Gilad SchalitIsraels Deal, Ägyptens Einfluss

Erst der Umbruch in Ägypten hat Schalits Befreiung möglich gemacht. Für Palästinenserpräsident Abbas ist Israels Deal mit Hamas indes ein schwerer Schlag.

Es war das erste Mal in 1.934 Tagen, dass man Aviva Schalit lächeln sah. Noch immer vorsichtig, aber sichtlich hoffnungsvoll. Geht alles wie vereinbart über die Bühne, wird ihr Sohn nun endlich aus den Fängen von Hamas in Gaza freikommen . An diesem Mittwoch haben Aviva und ihr Mann Noam Schalit deshalb das weiße Protestzelt vor der Residenz des Ministerpräsidenten verlassen und sind wieder in ihr Haus in Mitzpe Hila im Norden Israels zurückgekehrt. Beide haben die Israelis in den vergangenen fünfeinhalb Jahren unablässig an das Schicksal ihres Sohnes erinnert.

So verwundert es nicht, dass die Nachricht von einem Durchbruch in den Verhandlungen von einer großen Mehrheit der Israelis mit Erleichterung aufgenommen wurde. Trotz aller zwiespältigen Gefühle angesichts des hohen Preises: Im Austausch sollen 1027 palästinensische Gefangene, darunter 280, die zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurden, aus israelischen Gefängnissen freigelassen werden.

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Auch stellen sich allerlei Fragen: Warum ist ein solcher Deal nicht schon früher möglich gewesen? Was hat ihn jetzt erst möglich gemacht? Eine Antwort darauf lautet: der arabische Frühling. Er hat Hamas und die ägyptischen Vermittler des Deals einander näher gebracht. Zu Hosni Mubaraks Zeiten standen die Extremisten aus Gaza dem ägyptischen Regime (das die Islamisten in den eigenen Reihen scharf bekämpfte) höchst skeptisch gegenüber.

Das gestiegene Vertrauen von Hamas in die neuen Mediatoren in Kairo lässt sich aber auch aus pragmatischen Gründen erklären: Denn unter den jetzigen Umständen ist nicht klar, wie lange die politische Hamas-Führung weiterhin in Damaskus bleiben kann. Die Unruhen in Syrien könnten Khaled Mashaal zum Umzug zwingen. Dazu allerdings braucht es einen freundlichen Gastgeber. Der Deal mit Israel könnte Hamas als Einreiseticket in moderate arabische Staaten dienen – Ägypten, Jordanien oder Qatar.

Außerdem hat Hamas ein Interesse daran, dass das derzeit einzige Tor des Gazastreifens, der Grenzübergang in Rafah, von den Ägyptern länger als nur stundenweise geöffnet wird. Und schließlich mögen der Blick auf die viel wohlhabendere Westbank und die gestiegene Popularität des palästinensischen Fatah-Präsidenten Machmud Abbas – nach seiner Rede vor den Vereinten Nationen – Hamas dazu gebracht haben, sich flexibler als bisher zu zeigen, um das eigene angeschlagene Ansehen zu steigern.

In Israel wiederum hatte man erkannt, dass es kaum eine Möglichkeit mehr geben würde, Gilad Schalit durch eine militärische Aktion zu befreien. Das zumindest war die Einschätzung der verschiedenen Sicherheitsdienste. Demnach soll sich Verteidigungsminister Ehud Barak mit der Devise des früheren Regierungschefs Jitzchak Rabins an Netanjahu gewandt haben: Wenn Israel seine Gefangenen nicht durch eine militärische Operation zurückholen kann, dann müsse dies durch einen Gefangenenaustausch erfolgen – ungeachtet der Tatsache, wie schwierig das sein möge.

Aber vor allem hat wohl auch der arabische Frühling Ministerpräsident Benjamin Netanjahu beeinflusst, der bei seinem Amtsantritt versprochen hatte, Gilad Schalit nach Hause zu holen. Da niemand weiß, wie sich die instabile Lage derzeit in Kairo weiterentwickelt, wie lange also Israel in Ägypten noch einen Verbündeten hat, drängte die Zeit.

