Gilad SchalitDer hohe Preis des Hamas-Deals

Israel lässt Extremisten frei, es demütigt den Palästinenserpräsidenten – alles nur für die Rettung eines einzelnen Menschen. Doch das war es wert. Ein Kommentar

Israelis mit einem Bild von Gilad Schalit

Israelis mit einem Bild von Gilad Schalit

Mit Terroristen wird nicht verhandelt. Erpressung und Geiselnahme dürfen niemals belohnt werden. Sühne und Gewaltprävention sind unerlässliche Prinzipien einer wehrhaften Demokratie. Der Kopf regiert das Herz, jedenfalls in der Politik, auch wenn es manchmal schmerzt. All diese Dogmen hat Israel jetzt über Bord geworfen. Der vor fünf Jahren, also knapp 2000 Tagen oder 50.000 Stunden entführte und von der radikalislamischen Hamas als Geisel gehaltene Soldat Gilad Schalit kommt frei . Im Gegenzug werden mehr als Tausend palästinensische Gefangene aus der Haft entlassen. Viele von ihnen haben mehr als nur etwas Blut an den Händen. Bald könnten sie Attentate verüben, wie es bereits früher nach ähnlich spektakulären Austauschen geschah. Der Preis ist hoch, der Deal wirkt suizidal.

Dennoch hat ihm die israelische Regierung unter Benjamin Netanjahu zugestimmt. Die Entscheidung wird unterstützt von einer großen Mehrheit im Volk und im Parlament. Maßgeblichen Anteil am Ergebnis der vorausgegangenen Geheimverhandlungen hatten die neue ägyptische Militärregierung und der deutsche Bundesnachrichtendienst. Freuen darf sich darüber vor allem die Familie von Gilad Schalit. Doch selbst diese Freude wird wohl getrübt sein von den vermutlich lange nachwirkenden seelischen wie leiblichen Qualen des jungen Mannes durch die Isolationsfolter.

Anzeige

Ungehemmt triumphieren indes wird die Hamas und sich inszenieren als die einzige Palästinenserorganisation, die das "zionistische Gebilde" in die Knie zwingen kann. Nie zuvor hat Israel für einen einzelnen Soldaten so viele Verbrecher freigelassen . Der Hamas-Erfolg entzaubert gleichzeitig den vergleichsweise moderaten Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas. Dessen Popularität war gerade erst durch seine UN-Initiative zur völkerrechtlichen Anerkennung Palästinas als Staat gestiegen. Doch Tausend befreite Gesinnungsgeschwister wiegen mehr als jede noch so kluge Diplomatie, die faktisch nichts verändert.

Lohnt das? Wiegt dieser eine Mensch all die Prinzipienbrüche, enormen Risiken und gefährlichen Machtverschiebungen auf, die Israel für seine Rettung in Kauf zu nehmen bereit ist? Wer Staaten auf Interessen und Politiker auf kühle Kalkulatoren reduziert, müsste die Frage verneinen. Wer aber auch Werte in Betracht zieht, die sich einer unmittelbaren Kosten-Nutzen-Analyse entziehen, kann kaum anders, als den Verantwortlichen Respekt zu zollen. Im Jerusalem Talmud (Sanhedrin 23a-b) steht: "Wer eine einzige Seele rettet, rettet die ganze Welt." Das heißt: Die konkrete Nah-Ethik steht über der abstrakten Fern-Ethik, das Reale über dem Potenziellen, der Mensch über der Menschheit. Es ist eine Ethik, die von humaner Größe zeugt.

Israel befindet sich seit seiner Gründung im Verteidigungszustand. Den Bürgern des Landes wird viel abverlangt. Wir kämpfen für jeden von euch bis zum Äußersten, keiner wird je im Stich gelassen – diese Botschaft nach innen schweißt die Gesellschaft zusammen. Gilad Schalit symbolisiert daher beides, zum einen die Verwundbarkeit des Landes und die Amoral seiner Feinde, zum anderen die Kraft des Landes und seine Moral. Und wer weiß? Womöglich erwächst daraus sogar neuer Mut. Wer Verbrecher freilässt, um einen Menschen zu befreien, der kann vielleicht auch ein Volk in die Selbstbestimmung entlassen, um sich selbst vom Joch der Herrschaft über dieses Volk zu befreien.

Erschienen im Tagesspiegel

 
Leser-Kommentare
  1. der euphemismus des tages.

