Ausschreitungen in Kairo : Ägypter sorgen sich um die Zukunft ihres Landes
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 Heftige Kritik am ägyptischen Staatsfernsehen

Die bekannte ägyptische Bloggerin Esraa Abdelfattah, die für viele als chancenreiche Kandidatin für den diesjährigen Friedensnobelpreis galt, lässt ihrem Unmut über die Übergangsregierung und den Militärrat per Twitter freien Lauf. Sie schreibt, es gehe gar nicht um religiöse Zwietracht, sondern um den Versuch, den Status quo zu erhalten, die Proteste mit Gewalt zu unterbinden und die Wahlen auf unbestimmte Zeit zu verschieben. In einem weiteren Tweet ruft sie die Ägypter dazu auf, heute schwarz zu tragen, aus Respekt vor den "ägyptischen Märtyrern."

Auch viele arabische Internetnutzer sehen die Verantwortung für die Todesopfer beim Chef des regierenden Militärrates, Mohammed Hussein Tantawi. In Leserkommentaren auf arabischen Nachrichtenseiten im Internet kursieren allerdings auch abstruse Theorien über eine vom westlichen Ausland unterstützte Verschwörung der Kopten gegen das muslimische Ägypten.

Die ägyptische Tagespresse berichtet indes online ausführlich mit Videos, Bildern und langen Artikeln. Die unabhängige Tageszeitung Almasry Alyoum hat YouTube-Videos mit zum Teil schockierenden Aufnahmen aus dem Koptischen Krankenhaus in Kairo verlinkt. Auf den Videos von Sonntagabend sind Leichen von toten Demonstranten zu sehen.

Mit der detaillierten Berichterstattung versucht Almasry Alyoum ein Gegengewicht zum offiziellen ägyptischen Staatsfernsehen zu setzen. Dem Fernsehsender wird von vielen Seiten vorgeworfen, durch einseitige Berichterstattung zugunsten der Muslime den Hass zwischen Christen und Muslimen zu schüren und damit sogar den Ausbruch eines Bürgerkriegs in Ägypten zu riskieren.

Auch die Onlineausgabe der regierungsnahen Tageszeitung Alahram beschäftigt sich ausführlich mit den Ausschreitungen. Autor Abdelmonem Said macht in einem Kommentar den religiösen Fanatismus verantwortlich. Den habe es schon zu Zeiten des gestürzten Präsidenten Mubarak gegeben, und er sei immer noch eine reale, existierende Bedrohung des sozialen Friedens in Ägypten. Den Präsidentschaftskandidaten wirft Said vor, sich nicht genug mit den Problemen der Kopten zu beschäftigen.

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Kommentare

45 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Ägypter gebt gut acht. Lasst euch nicht gegeneinander aufhetzen. Nicht der Kopte oder der Moslem nebenan ist der Feind, sondern die Kleptokraten.

Der gemeinsame Feind ist die Militärjunta der Kleptokraten. Die selben Leute die euch schon seit Jahrzehnten ausbeuten. Die, die die Bildung der Demokratie verhindern und euch in Schnellverfahren abverurteilen.

Diese Leute profitieren davon, wenn ihr euch gegenseitig bekämpft. Nur die Militärjunta profitiert von diesen Toten!

Reisst euch zusammen und werdet erstmal die Kleptokraten los. Werft erstmal die US-Maionetten raus, die eure Wirtschaft schon seit Jahrzehnten kontrollieren und jeglichen Anstieg des Wohlstandes in die eigenen Taschen geschaufelt haben.

Wenn ihr die losgeworden seit und das erstemal so etwas wie Demokratie entsteht, bleibt noch genug Zeit sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen!

Militärkleptographen

Leider nur allzu wahr, leider sind diese Militärs aber alle Muslims ( nicht die der friedlichen Sorte ) und profitieren
von jedem Konflikt .
Was braucht man, um von Missständen abzulenken : einen Schuldigen auf den man die Wut des ungebildeten Mobs loslassen kann, zumal wenn man noch mit ihm sympatisiert.
Und seit wann gibt es in einem islamischen Land Religionsfreiheit ?

Zu einfach

Sie machen es sich jetzt aber schön einfach, hier den Faktor der Religion so aufzuwerten. Nicht alle Moslems hegen zu Gewalt und in Ägypten gibt es weitaus wichigere Faktoren für die Krawalle. Die Religion hilft hier nur, Menschen gegeneinander auszuspielen. Dem Militärregime interessieren garkeine Religionen, sondern nur der eigene Machterhalt.

