GroßbritannienCameron in der Europa-Klemme

Unter den konservativen Parteigängern des britischen Premiers gibt es viele Europafeinde. Doch Cameron weiß: Er kann nicht ohne die Union – trotz Euro-Krise. von 

Großbritanniens Premier David Cameron

Großbritanniens Premier David Cameron am Mittwoch in Brüssel  |  © John Thys/AFP/Getty Images

Kaum etwas bereitet bekanntlich größeres Vergnügen, als darauf hinzuweisen, dass man das Unheil vorausgesehen und gewarnt habe. Die Schadenfreude, die in Großbritannien angesichts der Euro-Krise durchschimmert, mag kein schöner Zug sein. Aber sie lässt sich zumindest nachvollziehen. Viele skeptische Gemüter fühlen sich durch den Lauf der Ereignisse bestätigt: Der Euro ist ein Luftschloss, ersonnen von Träumern, so verliebt in ihren grandiosen Entwurf, dass sie die verhängnisvollen Mängel der Währungsunion geflissentlich übersahen.

Dem Argument muss man, wie widerstrebend auch immer, zustimmen. Ohne politische Union, ohne eine gemeinsame Fiskal- und Wirtschaftspolitik, war der Euro, mit seinem Leitzins für höchst unterschiedliche ökonomische Kulturen, Konjunkturlagen und Nationalstaaten, ein gefährliches Unterfangen.

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Es waren nicht nur die notorisch skeptischen Briten, die in den neunziger Jahren schwere Bedenken hegten: Gerhard Schröder beispielsweise sprach sich 1997 während einer London-Visite gegen die "übereilte" Schaffung des Euro aus und wies warnend ("Wer steht dafür gerade?") auf die hohe Verschuldung Italiens hin. Schröder war seinerzeit Ministerpräsident Niedersachsens und noch nicht zum SPD-Kanzlerkandidaten gekürt worden. Als Bundeskanzler muss er dann den Schluss gezogen haben, dass der Euro-Zug nicht mehr aufzuhalten sei.

"Ein brennendes Haus ohne Notausgang"

In Großbritannien sind sich die meisten Politiker einig darin, dass das Land auf absehbare Zeit außerhalb der Euro-Zone bleiben wird, gerade dann, wenn es die 17 Staaten der Währungsunion wirklich schaffen sollten, ihre Wirtschafts- und Steuerpolitik zu integrieren und stärker zusammenzuwachsen. Genau das – mehr politische Integration der Euro-Zonen-Länder – mahnen Premier David Cameron und sein Schatzkanzler George Osborne an. Sie wissen, dass der Euro, dessen Krise noch nicht überstanden ist, auf Dauer nur so eine Chance hat. Die Währungsunion mag einem "brennenden Haus ohne Notausgang" gleichen, wie Außenminister William Hague sagt, aber ein stabiler, überlebensfähiger Euro liegt auch im Interesse Großbritanniens.

Das versucht David Cameron seinen Konservativen unablässig einzuhämmern. Zuletzt bei der Abstimmung über ein mögliches Referendum zum Austritt aus der EU, das die Regierung zum jetzigen Zeitpunkt unter allen Umständen verhindern will. Cameron kam mit einem blauen Auge davon, dank der Unterstützung von Labour. Doch offenbarte sich, wie ausgeprägt unter Hinterbänklern der Tories eine Haltung ist, für die die Bezeichnung europaskeptisch noch beschönigend ist. Man muss sie eher europafeindlich nennen.

Diese Hinterbänkler drängen auf den Austritt aus der EU, wissen sich im Aufwind der öffentlichen Abneigung gegen Europa, und wollen so schnell wie möglich per Referendum dieses Ziel erreichen. Der Schweiz und Norwegen gehe es schließlich gut außerhalb der EU, warum nicht auch Großbritannien, sagen sie. Andere Tories glauben, es sei nun zumindest die Stunde gekommen, von der EU bei künftigen Verhandlungen Konzessionen zu erzwingen und gewisse Rechte aus Brüssel zurückzuholen.

