Libyen : Widersprüchliche Versionen von Gadhafis Tod

In Libyen mehren sich die Fragen zu den Umständen der Tötung Gadhafis. Unklar ist auch das Schicksal seines Sohnes Saif al-Islam, der möglicherweise noch lebt.
Kämpfer des libyschen Übergangsrates feiern die Nachricht von der Festnahme des libyschen Ex-Machthabers Gadhafis © Philippe Desmazes/AFP/Getty Images

Nach dem Tod des langjährigen libyschen Machthabers Muammar al-Gadhafi liegen die genauen Todesumstände weiter im Dunkeln. Um mögliche Zweifel am Tod des früheren Diktators auszuräumen, wird sich seine Beerdigung nach Angaben der Übergangsregierung noch um einige Tage verzögern. Ein Termin stehe noch nicht fest, sagte der Ölminister des Übergangsrats, Ali Tarhuni. Es sei beschlossen worden, den Leichnam noch für einige Tage aufzubewahren, damit sich jeder davon überzeugen könne, dass Gadhafi tot sei, sagte Tarhuni. Zunächst hatte es geheißen, Gadhafi solle noch am Freitag beerdigt werden.

Ärzte nahmen Haar- und Gewebeproben von der Leiche. Derzeit befinde sich der Leichnam in Misrata. Eine Entscheidung darüber, wo Gadhafi beigesetzt werden solle, sei noch nicht gefallen. Ministerpräsident Mahmud Dschibril hatte gesagt, was mit seinem Körper geschehe, sei "ziemlich egal, Hauptsache, er verschwindet".

Über das Schicksal des Sohnes Gadhafis, Saif al-Islam, gab es sich widersprechende Meldungen. Noch am Donnerstag hatte das staatliche libysche Fernsehen berichtet, er sei wie sein Vater und sein Bruder Mutassim nach den Kämpfen in Sirte umgekommen. Doch anders als im Falle des Vaters und des Bruders tauchte sein Leichnam nicht im Krankenhaus von Misrata auf.

Nun verkündeten Kämpfer des Nationalrats, sie hätten Saif al-Islam in Slitan, 160 Kilometer östlich von Tripolis, gefangen genommen, berichtete der Al Arabija. Er soll am Rücken verletzt sein. Offiziell wurde der Bericht noch nicht bestätigt. Sollte sich die Meldung bewahrheiten, dann wäre mit Saif al-Islam der letzte, noch in Libyen flüchtige Gadhafi-Sohn festgesetzt worden.

UN fordert Untersuchung

Die UN-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay hat wegen der unklaren Umstände der Tötung Gadhafis eine Untersuchung gefordert. Zwei Handy-Videos, die offenbar zeigten, wie Gadhafi lebend gefasst wurde, seien "sehr beunruhigend". Die Videoaufnahmen, die von den arabischen Fernsehsendern Al Arabija und Al Jazeera ausgestrahlt wurden, zeigten Gadhafi nach seiner Festnahme inmitten von Kämpfern des Übergangsrats. Er hatte Blut auf Gesicht und Schultern. Ein Kämpfer scheint ihm auf den Aufnahmen eine Pistole an den Kopf zu halten. Anschließend ist zu sehen, wie Gadhafi auf einen Pick-up gezogen wird.

Auch Russland verlangte Aufklärung über den Tod Gadhafis. "Auf den ersten Blick sieht es wie ein Lynchmord aus", schrieb der Chef des Auswärtigen Ausschusses der Staatsduma, Konstantin Kossatschow, in seinem Blog. "Wir brauchen objektive Angaben über die Todesumstände Gadhafis."

Nach Einschätzung eines Arztes starb der Ex-Diktator durch "Schüsse aus nächster Nähe in Kopf und Bauch". Ein Mediziner des Krankenhaus von Misrata, der Gadhafis Leiche untersucht habe, sei zu diesem Schluss gelangt, berichtete der arabische Nachrichtensender Al Arabija. Dies könnte auf eine Hinrichtung nach der Gefangennahme hindeuten.

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Kommentare

84 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

Wieso "hinkt" die Bin Laden Story.....

...mehr? Er fiel.

Auch beim jetzigen Fall wäre es zwar schöner gewesen und hätte die Tragweite des Gerichtshofs gestärkt, hätte man ihn vor Gericht gebracht. Das wäre vermutlich besser gewesen.

Indes steht kaum die Schuld der beiden Herren in Frage. Das bedeutet nicht, dass man in einer idealen Welt solche Tötungen noch selbst in unserer unordentlichen Welt haben will. Aber auf dem Schlachtfeld ist die Lage unübersichtlich und gerade in Libyen kochten die Emotionen in diesem speziellen Fall vielleicht etwas über. Da beunruhigen mich Fälle mangelhafter Rechtsstaatlichkeit bei uns im Inland weitaus mehr.

Sie haben sicherlich völlig recht....

....dass seine Behandlung offenbar schlecht war. Man hat ihm übel mitgespielt und kann das kaum wirklich rechtfertigen. Andererseits ist der Übergang zur Demokratie bzw die Weitergabe der Macht in Diktaturen meist unsauber und mit hohen menschlichen und materiellen Kosten verbunden. Auf dem Schlachtfeld ist zudem Rechtssicherheit ein nachgestelltes Gut. Ich finde es schade, dass man ihn nicht dem Gerichtshof übergab. Mehr nicht. Es gibt Dinge, die uns mehr aufregen sollten.

Zynische Sichtweise

>>> .... Ich finde es schade, dass man ihn nicht dem Gerichtshof übergab. Mehr nicht. Es gibt Dinge, die uns mehr aufregen sollten. <<<

Ich bin auch "uns", und finde das völlig normal, dass mich eine solche Lynchaktion anwidert und empört.

Sie finden das nur "schade" und es regt Sie nicht weiter auf, versuchen Sie jedoch bitte nicht, so eine menschenverachtende Sichtweise als wünschenswert darzustellen.

Ich wollte ihre Gefühle.....

....nicht klein reden. Nur sehe ich die Tatsache eines Zusammenbruchs gesellschaftlicher Ordnung in den letzten Tagen dieser Diktatur, wie sie am Ende von Diktaturen oft eintritt. Unter solchen Umständen ist die Gewalt regelmäßig ein Teil des Prozesses und unterliegt in ihrem Wesen weitaus grundlegenderen und archaischeren Gesetzen der menschlichen Natur, als wir das in unseren relativ geordneten Gesellschaften und daher aus unserer unmittelbaren Erfahrung kennen. Die Gesetzmäßigkeiten solcher Situationen können die meisten von uns kaum erahnen. So empfinden wir aus unserer privilegierten Position Abscheu, die naiv zu sein scheint. Die Beobachtung zeigt nämlich immer wieder, dass unter solchen Ausnahmebedingungen die Menschen sich brutal verhalten und die Gesetze höfflichen Umgangs kaum relevant sind.

Nun sage ich nicht, dass wir daher nichts tun können, um die Zukunft besser (was auch immer das heißen soll) zu machen. Aber das bedeutet echte Arbeit, Last und Verantwortung zu nehmen; die Ordnung der Welt zu ändern; dabei mitzumachen. Das tut Deutschland bisher nicht. Und daraus folgen etliche dieser Probleme, über die man sich dann sinnlos und vermutlich oft destruktiv und zum Nachteil Vieler aufregt.