MenschenrechteUN beklagen systematische Folter in Afghanistan

Schläge, Elektroschocks und herausgerissene Zehennägel: In afghanischen Gefängnissen wird laut UN-Bericht gefoltert. Die Regierung wies die Anschuldigungen zurück. von dpa

Das Gefängnis im afghanischen Kandahar

Das Gefängnis im afghanischen Kandahar  |  © STR/AFP/Getty Images

Nach der Befragung Hunderter Gefängnisinsassen in Afghanistan haben die Vereinten Nationen den Sicherheitsbehörden des Landes systematische Folter und Misshandlung vorgeworfen.

In zahlreichen Gefängnissen des Geheimdienstes NDS und der Polizei würden Insassen mit Methoden verhört, die nach internationalem Recht als Folter gelten, heißt es in dem in Kabul vorgestellten Bericht der Mission der Vereinten Nationen in Afghanistan (UNAMA). Dazu gehörten massive Drohungen, Schläge mit Gummischläuchen und Stromkabeln, Elektroschocks und das Herausreißen von Zehennägeln. Die afghanische Regierung wies die Anschuldigungen zurück.



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Nach UN-Angaben wurden für die Studie 47 Gefängnisse in 22 der 34 afghanischen Provinzen inspiziert. Insgesamt seien 379 Häftlinge befragt worden. Etwa 40 Prozent von ihnen wurden demnach vor allem im Laufe von Vernehmungen misshandelt. In mindestens fünf Einrichtungen des NDS hätten Beamte die Gefangenen "systematisch gefoltert", um Informationen oder Geständnisse zu erpressen. Die Verantwortlichen seien bislang nicht zur Rechenschaft gezogen worden. 



Dringender Reformbedarf

Der UN-Gesandte für Afghanistan, Staffan de Mistura, schlug trotz der nachgewiesenen Misshandlung von Häftlingen versöhnliche Töne an. Es gebe keine Hinweise darauf, dass Folter nach behördlich vorgegebenen Richtlinien angewandt werde, sagte er in Kabul. Vielmehr hätten Geheimdienst und Innenministerium für die Studie eng mit den UN zusammengearbeitet.

Das zeige die bestehende Bereitschaft der afghanischen Regierung, die nun notwendigen Reformen in Justiz, Strafverfolgung und Strafvollzug einzuleiten. 

Ein Sprecher der Isaf sagte, aufgrund der erhobenen Vorwürfe gebe es seit Anfang September keine Gefangenentransfers in 16 afghanische Haftanstalten. Die Isaf sei mit der Regierung im Gespräch, um die Probleme zu lösen. Dies sei aber bislang noch nicht vollständig geschehen. 



Bereits vor einem Monat hatte der britische Sender BBC die Foltervorwürfe aus dem UN-Bericht vorab veröffentlicht. In der Vergangenheit hatten Menschenrechtler wiederholt Verfehlungen der afghanischen Sicherheitskräfte dokumentiert and angeprangert. So warnte die Hilfsorganisation Oxfam im Mai vor einer möglichen Zunahme der Übergriffe auf Zivilisten, wenn die Afghanen die Verantwortung für die Sicherheit von den internationalen Truppen übernehmen. In dem Oxfam-Bericht wird neben Übergriffen auf Zivilisten auch von Folter und willkürlichen Tötungen berichtet. 

Nach einem Nato-Beschluss sollen afghanische Sicherheitskräfte bis Ende 2014 im ganzen Land das Kommando führen. Bereits im Juli wurden die ersten sieben Städte und Provinzen übergeben.

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Leserkommentare
  1. gegen die gerichtet, die sich der Menschlichkeit verweigern.
    So will ich mich abwenden von denen, die der Seele und der Liebe keine Zuflucht gewähren.
    Das soll dort im fremden Lande, sowie auch hier unter unserem Himmel gelten.

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  2. Es ist wirklich beeindruckend:
    Da bomben wir seit 10 Jahren unsere Volkswirtschaften in die Steinzeit Afghanistans zurück - und am Ende schaffen wir es, einen korrupten, von Milizen zersetzten, drogenexportierenden Pseudostaat zu errichten.

    Klar - wir haben Frauenrechte geschützt und Brunnen gebaut.

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  3. ist es wieder mal an der Zeit Afghanistan mit dem Hinweis auf die Menschenrechtsverletzungen anzugreifen- ähem zu befreien, oder wie lautete die rot grüne Sprachregelung vor 10 Jahren nochmals???

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  4. Die USA und Verbündete (Vasallen) sind Kolonialmacht in Afghanistan. Die Regierung Karzai ist Statthalter. Bei den ersten freien Wahlen wurde Karzai abgewählt, die Kolonialmacht hat aber Wahlmodulation angeordnet. Die Karzai Domestiken für das verantwortlich zu machen, was aus Washington angeordnet wurde, ist nicht fair. Change your mind.

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  5. Aber wie sagte unser Verteidigungsminister kürzlich:
    "Eine freiheitliche Demokratie nach westlichem Vorbild in diesem Land zu errichten ist zu illusionär, vielleicht nicht einmal richtig für dieses Land."
    http://tinyurl.com/3fo3qkw

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    • WiKa
    • 10. Oktober 2011 21:50 Uhr

    … die Lehrmeister und Ausbilder dieser Truppenteile? Ich denke die Jungs haben wohl gut gelernt, oder wollte jetzt jemand behaupten Folter sei Veranlagung und genetisch bedingt?

  6. die afghanischen Sicherheitskräfte wurden doch überwiegend von den westlichen Militärausbildern gedrillt....

    wahrscheinlich haben sie eine überzogene Vorliebe für die Veranstalltung -Erfolgreich Verhören á la Guantanamo- entwickelt.
    Vielleicht sind ja die irakischen Sicherheitskräfte während der Ausbildung mehr für die Menschenrechte sesibilisiert worden...

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  7. 8. Folter

    Im Westen wie im Osten kennen manche Menschen keine Gnade.
    Daraus kann man schließen, daß diese Menschen Gott nicht kennen. Denn Gott oder Allah sieht alles - und zieht ganz andere Schlüsse als der beschränkte Mensch - und kann deswegen gnädig sein.
    Und wenn in einem religiösen Land wie Afghanistan gefoltert wird - und sogar Kindern dies angetan wird, dann müssen die Verantwortlichen dafür bestraft werden.
    Und wenn dieser Befehl von der afghanischen Regierung ausgeht, dann tut sie dies im Dienste des Westens.
    Aber so wird Afghnaistan nicht souverän.
    Und es gereicht dem Westen zur Schande, daß Kinder gefoltert werden: man muß sich das einmal vorstellen!!
    Und noch mal frage ich, wo sind die Menschen wie Frau Käßmann, die einen anderen Ansatz zum Frieden haben? Sie werden vom Westen rechtzeitig kaltgestellt.

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    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wem dies zu antiquiert erscheint: hier eine moderne Version: Man kann unser Gehirn als Spiegelbild des persönlichen Gottes sehen: im Gehirn ist alles gespeichert: jede Erfahrung, jede Begegnung, jede Tat, jeder Geruch, alles, was wir erlebt haben: nur wir selber können einen kleinen Teil abrufen: projezieren wird das in ein komplexes Bewußtsein, dann haben wir den allwissenden Gott.

    kann man mit euch diskutieren ohne, dass ihr gott mit einbezieht und andere bekehren wollt?

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
  • Schlagworte Afghanistan | BBC | Folter | UN | Drohung | Gefängnis
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