Leserkommentare
  1. Wenn die Aussagen in den Leserbriefspalten britischer Zeitungen einen Hinweis auf die Verfasstheit eines Teils der Bevölkerung sind, dann beginnt auch dort die Stimmung zu kippen. Die leute erkennen inzwischen welches Spiel die politische Führung und einflussreiche Medien mit dem Thema Europa getrieben haben. Die Stimmungsmache gegen Europa diente vor allem einem Zweck; Der Verteidigung der Londoner City, also des Börsen- und Bankenplatzes. Solange sich dort das Kapital auf eine alchimistische Art und Weise zu vermehren schien, war ihnen jedes Mittel recht, um Regulierungswünsche abzuschmettern. Da konnte dann jemand wie Oskar Lafontaine auch zum "gefährlichsten Mann" Europas werden.
    Die Regierungen in GB, und besonders die unter derFührung der Tories verstanden es immer gut, die eigenen Fehler und Versäumnisse auf Brüssel abzuwälzen.

    Nun, da die Rettung der Banken dem britischen Steuerzahler Milliarden aufbürdet, und sich langsam die Wirkungen der dadurch erzwungenen Sparmaßnahmen auswirken, erkennen immer mehr Bürger auf der Insel, welchem Popanz sie aufgesessen sind.

    Allerdings bezweifle ich, ob sich diese Erkenntnis allgemein durchsetzen dürfte, zu sehr sind die anti-europäischen Instinkte inzwischen verwurzelt.

    Ein Austritt aus der EU wäre wohl für beide Seiten die beste Lösung!

    15 Leserempfehlungen
  2. Großbritannien würde sich dann immer mehr in Richtung Monaco entwickeln...

    Außerhalb der EU, Ein Fürstenhaus mit Glamourfaktor, Formel 1 und eine "Großes Casino"...

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    Monaco ist zu unbedeutend und ist eher auch an Frankreich angebunden.

    Die Briten sollten irgendwann den Schritt wagen und austreten.

    Deutschland wird auch austreten, aber erst, wenn es zermürbt ist und man uns nicht mehr braucht.

    • Fluhu
    • 28. Oktober 2011 16:42 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf poelmische Kommentare und Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/vn

  3. Monaco ist zu unbedeutend und ist eher auch an Frankreich angebunden.

    Die Briten sollten irgendwann den Schritt wagen und austreten.

    Deutschland wird auch austreten, aber erst, wenn es zermürbt ist und man uns nicht mehr braucht.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ergänzung..."
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    Austritt aus der EU profitieren wuerde. Die englische
    Wirtschaft ist mit Norwegen nicht zu vergleichen - das englische Erdoel ist am Ende und pro Einwohner ueberhaupt
    nicht mit Norwegen zu vergleichen. Das englische Pfund wurde
    gegen den Euro betraechtlich abgewertet. Ein Austritt aus
    der EU haette fuer GB sehr viel schlimmere Folgen als fuer
    die EU.

    Austritt aus der EU profitieren wuerde. Die englische
    Wirtschaft ist mit Norwegen nicht zu vergleichen - das englische Erdoel ist am Ende und pro Einwohner ueberhaupt
    nicht mit Norwegen zu vergleichen. Das englische Pfund wurde
    gegen den Euro betraechtlich abgewertet. Ein Austritt aus
    der EU haette fuer GB sehr viel schlimmere Folgen als fuer
    die EU.

    • Mmblfrz
    • 28. Oktober 2011 17:15 Uhr

    nicht mehr genau weiß wo es politisch hingehört- zu Europa oder eher zu den USA. Dazu hin- und hergerissen zwischen Trauer ums verlorene Empire und der Erkenntnis, dass selbst in Europa gegenwärtig keine zentrale Funktion zu erlangen ist.
    Britannien hat den Euro verweigert-- dafür Glückwunsch. Aber das Land sollte nun nicht die EU als Ganzes für sich in Frage stellen, das wäre, aus meiner Sicht unklug und allein eine Diskussion darüber schwächt die eigene Position innerhalb der EU.