    2 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    im artikel wierden die terroristen und verbrecher ausnahmsweise tatsächlich als solche bezeichnet.

    aber wohin die "selbstbestimmung" der pal führt, hat gaza eindrucksvoll gezeigt. man beachte die reihenfolge:

    -> vollständiger abzug der israelis aus gaza - militärisch und siedler
    -> absolute parlamentsmehrheit der dezidiert friedensfeindlichen (auch gegen die arabische friedensinitiative 2002 haben sie gebombt!) und antisemitischen hamas bei den wahlen im jahr darauf
    -> bürgerkrieg in gaza mit machtübernahme der terroristen
    -> blockade des gazastreifens durch israel

    im artikel wierden die terroristen und verbrecher ausnahmsweise tatsächlich als solche bezeichnet.

    aber wohin die "selbstbestimmung" der pal führt, hat gaza eindrucksvoll gezeigt. man beachte die reihenfolge:

    -> vollständiger abzug der israelis aus gaza - militärisch und siedler
    -> absolute parlamentsmehrheit der dezidiert friedensfeindlichen (auch gegen die arabische friedensinitiative 2002 haben sie gebombt!) und antisemitischen hamas bei den wahlen im jahr darauf
    -> bürgerkrieg in gaza mit machtübernahme der terroristen
    -> blockade des gazastreifens durch israel

    • ThorHa
    • 13.10.2011 um 10:45 Uhr

    So - und nur so - bekommt man auch den vollen Einsatz einer motivierten Armee, wenn sie gebraucht wird und ihre Angehörigen ihr Leben riskieren sollen. Wenn sich der Einzelne darauf verlassen kann, niemals im Stich gelassen zu werden, auch nach jahren dr Gefangenschaft nicht, entwickelt er Vertrauen zu seiner Führung.

    9 Leser-Empfehlungen
  2. Deal die Schwaechung von Abbas und damit die Aufwertung der
    Hamas war. Netanjahu will realistische Verhandlungen ueber
    einen Palaestinenserstatt auf jeden Fall verhindern.

    5 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    mit einer regierung ohne mandat, die nur per dekret regieren kann, weil sie vor 5 jahren die wahlen verloren hat?
    die dann vor den "verhandlungen" noch lustig vorbedingungen stellt, diese den israelis aber abspricht, um ja nicht an den verhandlungstisch gehen zu müssen?

    spannend.

    • PigDog
    • 13.10.2011 um 11:52 Uhr

    befürchte ich auch, ist der wahre Grund für Netanjahus handeln.

    Sein bisheriges Handeln und Reden (und das seiner Regierung) lässt keinen Willen zum Frieden erkennen sondern im Gegenteil provoziert nicht weniger als die - unzweifelhaft verabscheuungswürdigen - Attentate der Hamas-Terroristen.

    Daß Abbas geschwächt und die Extremisten gestärkt werden wird den Frieden nicht näherbringen...

    ---

    Trotzdem freut es mich für Gilad Schalit, und auch für die vielen ungerecht in Israelische Gefangenschaft geratenen.

    Es wird momentan ja gerne unterschlagen, daß unter den 1000 Freigelassenen auch Kinder sind, nicht ausschließlich Terroristen.

    und wenn man sich den bisherigen Verlauf der Geschichte vor Augen hält, natürlich auch eigentlich die plausiblere Variante.

    Trotzdem bin ich gewillt, es vom Potential her und theoretisch auch umgekehrt zu sehen. Sollte sich Netanyahu geändert haben, in dem Sinne, dass er endlich mal zu einem weitmütigen Vertrauensvorschuss bereit wäre.

    Es wäre sicher die fruchtbringendere Variante. Und ich wünsche Sie beiden Seiten von Herzen. Denn irgendwie ist doch wohl jeder so langsam müde, ob der ewigen ping-pong Spiele der Vergangenheit BEIDER Seiten.

    Die Hamas wird ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten. Und es wird sehr genau beobachtet werden, ob sie sich dieses Entgegenkommens würdig erweist oder nicht.

    Für Abbas freilich finde ich es auch schade, dass er dadurch in den Hintergrund gerückt ist. Aber irgendwie muss ja auch die Hamas mal ans Tageslicht befördert werden. Denn schließlich:
    Die Wahrheit wird euch frei machen. Ob auch die Hamas zu grundlegenden Paradigmenwechseln fähig ist, wird sie zweifelsohne BEWEISEN müssen. JETZT ist sie auf dem Präsentierteller.

    THINK POSITIVE !

    mit einer regierung ohne mandat, die nur per dekret regieren kann, weil sie vor 5 jahren die wahlen verloren hat?
    die dann vor den "verhandlungen" noch lustig vorbedingungen stellt, diese den israelis aber abspricht, um ja nicht an den verhandlungstisch gehen zu müssen?

    spannend.

    • PigDog
    • 13.10.2011 um 11:52 Uhr

    befürchte ich auch, ist der wahre Grund für Netanjahus handeln.

    Sein bisheriges Handeln und Reden (und das seiner Regierung) lässt keinen Willen zum Frieden erkennen sondern im Gegenteil provoziert nicht weniger als die - unzweifelhaft verabscheuungswürdigen - Attentate der Hamas-Terroristen.

    Daß Abbas geschwächt und die Extremisten gestärkt werden wird den Frieden nicht näherbringen...

    ---

    Trotzdem freut es mich für Gilad Schalit, und auch für die vielen ungerecht in Israelische Gefangenschaft geratenen.

    Es wird momentan ja gerne unterschlagen, daß unter den 1000 Freigelassenen auch Kinder sind, nicht ausschließlich Terroristen.

    und wenn man sich den bisherigen Verlauf der Geschichte vor Augen hält, natürlich auch eigentlich die plausiblere Variante.

