Menschen feiern in Jerusalem die Freilassung des israelischen Soldaten Gilad Schalit. © David Vaaknin/Getty Images

Der Gefangenenaustausch in Israel ist auf den Weg gebracht. Doch für viele Außenstehende scheint die Formel unverständlich: Ein Leben – das von Gilad Schalitgegen das von mehreren tausend inhaftierten Terroristen .

Doch für die meisten Israelis geht diese Rechnung auf: Ein ganzes Land hat auf diesen Moment gewartet. Mehr als fünf Jahre war der israelische Soldat Gilad Schalit in Gefangenschaft - nun ist er zurück auf israelischem Boden . Insgesamt 1.027 Häftlinge wird Israel im Gegenzug aus seinen Gefängnissen entlassen.

Ein hoher Preis. Zu hoch?

Nein, sagen viele Israelis. Sie haben den Soldat nie vergessen: Von Autodächern wehten Fahnen mit seinem Bild und an Bussen prangten Aufkleber: "Gilad Schalit lebt". Auch jetzt halten viele die Entscheidung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu für konsequent. Die Freilassung von Mördern nehmen sie in Kauf. Und das, obwohl Israel durchaus als hart und unnachgiebig gilt. Aber eben nicht nur.

Die Freude über Schalits Rückkehr entspringt einem jüdischen Grundsatz: "Wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt", heißt es im Talmud. "Dieses Prinzip ist tief in der israelisch-jüdischen Gesellschaft verankert", sagt Tamar Amar-Dahl, Politikwissenschaftlerin an der Freien Universität Berlin. Auch im Fall Schalit meldeten sich mehrere Rabbiner zu Wort und verkündeten: Sein gerettetes Lebens wiege mehr als tausend Gefangene auf freiem Fuß.

Obwohl nur etwa ein Drittel der Israelis die jüdischen Gesetze streng befolgt, sind Thora und Talmud Teil des Alltags. Die Unabhängigkeitserklärung definiert Israel als jüdischen Staat. Hochzeiten dürfen beispielsweise nur von Rabbinern geschlossen werden, das Familienrecht fußt auf Auslegungen von Talmud-Gelehrten.

Einen Soldaten zurückzulassen, widerspricht Israels Selbstverständnis

Nur eine Minderheit der israelischen Gesellschaft stört sich an dieser Verflechtung zwischen Staat und Religion. Und selbst wer die Worte der Thoragelehrten ansonsten offen anzweifelt, findet die Entscheidung diesmal richtig. Eine Rolle spielt dabei auch die Erinnerung an den Holocaust: Selbst säkulare Juden verstehen sich als Teil einer bedrohten Nation. "Vor allem seit der Shoa ist die Sensibilität für ein einzelnes Menschenleben sehr groß", sagt die Expertin.

Noch größer ist die Betroffenheit, wenn es sich bei dem Gefangenen um einen Soldaten der israelischen Armee handelt. Mit Ausnahme der arabischen Bürger leisten alle Israelis – Männer wie Frauen – Wehrdienst und fühlen sich verantwortlich für die Sicherheit ihres Landes. Einen Soldaten zurückzulassen, widerspricht dem israelischen Selbstverständnis. Immer wieder lässt sich die Politik deshalb auf die ungleiche Rechnung ein: 1983 wurden beispielsweise mehr als 4.000 palästinensische Gefangene entlassen – für sechs entführte Soldaten.