    4 Leserempfehlungen
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    • lepkeb
    • 28. Oktober 2011 17:37 Uhr

    hingehört und ist sich der Tatsache bewusst. Denn im Prinzip ist eine kleine Insel am Rande des eurasischen Wirtschaftsraumes, die in der Bedeutungslosigkeit versinken wird, da sie niichts zu beten haben. [...]
    Aber ihre weiterführende Argumentation ist im Kern Ur-Britisch wir wollen mitreden, aber spielen nach unseren eigenen Regeln und gehören eigentlich nicht dazu.
    [...] Die würden schon von alleine angekrochen kommen. Denn dank Frau "I want my money back" und den Folgeregierungen ist GB substanziell (wirtschaftlich und gesellschaftlich) gegen die Wand gefahren worden und daraus gibt es imho kein zurück. Die Finanzwirtschaft zählt nicht, da sie imho nicht substanziell ist.
    Wenn sie den Influx von britischen Migranten zur Zeit hier in Canada sehen, dann wissen sie wo der Hase lang läuft.

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine neutrale Wortwahl. Danke. Die Redaktion/vn

  4. Austritt aus der EU profitieren wuerde. Die englische
    Wirtschaft ist mit Norwegen nicht zu vergleichen - das englische Erdoel ist am Ende und pro Einwohner ueberhaupt
    nicht mit Norwegen zu vergleichen. Das englische Pfund wurde
    gegen den Euro betraechtlich abgewertet. Ein Austritt aus
    der EU haette fuer GB sehr viel schlimmere Folgen als fuer
    die EU.

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    • neoen
    • 29. Oktober 2011 4:34 Uhr

    Als Demokrat teile ich die EU-Feindlichkeit der Briten; schon die Regulierungswut Brüssels ist erschreckend, das Menetekel weitergehender Übertragungen nationaler Souveränitäten verstärkt Auswanderungsüberlegungen.

    Gravierende Folgen für die Briten im Falle ihres Austritts sehe ich nicht. Sie machten business as usual, nur ohne sich mit Brüssel abgeben zu müssen. Ein meiner Ansicht nach auch für D erstrebenswertes Szenario. Lasse mich aber gerne über etwaige, für die Briten fatalen Folgen aufklären.

  5. Austritt aus der EU profitieren wuerde. Die englische
    Wirtschaft ist mit Norwegen nicht zu vergleichen - das englische Erdoel ist am Ende und pro Einwohner ueberhaupt
    nicht mit Norwegen zu vergleichen. Das englische Pfund wurde
    gegen den Euro betraechtlich abgewertet. Ein Austritt aus
    der EU haette fuer GB sehr viel schlimmere Folgen als fuer
    die EU.

    • lepkeb
    • 28. Oktober 2011 17:37 Uhr

    hingehört und ist sich der Tatsache bewusst. Denn im Prinzip ist eine kleine Insel am Rande des eurasischen Wirtschaftsraumes, die in der Bedeutungslosigkeit versinken wird, da sie niichts zu beten haben. [...]
    Aber ihre weiterführende Argumentation ist im Kern Ur-Britisch wir wollen mitreden, aber spielen nach unseren eigenen Regeln und gehören eigentlich nicht dazu.
    [...] Die würden schon von alleine angekrochen kommen. Denn dank Frau "I want my money back" und den Folgeregierungen ist GB substanziell (wirtschaftlich und gesellschaftlich) gegen die Wand gefahren worden und daraus gibt es imho kein zurück. Die Finanzwirtschaft zählt nicht, da sie imho nicht substanziell ist.
    Wenn sie den Influx von britischen Migranten zur Zeit hier in Canada sehen, dann wissen sie wo der Hase lang läuft.

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine neutrale Wortwahl. Danke. Die Redaktion/vn

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