Ich habe ganz klar den Verdacht, dass hier Konflikte zwischen Moslems und Christen angestachelt und ausgenutzt werden.

@hanzwurzt

"Ich habe ganz klar den Verdacht, dass hier Konflikte zwischen Moslems und Christen angestachelt und ausgenutzt werden."

Den habe ich auch.

Aber mir ist auch klar, dass es in Ägypten leider einen äußerst fruchtbaren Boden für antichristliche (und antijüdische!) Hetze zwecks Auseinanderdividierung der Bevölkerung nach dem Prinzip von 'teile und herrsche' gibt.

Und dieser fruchtabe Boden für Christenhass und Judenhass hat m.E. durchaus sehr viel mit Religion zu tun.

Mit einer Religion, um genauer zu sein.

- und natürlich mit all Jenen, die in Ägypten als Glaubensfundamentalisten, Hassideologen, oder sonstig interessierten Leuten praktisch jederzeit ihren eigenen machtpolitischen Profit aus diesem leicht schürbaren und jederzeit abrufbaren Hass auf die "Ungläubigen" ziehen können.

Wie es gerade passt

"Und dieser fruchtabe Boden für Christenhass und Judenhass hat m.E. durchaus sehr viel mit Religion zu tun.

Mit einer Religion, um genauer zu sein."

Na toll, in Libyen scheinen Sie hingegen nur friedliebende Demokraten zu sehen, durch die Bank Moslems versteht sich. DA ist es dann völlig abwegig antisemitische Tendenzen zu wittern. Ich wusste es ja, all diese 100%-igen Rebellen-Unterstützer biegen es sich so zurecht, wies gerade passt.
"Wie es gerade passt" hat meiner Meinung nach widerum sehr viel mit Israel zu tun, bzw. redet stets der Zerstörung der Anrainerstaaten das Wort.

@Kleinempfaenger

"Na toll, in Libyen scheinen Sie hingegen nur friedliebende Demokraten zu sehen, durch die Bank Moslems versteht sich. DA ist es dann völlig abwegig antisemitische Tendenzen zu wittern."

Wie kommen Sie auf solch eine abwegige Idee?

Ich hatte schon vor Monaten mehrfach darauf hingewiesen, dass sich in Libyen Muslime als Gegner gegenüberstehen, von denen viele (und zwar auf beiden Seiten!) glaubensfundamentalistischer Ideologie anhängen, und die sich immer wieder gegenseitig beschuldigen, im Dienste von "Zionisten" und "Kreuzfahrern" zu stehen.

Muhammar al Gaddafi hatte -zwecks Legitimierung seiner despotischen Alleinherrschaft- eine eigene islamistische Ideologievariante rund um sein "Grünes Buch" kreiert und sie zur alleinigen totalitären Staatsideologie erhoben, diverse islamistische Bewegungen und Terrororganisationen rund um den Globus mit Geld, Waffen und Ausbildern unterstützt, und seine Privatbesitzung Libyen ganz nach seinem Verständnis der Scharia ausgerichtet, mit der über allem wehenden grünen Fahne des Propheten als seinem Kampfbanner.

Das sollten wir doch bitte nicht vergessen.

Selbst entlarvt

Schön, dass Sie das damals schrieben. Nehmen wir mal an, Sie würden Ihre eigene Analyse ernst nehmen, dann fragt man sich, wie es zu dieser penetranten Parteinahme Ihrerseits kommen konnte, bis hin zum Beifall klatschen für Kriegsverbrechen. Das hätten Islamisten nach Ihrem eigenen Bekunden und Bedenken in Kommentar 8 zufolge doch sicher nicht verdient.
Leider waren Ihre Worte auch damals schon nicht mehr, als ein Mittel zum Zweck, um argumentativ zur Zerstörung des Staates und seiner Machtelite übergehen zu können, mit denen Israel noch ein paar Hühnchen zu rupfen hatte. Es handelte sich auch damals schon um nicht mehr als die Verbiegung der Tatsachen. Denn Islamisten haben zu Gadhafi ein ähnliches Verhältnis, wie der Teufel zum Weihwasser. Ideologisch kommt er aus dem Dunstkreis des arabischen Nationalismus. Nationalismus und Umma, das verträgt sich nicht so gut. Selbst Ihnen sollte doch bei Ihren eigenen Worten ein Lichtlein aufgehen: "... zwecks Legitimierung seiner despotischen Alleinherrschaft". Machts klick? Da kommen die Mullahs nicht vor, im Hintergrund zog ER die Fäden, nicht der Klerus.
Aber sicher haben Sie da andere Erkenntnisse. Die können Sie ja haben, nur kommen Sie nicht mehr mit dem Argument, dass bei den NATO-protegierten Rebellen die Sache eindeutiger wäre. Die sind nämlich allesamt Muslime, also denken Sie immer an Ihre eigenen Worte: "Christenhass und Judenhass hat m.E. durchaus sehr viel mit Religion zu tun. Mit einer Religion, um genauer zu sein."

