Gadhafis Tod Libyen verliert sein Feindbild
Nach dem Tod des Diktators wird deutlich, wie schwer ein Neuanfang wird. Es ist fraglich, ob die Idee vom neuen Libyen alle Parteien zusammenhält, kommentiert A. Böhm.
© Marco Longari/AFP/Getty Images

Ein libyscher Kämpfer feiert in Tripolis den Tod von Muammar al-Gadhafi.
Am Ende lag er halbnackt da. Man hatte wohl versucht, ihm das Hemd auszuziehen, die Hand steckte noch im Ärmel. 20. Oktober 2011: Muammar al-Gadhafi ist tot – fast auf den Tag genau 42 Jahre, nachdem er in Libyen die Macht übernommen hat. Fast auf den Tag genau acht Monate, nachdem in Benghazi die ersten Proteste gegen sein Regime begannen. Fast auf den Tag genau sieben Monate, nachdem Nato-Kampfflieger die ersten Stellungen seines Militärs bombardierten.
Können die Libyer jetzt endgültig ihre "Stunde Null" feiern, den Aufbau eines neuen Staates beginnen? Ist der Tod des Diktators, wie ein Kommentator auf Al Jazeera spekulierte, ein Segen für das Land, weil es allen einen langwierigen Gerichtsprozess erspart, weil es "den Blick nach vorn freimacht"?
Das triumphale Zurschaustellen des getöteten Feindes ist wahrlich kein erhebender Beginn einer neuen Ära, auch dann nicht, wenn er ein Diktator und Menschenschinder war. Aber man muss sich wohl die jahrzehntelange orwellsche Allmacht dieses Mannes und seines Geheimdienstes ausmalen, um die Jubelbilder aus Tripolis, Benghazi oder Misrata zu begreifen. Die Nachricht vom Tod allein reicht nicht. Man will die Leiche gesehen haben, um glauben zu können, was noch bis vor wenigen Monaten undenkbar schien: Er kann einem nichts mehr anhaben.
Er kann aber auch nicht mehr das Feindbild bieten, das die, gelinde gesagt, höchst unterschiedlichen Fraktionen der Gadhafi-Gegner bislang einigermaßen zusammen gehalten hat. Gadhafi ist tot, und ob die Parole vom neuen Libyen Islamisten, Stammesführern, Frauenrechtlerinnen, Mitläufern und Mittätern aus dem alten System eine ausreichend starke Klammer bieten wird, weiß niemand.
Herkulesaufgabe in Sachen Staatsaufbau
Was den Libyern jetzt bevorsteht, ist eine Herkulesaufgabe in Sachen Staatsaufbau, Wirtschaftsaufbau, Demokratisierung und Aussöhnungsarbeit. Für diese Einsicht brauchen sie keine westlichen Kommentatoren, das wissen sie selbst. Man sollte sich tunlichst vor überzogenen Erwartungen und vor der Hybris hüten, mit der USA, EU und Nato in den vergangenen Jahren an Afghanistan herumgedoktert haben. UN und EU werden sich am Staatsaufbau in Libyen beteiligen. Allerdings wird das unter sehr viel bescheideneren Vorzeichen als in Afghanistan geschehen – nicht zuletzt, weil sie im libyschen Übergangsrat und vermutlich auch in einer künftigen Regierung sehr viel stärkere und selbstbewusstere Verhandlungspartner vorfinden.
Das wiederum darf weder europäische Regierungen noch europäische NGOs daran hindern, beim Thema Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte auf völkerrechtlich verbindliche Grundsätze zu pochen. Libyen hat jetzt die Chance, die dem Irak bislang versagt geblieben ist: Die Verbrechen einer Diktatur aufzuarbeiten. Das konnte den Irakern bislang nicht gelingen, weil ihr Land nach dem Sturz Saddams sofort in einen Bürgerkrieg taumelte, sich also die nächste Schicht der Zerstörung über die alten Traumata legte.
In Libyen kann das gelingen, wenn sich das Land nicht durch Fraktionskämpfe aufreibt, wenn die Wunden von gestern nicht in die Racheaktionen von morgen münden.
Hier dürfen und sollen sich westliche Regierungen und NGOs sehr wohl und mit Nachdruck einmischen. Erstens durch Hilfe beim Aufbau von Polizei und Justiz, bei Wahrheitskommissionen und Dokumentationszentren. Zweitens durch beständigen Druck auf den Nationalen Übergangsrat und jede künftige Regierung, die Menschenrechtsverletzungen der eigenen Anhänger zu unterbinden, aufzuklären und zu ahnden.