Leser-Kommentare
  1. Die Vereinbarung mit der HAMAS war schon lange möglich, aber Bibi hatte kein Interesse.
    Abbas brauchte wieder einen Nackenschlag wegen dem Streich in der UN und die sozialen Spannungen in Israel eine Entspannung durch die Freilassung von Shalit, die jetzt positiv für Bibi gewertet wird.
    Außerdem werden die Spannungen mit der Türkei entkrampft, weil die HAMAS die Bruderpartei der türk. AKP ist. Jetzt kann Bibi vielleicht doch wieder mit Erdogan reden, wer weiß?

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  2. Jeder Versuch einen 1000 gegen 1 Deal noch schön zu reden, wirkt albern.

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    Immer Kurs 1:1000.

    Immer Kurs 1:1000.

  3. Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich sachlich und verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/lv

  4. ... dass es im Grunde völlig Gleichgültig zu sein scheint, was Israel nun tut oder lässt, denn es wird ihm in jedem Fall von vielen Menschen sofort so ausgelegt, als könne dies Tun oder Unterlassen Israels sowieso nichts anderes sein, als irgendwie berechnend, hinterlistig und verschwörerisch.

    Wäre Israel nicht auf den Deal mit den Hamas-Geiselnehmern eingegangen, so hätten dieselben, die nun Israel finstere Absichten wegen seiner Zustimmung zum Deal mit Hamas unterstellen, doch vermutlich Israel ebenso harsch dafür kritisiert, dass es gegenüber der Hamas nicht flexibel genug sei und es die Geisel unmenschlicherweise weiter in den Händen der Hamas belasse.

    Malte Lehming beschreibt Israels Dilemma bei diesem Deal mit terroristischen Geiselnehmern im TAGESSPIEGEL sehr treffen:

    "... Wiegt dieser eine Mensch all die Prinzipienbrüche, enormen Risiken und gefährlichen Machtverschiebungen auf, die Israel bereit ist, für seine Rettung in Kauf zu nehmen? Wer Staaten auf Interessen und Politiker auf kühle Kalkulatoren reduziert, müsste die Frage verneinen. Wer aber auch Werte in Betracht zieht, die sich einer unmittelbaren Kosten-Nutzen-Analyse entziehen, kann kaum anders, als den Verantwortlichen Respekt zu zollen. ... Die konkrete Nah-Ethik steht über der abstrakten Fern-Ethik, das Reale über dem Potenziellen, der Mensch über der Menschheit. Es ist eine Ethik, die von humaner Größe zeugt."

    http://www.tagesspiegel.d...

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    "Die konkrete Nah-Ethik steht über der abstrakten Fern-Ethik, das Reale über dem Potenziellen, der Mensch über der Menschheit." Ich bin ja soooo gerührt, das ist fast philosophisch. Komisch nur, dass Menschenfreund Benjamin immer nur dann dem Einzelnen gedenkt, wenn er politisches Kapital draus schlagen kann. Denkt er auch an die Opfer der 1000 gewaltbereiten Palis, die nun in den Gazastreifen strömen werden? Mit Sicherheit, er arbeitet wahrscheinlich bereits an der Planung der Rachefeldzüge.

    Die Dogmen, welche Lehming als staatstragend postuliert sind wohl eher der Schmidt Ära Deutschlands während der Zeiten der RAF entlehnt,
    Diese Dogmen, welche von Israel nun angeblich überwunden wurden, waren nie die Dogmen Israels.

    Für Israel galt früher immer, dass es Staatsräson ist, ihre verschleppten Soldaten - jeden einzelnen! - schnellst möglich heim zu holen.

    Diese elementare Staatsräson wurde eher durchbrochen, indem es im Falles Shalits so lange brauchte.

    "Die konkrete Nah-Ethik steht über der abstrakten Fern-Ethik, das Reale über dem Potenziellen, der Mensch über der Menschheit." Ich bin ja soooo gerührt, das ist fast philosophisch. Komisch nur, dass Menschenfreund Benjamin immer nur dann dem Einzelnen gedenkt, wenn er politisches Kapital draus schlagen kann. Denkt er auch an die Opfer der 1000 gewaltbereiten Palis, die nun in den Gazastreifen strömen werden? Mit Sicherheit, er arbeitet wahrscheinlich bereits an der Planung der Rachefeldzüge.

