen Übergangsrats, ins Gespräch vertieft in den Sitzungssaal eilte.

Auch bei der folgenden Aussprache über Libyen meldete sich der deutsche Außenminister nicht zu Wort. Weit und breit kein Guido Westerwelle. Es hieß, weil der Deutsche erst ziemlich zum Schluss der Sitzung sprechen durfte, aber gleichzeitig eine Sitzung der europäischen Außenminister anstand, habe er auf einen Auftritt verzichtet und seine Rede zu Protokoll gegeben.

Westerwelle, hieß es weiter, habe überdies die für Libyen geplante Zeit zu einem Gespräch mit dem ukrainischen Außenminister genutzt. Er habe damit Deutschlands Eigenständigkeit bewiesen und zumindest ebenso Wichtiges zu tun gehabt – so ist die eine, die offizielle Lesart.

Es gibt aber auch eine andere, viel treffendere Sichtweise: Der Minister hat sich die Zeit anderweitig vertrieben, weil nach der unrühmlichen Berliner Abstinenz beim Nato-Einsatz in Libyen niemand den deutschen Außenminister zu diesem Thema hören mochte. Vielleicht ist es auch gut so, dass er zu dieser Peinlichkeit endlich einmal schweigt.

Westerwelle fremdelt mit dem Diplomatenamt

Natürlich wird Guido Westerwelle auf der 66. Sitzung der UN-Generalversammlung noch zur Weltpolitik das Wort ergreifen. Am Montag, nach (fast) allen anderen Nationen. Weil er nach der Regierungsrochade nur noch Außenminister ist und nicht mehr auch das Amt des Vizekanzlers bekleidet, ist Westerwelle in der Rangordnung der Redner ganz weit nach unten gerutscht.

Ein Schelm, der glaubt, dieser Platzverlust habe etwas mit dem diplomatischen Gewichtsverlust Deutschlands zu tun. Das hat natürlich nur formale Gründe. Aber denken könnte man es schon.

Auf jeden Fall kann man sich in diesen turbulenten New Yorker Tagen nicht des Eindrucks erwehren, dass dieser Guido Westerwelle nach wie vor mit seinem Diplomatenamt fremdelt. Der Anzug des Außenministers will ihm partout nicht passen. Und wahrscheinlich wird er es nie.

Es gibt kein Vertun: Der Mann der flotten, kühnen Sprüche und schnelllebigen politischen Ideen, der brillante Wahlkämpfer und provozierende Dauerangreifer ist kein Diplomat – und schon gar kein außenpolitischer Stratege. Gegen ihn wirkt selbst ein Klaus Kinkel wie ein zweiter Dietrich Genscher.