François HollandeFrankreichs langweiliger Superstar

Der neue Spitzenkandidat der Sozialisten empfiehlt sich als "normaler Präsident". Er will als Gegenentwurf des extravaganten Sarkozy punkten. von 

François Hollande

François Hollande  |  © Franck Prevel/Getty Images

Von François Hollande gibt es zig Fotos, die ihn mit einem erschrocken-verständnislosen Gesichtsausdruck zeigen. Den Kopf abwehrend nach hinten gebogen, die Augen weit aufgerissen, als wolle er sagen: Wie, meint da jemand mich? Ich fasse es nicht!

Doch ja, genau er, der als buchhalterischer Langweiler verschrien ist. In den Köpfen der Franzosen war Hollande in erster Linie als derjenige Parteivorsitzender verankert, unter dem die Sozialisten in die Bedeutungslosigkeit drifteten. Und nun das: Nun steht er als Herausforderer von Präsident Nicolas Sarkozy bei der Wahl im nächsten Mai fest. In der zweiten Runde der sozialistischen Vorwahlen gaben dem 57-Jährigen am Sonntag 56 Prozent den Vorzug vor seiner parteiinternen Rivalin Martine Aubry.

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Sieben Monate bleiben nun dem Sohn eines Arztes aus Rouen im Norden Frankreichs, die Franzosen zu überzeugen, dass sie ihn bisher gnadenlos unterschätzt haben. Das ist nicht viel Zeit für einen, der sich laut Eigenaussage selbst für keinen außergewöhnlichen Menschen hält und bisher eher unter seinem Spitznamen "Flamby" bekannt ist. So heißt in Frankreich ein Wackelpudding mit Karamellgeschmack. Angeblich hat dieser Ähnlichkeit mit Hollands Hüftpartie.

Den Wählern empfiehlt sich Hollande als "normaler Präsident". Also als Gegenentwurf zu dem Spring-ins-Feld Sarkozy. "Weichei", lästerte neulich noch Parteichefin Aubry. Und auch Hollandes ehemalige Lebensgefährtin Ségolène Royal, die 2007 gegen Sarkozy unterlag, spottete über ihren Ex: "Man benutzt das Wort 'normal', um zu sagen: 'Schlaft gut, liebe Leute. Keiner wird Euch stören, niemand wird etwas bewegen.'"

Dennoch sicherte Royal ihm ihre Unterstützung zu, nachdem sie in der ersten Runde der Vorwahl nur auf Platz vier von sechs Kandidaten gelangte. Denn womöglich wollen die Franzosen nach fünf ruhelosen Sarkozy-Jahren ja genau das: einen Langweiler, der weniger von sich selbst reden macht, der aber kompetent ist.

Und das kann Hollande niemand abstreiten. Er absolvierte gleich drei der Pariser Eliteuniversitäten: die Sciences Po, die Handelsschule HEC und die Verwaltungshochschule ENA. Schon als 20-Jähriger gehörte er zum Wahlkampf-Team von François Mitterrand, der ihn nach seinem Sieg 1981 zu seinem Wirtschaftsberater machte.

Während Hollande als Staatschef zunächst radikal die Schulden herunterfahren möchte und nicht allzu viele soziale Wohltaten verspricht, setzt Aubry stärker auf eine Ankurbelung der Wirtschaft. Beide forderten zudem einen stärkeren staatlichen Einfluss bei den Banken. Hollande sprach sich im Gegenzug für Staatshilfen für eine Kapitalbeteiligung an den Finanzinstituten "mit Veto-Recht" sowie einen Garantie-Fonds der Banken aus. Er solle durch Überschüsse erfolgreicher Banken genährt werden.
 

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Leserkommentare
    • Varech
    • 17. Oktober 2011 19:18 Uhr

    ... berichtet die ZEIT über den nun eröffneten Wahlkampf in F. Gut, das ist die Aktualität.

    Der 17. Oktober ist aber auch und vor allem der 50. Jahrestag des Massakers an algerisch-stämmigen Franzosen in Paris. Begangen durch den allseits verehrten Präsidenten-General de Gaule und seinen Mord-Spezialisten aus Vichy-Zeiten Papon. Darüber in der Zeit heute kein Wort.

    Wäre ist nicht interessant gewesen, zu erfahren, ob und wie sich Francois Hollande zu diesem Tag geäussert hat? Und überhaupt zum "Gaulismus" und der französischen Terror-Tradition seit 1793? Ob aus Geschichte in F endlich gelernt wird, oder ob immer weiter neues Blut übers alte vergossen werden soll. Billigend schweigen?

