Am Dienstag kommender Woche wird der ägyptische Blogger Maikel Nabil Sanad erfahren, ob seine Berufung gegen eine drei-jährige Gefängnisstrafe Erfolg hat. Der 26-Jährige sitzt wegen "Beleidigung des Militärs" und "Irreführung der öffentlichen Meinung" ein. Seit einem Monat protestiert er mit einem Hungerstreik gegen seine von einem Militärtribunal verhängte Strafe.

Amnesty International und Reporter ohne Grenzen machen weltweit auf Sanads Inhaftierung aufmerksam. In ägyptischen Medien erregt sein Schicksal dagegen nur wenig Aufmerksamkeit. Die öffentliche Meinung ist bestenfalls ambivalent.

Sanad wurde für die Veröffentlichung eines Blogeintrags mit der Überschrift "Die Armee und das Volk waren niemals eine Hand" verurteilt. Das Bild vom Volk und der Armee als eine Hand entstand in den ersten Tagen der Januarrevolution. Sanad beschuldigt die Armee, die Polizei zur Unterdrückung der Aufständischen mit scharfer Munition versorgt zu haben und sich erst auf ihre Seite geschlagen zu haben, als der Sturz Hosni Mubaraks nicht mehr zu verhindern war.

Sanads Freund Amr Bakly glaubt, der eigentliche Grund für seine drastische Bestrafung sei Sanads Weigerung 2009, Kriegsdienst zu leisten. Er setze sich damit gegen die Armee durch. Der Fall erregte großes Aufsehen. Bakly glaubt, das Militär habe sich die Chance zur Rache nicht entgehen lassen.

Ursprünglich war die Berufungsverhandlung auf den heutigen Dienstag angesetzt. Doch dann verschob der Richter den Termin um eine Woche. Offizielle Begründung: Es lägen nicht alle Papiere vor. Das ist insofern erstaunlich, als dass laut Aussage von Sanads Anwälten die fehlenden Papiere schnell herbeigeschafft hätten werden können: Sie lagern ein paar Treppen im selben Gebäude.

Er bekennt sich zum Atheismus und tritt für Israel ein

Ankläger und Richter vor Militärtribunalen sind Offiziere, als Zeugen werden ebenfalls nur Offiziere zugelassen. Seit Januar wurden fast 12.000 Zivilisten vor solchen Tribunalen verurteilt, mehr als in den dreißig Jahren der Mubarak-Diktatur. Auf dem Tahrirplatz werden Demonstrationen abgehalten, prominente Politiker wie Mohamed ElBaradei erheben Einspruch gegen die Militärjustiz.

Sanad bekennt sich zum Atheismus und tritt für das Existenzrecht Israels ein. Er nennt sich "Ägyptens erster pro-israelischer Aktivist" und veröffentlicht seinen Blog auf Arabisch, Englisch und Hebräisch. Es wäre verkehrt, in ihm einen radikalen Zionisten zu entdecken. All seine Sympathien gälten den Opfern, notierte er nach dem Jerusalemer Busanschlag im Februar dieses Jahres in seinem Blog, doch er verstehe Terrorismus als direktes Ergebnis fehlender Friedensbereitschaft auf beiden Seiten. Derart ausgewogene Ansichten sind selten, selbst für pro-demokratische Aktivisten. Viele hassen ihn wegen solcher Äußerungen.

Ein Kommentator auf der Webseite der Tageszeitung Youm7 nennt Sanad einen Verräter, ein weiterer Kommentator fordert für ihn die Todesstrafe. Maha Mamoun, Rechtsanwältin des für Bürgerrechte eintretenden Hisham Mubarak Law Centre, beobachtet, dass die Medien seinen Fall immer nur dann kurz beleuchteten, wenn eine Menschenrechtsorganisation eine Presseerklärung herausgibt, "aber sie nehmen ihn nicht wirklich ernst."