AfghanistanGeplatzte Träume am Hindukusch

Freudig begrüßten die Afghanen 2001 ausländische Truppen. Doch je länger der Einsatz dauert, desto mehr sinkt die Hoffnung auf Frieden – auf beiden Seiten. von Michael Schmidt

Ein US-Soldat an einem Außenposten in Afghanistan

Ein US-Soldat an einem Außenposten in Afghanistan  |  © TAUSEEF MUSTAFA/AFP/Getty Images

Alles schien so einfach zu sein: Al Qaida ausschalten, das Taliban-Regime stürzen, Köpfe und Herzen der Afghanen gewinnen und ihnen nach Jahrzehnten des Bürgerkriegs endlich Frieden, Sicherheit und Wohlstand schenken. Als die ausländischen Truppen nach 9/11 an den Hindukusch kamen, wurden sie, heute kaum noch vorstellbar, mehrheitlich freudig begrüßt. Die Erwartungen waren groß, die Hoffnungen immens, und die westliche Allianz, im Glauben an eine kurze erfolgreiche Mission, naiv genug, mit Verheißungen nicht zu geizen. Zehn Jahre später sind die Träume geplatzt. Ernüchterung ist eingekehrt. Auf allen Seiten.

"Die Ziele waren zu hoch", sagt Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) heute. "Die internationale Intervention steht vor dem Scheitern", sagt Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network. Die Allianz habe sich "zu sehr auf den militärischen Teil konzentriert", den "Aufbau eines funktionierenden Staatswesens vernachlässigt", und das Schicksal des Landes "in die Hände korrupter Politiker und Warlords gelegt, die eigentlich vors Kriegsverbrechertribunal nach Den Haag gehörten" – stattdessen hätte man mehr auf loyale Einheimische setzen sollen, sagt Ruttig.

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2003 waren in Afghanistan nicht einmal 20.000 ausländische Soldaten. Inzwischen umfasst die Schutztruppe Isaf 140.000 Soldaten aus mehr als 40 Nationen, hinzu kommen mehrere Zehntausend Mitarbeiter privater Sicherheitsfirmen – und die Lage ist trotzdem nicht unter Kontrolle. Im Gegenteil. Seit 2004, nachdem sich die Taliban in Pakistan neu formiert hatten und wieder erstarkt begannen, den Isaf-Truppen das Leben in Afghanistan schwer zu machen, hat sich die Zahl der getöteten Soldaten jährlich erhöht, auf inzwischen insgesamt mehr als 2750.

Wie die Internetseite "icasualties.org" zeigt, war die Entwicklung in den vergangenen drei Jahren besonders dramatisch. 2008 starben 295 Soldaten, 2009 waren es 521 und im vergangenen Jahr 711. In diesem Jahr dürfte sich die Zahl nochmals erhöhen. Hauptleidtragende im Konflikt aber ist die afghanische Zivilbevölkerung . Nach UN-Angaben starben im vergangenen Jahr 2777 Afghanen, die nicht an den Kriegshandlungen beteiligt waren. 1462 Menschen kamen allein im ersten Halbjahr 2011 ums Leben – mehr denn je innerhalb von sechs Monaten. Drei Viertel der Opfer wurden dabei von den Aufständischen getötet.

Der Krieg kostet die USA fünf Milliarden Euro im Monat

Von Anfang an gehörte die Wiederaufbauhilfe zum Programm der westlichen Allianz. Tatsächlich gibt es Fortschritte. Vor allem in den Städten wird vielfach normal gelebt, gehandelt und gearbeitet, gibt es Strom, Trinkwasser, mehr und bessere Straßen und Brücken. Krankenhäuser wurden eingerichtet, Mädchenschulen gebaut, überhaupt Bildung und Ausbildung gefördert – viel ist passiert, viel wurde getan, viel investiert.

Doch trotz einiger Erfolge reicht das Geld vorne und hinten nicht. Denn die Ausgaben für die internationale Hilfe machen nur einen Bruchteil dessen aus, was man sich jeweils den Krieg kosten lässt: Die USA geben für den Militäreinsatz allein monatlich fünf Milliarden Euro aus. 200 Millionen zahlen sie an Hilfsgeldern. Die Bundesregierung veranschlagt gut 800 Millionen Euro für vier Wochen Militäreinsatz und 36 Millionen Euro für zivile Projekte.

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