Pillepalle

Ich finde es immer wieder erschreckend, wie die Anti-Islam-PI Fraktion hier jede Gelegenheit nutzt die Schuld der Vorfälle irgentwelchen Islamisten in die Schuhe zu schieben.

Fassen wir mal zusammen:

- 24 Tote, davon wurden 2/3 von Militärfahrzeugen kaltblütig überrollt.

- Eine Militärjunta, die die Konflikte ganz aktiv anstachelt um den Zorn der Ägypter abzuleiten.

- Brutale Gewalt seitens des Militärregimes, willkürliche Verhaftungen.

Dies ist kein Konflikt zwischen Kopten und Moslems!

Und so war der Christen-Protest am Sonntag nicht nur religiös, sondern auch politisch motiviert: "Das Volk will den Rücktritt des Feldmarschalls!", riefen die Demonstranten in Anspielung an den Führer des Militärrats Mohammed Hussein Tantawi. In ihren Augen hat die Militärregierung zunehmend die Züge einer Junta.

Das Militär antwortete mit brutaler Gewalt und hetzte neben seinen Uniformierten auch linientreue Schlägertrupps gegen die Christen und ihre Unterstützer. Das berichten westliche Reporter vor Ort. Damit hat sich die Armee Methoden zu Eigen gemacht, die man am Nil bislang nur von der Polizei kannte.

Die Schuldigen sind ganz klar auszumachen: Die Militärjunta unter Hussein Tantawi.

Aber damit die Israelis gut schlafen können und die USA ihre militärische Macht sichern können, können die Ägypter ja erstmal auf eine Demokratisierung verzichten, nicht wahr?

Kann sich noch einer erinnern, warum wir in Libyen sind? Genau, militärische Gewalt gegen Zivilisten.

Andre Länder, andre Sitten

Denn hier, auch in diesem Forum, sind's ja offenbar immer die Moslems, die bös sind, während Christen mir Heiligenscheinautomatismus versehen werden.
Ansonsten bräuchte es ja kein Religionsgequatsche: Wer andere haut, ist nicht nett, das versteht sich ja wohl von selbst. Und selbst dann, wenn ein Christ einen Moslem haut, oder?
Im Übrigen halte ich Religionsfreiheit dann für sinnvoll, wenn sie Freiheit von finsterstem Aberglauben bedeutet - solange es nur Desinformationsfreiheit bedeutet, bringt diese "Freiheit" doch nicht mehr, als die Freiheit, sich das Gesicht lila anzumalen. Wem's gefällt – aber wirklich weiterbringen tuts auch nicht.

Vom Himmelhochjauzen zur Verteufelung

"Die Kopten standen an der Seite der Moslems als es gegen Mubarak ging." Und nun ist Mubarak weg und los geht die Sause. Es ist doch egal, wer den ersten Stein geworfen hat. Tatsache ist leider, dass in diesen Staaten, wie z.B auch in Libyen, viele Risse durch die Gesellschaft gehen, die in den letzten Jahrzehnten durch die harte Hand von Diktatoren oberflächlich gekittet waren. Dies war sicher keine optimale Lösung, aber doch ein status quo ohne katastrophale Auseinandersetzungen, welcher den Gesellschaften wirtschaftlichen Aufschwung und Fortschritt ermöglicht hat.
Gerade wegen dieser Tatsachen ist die radikale Kehrtwende des Westens, vom Fallenlassen der protegierten Diktatoren wie heisse Kartoffeln bis hin zum gnadenlosen Wegbomben der letzten Jahrzehnte in Libyen, extrem verantwortungslos.
In Ägypten haben sich die Dinge einigermassen selbstständig entwickelt, was ok ist. Nur darf nun nicht der Fehler gemacht werden vom Himmelhochjauzen angesichts des aus westlicher Sicht demokratisch motivierten arabischen Frühlings zur Verteufelung von Islamisten über zu gehen. Es muss darum gehen, die Institutionen zu unterstützen und zu vermitteln, auch wenn es manchmal schwer fallen sollte. Und man muss davon ausgehen, dass die westliche Demokratie für die meisten Menschen im Nahen Osten eher ein Schreckgespenst ist, als eine schicke Gesellschaftsform.