    Trotzdem bin ich gewillt, es vom Potential her und theoretisch auch umgekehrt zu sehen. Sollte sich Netanyahu geändert haben, in dem Sinne, dass er endlich mal zu einem weitmütigen Vertrauensvorschuss bereit wäre.

    Es wäre sicher die fruchtbringendere Variante. Und ich wünsche Sie beiden Seiten von Herzen. Denn irgendwie ist doch wohl jeder so langsam müde, ob der ewigen ping-pong Spiele der Vergangenheit BEIDER Seiten.

    Die Hamas wird ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten. Und es wird sehr genau beobachtet werden, ob sie sich dieses Entgegenkommens würdig erweist oder nicht.

    Für Abbas freilich finde ich es auch schade, dass er dadurch in den Hintergrund gerückt ist. Aber irgendwie muss ja auch die Hamas mal ans Tageslicht befördert werden. Denn schließlich:
    Die Wahrheit wird euch frei machen. Ob auch die Hamas zu grundlegenden Paradigmenwechseln fähig ist, wird sie zweifelsohne BEWEISEN müssen. JETZT ist sie auf dem Präsentierteller.

    THINK POSITIVE !

  3. im artikel wierden die terroristen und verbrecher ausnahmsweise tatsächlich als solche bezeichnet.

    aber wohin die "selbstbestimmung" der pal führt, hat gaza eindrucksvoll gezeigt. man beachte die reihenfolge:

    -> vollständiger abzug der israelis aus gaza - militärisch und siedler
    -> absolute parlamentsmehrheit der dezidiert friedensfeindlichen (auch gegen die arabische friedensinitiative 2002 haben sie gebombt!) und antisemitischen hamas bei den wahlen im jahr darauf
    -> bürgerkrieg in gaza mit machtübernahme der terroristen
    -> blockade des gazastreifens durch israel

    7 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf ""Extremisten""
  4. mit einer regierung ohne mandat, die nur per dekret regieren kann, weil sie vor 5 jahren die wahlen verloren hat?
    die dann vor den "verhandlungen" noch lustig vorbedingungen stellt, diese den israelis aber abspricht, um ja nicht an den verhandlungstisch gehen zu müssen?

    spannend.

    7 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    abspricht, warum denn dann der ganze trara? Dann laesst
    man den status quo eben auf sich beruhen. Netanjahu hat
    diese Logik aber noch nicht angewandt.

    abspricht, warum denn dann der ganze trara? Dann laesst
    man den status quo eben auf sich beruhen. Netanjahu hat
    diese Logik aber noch nicht angewandt.

  5. möge die Aussage "Nie zuvor hat Israel für einen einzelnen Soldaten so viele Verbrecher freigelassen." beeindrucken. Aber aufgrund der Vergangenheit und Art der Auseinandersetzungen bildet sich zumindest bei mir der Zweifel, ob es sich wirklich um 1024 Verbrecher handelt. Vielleicht freuen sich auch die Mütter eben dieser inhaftierten Menschen. Ich kann nicht beurteilen ob die Insassen wirklich zurecht inhaftiert sind, waren, da sich Israel zu oft auf unrechtstaatliches Niveau herabgelassen hat. Diese Frage lässt sich auch nicht von unseren Schreibtischen/Desktops aus beantworten, da wir dort die Lage nicht selbst erleben, sondern nur durch nachrichtentechnische Berichtserstattung einschätzen können. Ich hoffe das beide Seiten endlich zur Vernunft kommen und entdecken können, daß durch gemeinsames Handeln und akzeptieren beider Seiten eine Bereicherung der ganzen Region eintreten kann.

    9 Leser-Empfehlungen
  6. " Wer Verbrecher freilässt, um einen Menschen zu befreien, der kann vielleicht auch ein Volk in die Selbstbestimmung entlassen, um sich selbst vom Joch der Herrschaft über dieses Volk zu befreien."
    Zu diesem satz koennte man ganze doktorarbeiten schreiben... ich allerdings glaube erst, das Gilad frei kommt, wenn ich ihn vor den Kameras der Weltpresse sehe.

    4 Leser-Empfehlungen
  7. abspricht, warum denn dann der ganze trara? Dann laesst
    man den status quo eben auf sich beruhen. Netanjahu hat
    diese Logik aber noch nicht angewandt.

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    sie sind derjenige, der den israelis aus der tatsache, dass sie gerade über 1.000 palästinenser freigelassen haben, einen strick zu drehen.

    lassen sie sie nicht frei: unterdrückung!
    lassen sie sie frei: verhinderung von verhandlungen!

    merken sie was?

    @ realismus: siehe vorbedingungen. israel hat sich schon vor einiger zeit zu verhandlungen gemäß der nahostquartet-bdingungen erklärt.

    sie sind derjenige, der den israelis aus der tatsache, dass sie gerade über 1.000 palästinenser freigelassen haben, einen strick zu drehen.

    lassen sie sie nicht frei: unterdrückung!
    lassen sie sie frei: verhinderung von verhandlungen!

    merken sie was?

    @ realismus: siehe vorbedingungen. israel hat sich schon vor einiger zeit zu verhandlungen gemäß der nahostquartet-bdingungen erklärt.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service