  1. und was seine Ex, Ségolène Royal (Spitzname "Eiswuerfel") angeht, die wuerde ich wirklich nicht so ernst nehmen. Ihr Programm bestand im Wesentlichen aus dem Satz "venez voter pour moi", nicht sehr beeindruckend. In Interviews kommt Holland ganz gut rueber, der wird m.E. total unterschaetzt. Da der womenizer Strauss Kahn sich nun endgueltig selbst erledigt hat, ist Holland der Kandidat mit den besten Chancen. Sarko ist ein eitler Politclown der bisher nichts geliefert hat, ausser fuer ein paar seiner Kumpels.

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    "...Da der womenizer Strauss Kahn sich nun endgueltig selbst erledigt hat, ist Holland der Kandidat mit den besten Chancen..."

    Aber wir sind uns doch wohl darüber einig, dass ein Hollande einem DSK nicht im Entferntesten das Wasser hätte reichen können, wenn dieser im Rennen geblieben wäre?

    Ich sage das nur so zur Erinnerung,
    weil ich davon ausgehe, dass es im Moment nur nicht auffällt, dass ein Farbloser aus der zweiten Reihe nun die Sozialisten anführen soll. Nur weil kein anderer Passender da ist, ist er nun die Gallionsmarionette.

    Es mag sein, dass das nicht schlecht für Frankreich ist; und auch nicht für Europa. Mit einem schwächeren Staatsführer lässt es sich eben leichter verhandeln, als mit Schwerkalibern. Insofern kann das Ausland froh sein, dass jetzt Hollande zu rudern beginnt.
    Kein Vergleich zum Ex-IWF-Präsidenten Strauss-Kahn, bei dem man davon ausgehen durfte, dass er ein wirtschaftliches Schwergewicht mit internationalen Seilschaften ist ...ein Mann, den Frankreich zur Ablösung Sarkozys jetzt dringend benötigen würde.

    Aber in diesem Sinn sind die Franzosen zu stolz, dies zuzugeben. Und das ist verständlich. Jammern hilft da nichts und so jubelt man eben die zweite Wahl zur ersten hoch.

    Es lebe Frankreich!

    ==> Drupi

    • Hokan
    • 17. Oktober 2011 20:50 Uhr

    Die französische Linke hat ihren Superstar längst verloren.
    Nachdem der PS in Lande der unbegrensten Möglichkeiten ihre ungekrönte Galionsfigur vom Bug geschossen wurde und mit ihr große Teile der Takelage, ging es nur noch darum, eine Ersatzfigur zu finden, hinter der das schlingernde Schiff wieder Fahrt aufnehmen kann. Keiner der angetretenen Kandidaten hatte auch nur die leiseste Ähnlichkeit mit einem Superstar. Und bei dem nun Erwählten ging es nur um zwei Eigenschaften: endlich erwählt worden zu sein und die Chance zu wahren, endlich wieder einen sozialistischen Präsidenten krönen zu können.

    Angesichts der jahrelangen Malaise der französischen Linken ist das schon viel. Tief zersplittert und angeführt durch eine kraftlose PS darf man nun doch hoffen. Mitterrands Ziehsohn könnte es trotz fehlender Strahlkraft schaffen. Dank Sarkozy. Und alle drücken die Daumen, dass Hollande eine halbwegs sichtbare Figur macht und Sarko nicht die zweite Luft bekommt.

  2. Es geht ja wohl nicht darum, dass F einen Superstar sucht, sondern einen Präsidenten.
    Wenn dieser dann noch gut "geerdet" ist und keine Höhenflüge mit Höhenrausch wie bei Sarkozy zu sehen, anstrebt, können sich F und die EU freuen.

    Sarkozy hat genug Unheil angerichtet was den Libyenkrieg angeht, sein Umgang mit Migranten und den Romas. Dazu seine Freundschaften mit Bankern, sein tiefer Hass gegen alle, die ihm widersprechen und die er rachemäßig verfolgen lässt.
    www.nzz.ch/nachrichten/bl...äsident_der_reichen_

    Menschen mit Minderwertigkeitsgefühlen sind die denkbar schlechtesten Politiker - dann lieber einen selbstbewußten Langweiler, der seine Grenzen kennt und zu ihnen steht, als dass was Sarkozy zu bieten hatte.