    Die Dogmen, welche Lehming als staatstragend postuliert sind wohl eher der Schmidt Ära Deutschlands während der Zeiten der RAF entlehnt,
    Diese Dogmen, welche von Israel nun angeblich überwunden wurden, waren nie die Dogmen Israels.

    Für Israel galt früher immer, dass es Staatsräson ist, ihre verschleppten Soldaten - jeden einzelnen! - schnellst möglich heim zu holen.

    Diese elementare Staatsräson wurde eher durchbrochen, indem es im Falles Shalits so lange brauchte.

  5. "Glaubt man Regierungssprecher Mark Regev, so hätten die Palästinenser nach dem Siedlungsstopp, den Netanjahu vor einem Jahr durchsetzte, keinerlei Eile gezeigt, den Weg der Verhandlungen zu gehen." Hier liegt der Schlüssel zu den Vorgängen. Wer die Berichterstattung vom letzten Jahr noch einmal überfliegt wird schnell feststellen, dass Herr Mark Regev Tinnef erzählt. Folgendes Szenario ereignete sich damals: Netanjahu sicherte auf einer Europa- und USA-Reise Gespräche unter US-Vermittlung zu, auf Drängen von Obama. Vorbedingung, von den USA (!) gefordert: keine neuen Siedlungen während der Vermittlung. Bis zu diesem Zeitpunkt war Abbas nicht einmal kontaktiert worden.
    Als es dann losgehen sollte, Ort der Verhandlungen Ostjerusalem, wurde die Baugenehmigung für Siedlung XY in Ostjerusalem erteilt. Abbas hatte NICHTS gefordert, war NICHT an der Erstellung des Zeitplans beteiligt, und war es auch NICHT, der dann am Ende sagte: 'Lasst gut sein, Jungs'. Das waren nämlich die Amis, die sahen, wie es um die Verhandlungsbereitschaft des lieben Benjamin stand. Der hatte nämlich den Siedlungsstopp NICHT durchgesetzt, wie vorher mit den Amis vereinbart worden war.
    Ähnlich sieht es jetzt aus: Um jeden Fortschritt zu unterbinden werden 1000 gewaltbereite Palis losgelassen. Was die tun werden ist klar: Erstmal ein bischen Israel bombardieren. Ferner pinkelt man Abbas ans Bein. Ausserdem kann man einen innenpolitischen Erfolg verbuchen.
    Perfider gehts nicht!

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  6. Halt stopp. Noch perfider ist natürlich der Versuch, den Deal als neue Nähe der Hamas zu Ägypten zu interpretieren, als willkommener Nebeneffekt des arabischen Frühlings.

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  7. Das Angebot der Hamas, Schalit gegen ca. 1.000 palästinensische Gefangene auszutauschen, bestand seit der Gefangennahme Schalits,also 5 Jahre lang praktisch unverändert.

    Fünf Jahre lang wurde dieser Vorschlag von mehreren israelischen Regierungen als "absolut unannehmbar" bezeichnet.

    Jetzt ist er auf einmal doch annehmbar?

    Wenn die israelische Regierung bei Verhandlungen über einen Austausch fünf Jahre lang zu keinem Ergebnis kommt, muss man annehemen, sie verfolgt eine andere Strategie. Wahrscheinlich hoffte sie, irgendwann über einen Spitzel oder durch einen Zufall eine Information über das Versteck von Schalit zu bekommen. Sie wollte die Befreiung nur, wenn Hamas keinen politischen Sieg dabei erringt. Diese Strategie hätte vielleicht schon morgen aufgehen können.

    Wenn die israelische Regierung ausgerechnet nachdem die Hamas durch den UNO-Auftritt von Abbas an Popularität verloren hat und durch das Chaos in Syrien ein wichtiger Verbündeter abhanden zu kommen droht darauf eingeht, hat sie wohl kein Interesse an einer weitern Schwächung der Hamas.

    Offensichtlich gönnt sie es der Hamas doch, dass sie sich für die Befreiung der Gefangenen feiern läßt.

    Netanjahu braucht die Hamas um die Spaltung der Palästinenser aufrechtzuhalten. Mit der Hamas als Vorwand ist es besonders bequem, echte Friedensverhandlungen zu blockieren

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    • Gafra
    • 12.10.2011 um 20:56 Uhr
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