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    den Sozialisten zu erwarten? Bekommen die im Falle eines sozialistischen Wahlsieges wie wir Deutschen weiland von Schröder und Clement eine neue Leiharbeit und eine Agenda 2010 bzw. 2012 und Rentenkürzungen, weil nur Sozialisten das bei der Bevölkerung durchsetzen können. Oder müssen die Sozialisten die Kosten der Bankenrettung jetzt auf die Schultern der kleinen Leute verteilen, wie in den südeuropäischen Staaten?

  3. Sarko wird voll die populistische Karte spielen, ein Blatt, bei dem das Bébé von Carla sicher eine fulminante Rolle spielen wird. Mal sehen, ob die Taktik aufgeht. Unsere Nachbarn können mamchmal unberechenbar sein. Eben noch sind sie indifferent und begeistern sich für den bloßen Schein, und kurz darauf mucken sie auf und reagieren allergisch auf aufgesetzten Schein. Insofern besteht keine schlechte Chance, dass sie blingbling leid sind und ernsthaft aus den wirtschaftlichen Klemmen rausgeholt werden. Wirtschafts- bzw. besser Banken- und Geldnähe ist da eher suspekt.

  4. "...Da der womenizer Strauss Kahn sich nun endgueltig selbst erledigt hat, ist Holland der Kandidat mit den besten Chancen..."

    Aber wir sind uns doch wohl darüber einig, dass ein Hollande einem DSK nicht im Entferntesten das Wasser hätte reichen können, wenn dieser im Rennen geblieben wäre?

    Ich sage das nur so zur Erinnerung,
    weil ich davon ausgehe, dass es im Moment nur nicht auffällt, dass ein Farbloser aus der zweiten Reihe nun die Sozialisten anführen soll. Nur weil kein anderer Passender da ist, ist er nun die Gallionsmarionette.

    Es mag sein, dass das nicht schlecht für Frankreich ist; und auch nicht für Europa. Mit einem schwächeren Staatsführer lässt es sich eben leichter verhandeln, als mit Schwerkalibern. Insofern kann das Ausland froh sein, dass jetzt Hollande zu rudern beginnt.
    Kein Vergleich zum Ex-IWF-Präsidenten Strauss-Kahn, bei dem man davon ausgehen durfte, dass er ein wirtschaftliches Schwergewicht mit internationalen Seilschaften ist ...ein Mann, den Frankreich zur Ablösung Sarkozys jetzt dringend benötigen würde.

    Aber in diesem Sinn sind die Franzosen zu stolz, dies zuzugeben. Und das ist verständlich. Jammern hilft da nichts und so jubelt man eben die zweite Wahl zur ersten hoch.

    Es lebe Frankreich!

    ==> Drupi

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    vielleicht wird ja DSK noch Finaz oder sonstwas Minister

  5. den Sozialisten zu erwarten? Bekommen die im Falle eines sozialistischen Wahlsieges wie wir Deutschen weiland von Schröder und Clement eine neue Leiharbeit und eine Agenda 2010 bzw. 2012 und Rentenkürzungen, weil nur Sozialisten das bei der Bevölkerung durchsetzen können. Oder müssen die Sozialisten die Kosten der Bankenrettung jetzt auf die Schultern der kleinen Leute verteilen, wie in den südeuropäischen Staaten?

  6. Die französischen Sozialisten haben verdammt lange gebraucht, um sich auf einen Mann zu einigen, der viel zu weich erscheint, um den anmaßenden Napoleon-Darsteller aus dem Amt zu jagen. Madame Aubry hätte bestimmt mehr sozialistisches Feuer gespuckt im Wahlkampf. Aber vielleicht haben die Franzosen einfach langsam genug von der Sarkozy-Show und sehnen sich mal wieder nach einem netten Opa Weichei, der ihnen den sozialen Frieden schenken möge, was nur leider kaum gehen wird. Sarkos Hass-Liebe Angela Merkel hat ja schon bewiesen, dass der Charme der Valium-Tablette zumindest solange auf die Wähler wirken kann, bis Weiterschlafen für sie schon lebensgefährlich wird. Interessant ist das französische Duell auch für die SPD: Wer zieht in Zeiten der großen Krise besser in die Neuwahlen: Rambo Gabriel, Herbergsvater Steinmeier oder Professor Steinbrück, den selbsternannten Dompteur der Finanzwelt?

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Nicolas Sarkozy | Martine Aubry | Bank | Präsident | Frankreich | Niederlande
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