Drittens durch einen ehrlichen Blick in den Spiegel und ein gründliches Ausforsten der eigenen Aktenschränke. Über Gadhafis Tod freuen sich nicht nur die Libyer, sondern klammheimlich auch diverse westliche Regierungen. Hätte Gadhafi seine letzte Schlacht überlebt und wäre er in Libyen oder vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag auf der Anklagebank gelandet – er hätte vermutlich viel mehr über Deals mit Europa und den USA erzählen können, als man ohnehin schon weiß. Eine EU-Wahrheitskommission über all die falschen Geschäfte mit dem falschen Mann wäre vielleicht ein guter Anfang.
- Datum 20.10.2011 - 19:18 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 76
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"Über Gadhafis Tod freuen sich nicht nur die Libyer, sondern klammheimlich auch diverse westliche Regierungen. Hätte Gadhafi seine letzte Schlacht überlebt und wäre er in Libyen oder vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag auf der Anklagebank gelandet – er hätte vermutlich viel mehr über Deals mit Europa und den USA erzählen können, als man ohnehin schon weiß."
Das hätte tatsächlich peinlich werden können.
Blackwater Autor Jeremy Scahill twitterte eben zum Tode Gadhafis ...
"If Henry Kissinger was somehow captured and beaten to death by a mob of Vietnamese or Timorese, that'd be ok? (...) Kissinger was responsible for many, many more deaths."
http://tinyurl.com/66jdjox
Ist doch längst bekannt, was da alles an ***** ablief, was das im Detail war - was soll´s?
Ich gehe auch davon aus, dass Libyen jetzt in Anarchei und Chaos und versinken wird. Nicht, das ich es mir wünsche, allerdings zeigt die Realität, dass es in anderen afrikanischen Staaten, wie z.B. Ägypten im Moment auch nicht besser aussieht und das trotz mehrheitlich friedlichen Machtwechsels. Am Anfang noch die ganz großen Hoffnungen und nun wird das Land augenscheinlich von einer Militärjunta regiert, gegen die auch wieder Menschen auf die Straße gehen. Ich wünsche es den Lybiern. Aber wie sagt schon die Überschrift des Artikels: Das alte Feindbild ist weg. Wird wohl schnellstens durch ein neues ersetzt werden, wodurch dann neuerlich sinnlose Gewalt sowie mithin Unterdrückung jedweder Form legitimiert werden kann.
Ist doch längst bekannt, was da alles an ***** ablief, was das im Detail war - was soll´s?
Ich gehe auch davon aus, dass Libyen jetzt in Anarchei und Chaos und versinken wird. Nicht, das ich es mir wünsche, allerdings zeigt die Realität, dass es in anderen afrikanischen Staaten, wie z.B. Ägypten im Moment auch nicht besser aussieht und das trotz mehrheitlich friedlichen Machtwechsels. Am Anfang noch die ganz großen Hoffnungen und nun wird das Land augenscheinlich von einer Militärjunta regiert, gegen die auch wieder Menschen auf die Straße gehen. Ich wünsche es den Lybiern. Aber wie sagt schon die Überschrift des Artikels: Das alte Feindbild ist weg. Wird wohl schnellstens durch ein neues ersetzt werden, wodurch dann neuerlich sinnlose Gewalt sowie mithin Unterdrückung jedweder Form legitimiert werden kann.
Libyen verliert sein Feindbild [...]
Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine unbelastete Wortwahl und einen sachlich argumentierten Diskussionsbeitrag. Danke, die Redaktion/lv
http://www.liveleak.com/v...
Hakim wird noch zu kontaktieren sein.
Wer so mit Gefangen umgeht, von denen erwarte ich auch in der Zukunft nichts positives. Die Genfer Konvention wird auch bei der "Libyschen Befreiungsarmee" nur zum Hintern abwischen benutzt. Ich muss in keine Glaskugel schauen, um zu wissen, wie das endet. Das Machtgerangel, das jetzt beginnt, wird noch viele so enden lassen wie Gadhaffi.
... einen Scheinprozess bekommen, ehe man ihn gehenkt hat.
Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen und bitte beachten Sie unsere Netiquette. Danke, die Redaktion/jz
... auch das passiert sein, was ich da zu sehen vermute, so ist das ein feiger Lynchmord.
Das zeigt uns ja mal wieder wie es die "Revolutionäre" mit der Rechtsstaatlichkeit halten. Und das zeigt uns auch, mit was für Tieren wir es in Zukunft südlich des Mittelmeeres zu tun haben werden.
All das Material, was aufgetaucht ist, ist grausam. Die Rebellen und ihr Rat hätten beweisen können, wie ernst es ihnen mit einem Neuanfang ist und hätten Gaddafi retten bzw. am Leben lassen sollen. Dieses Gezerre an seinem toten oder schwer verletzten Körper, dieses einprügeln... Ich finde, dass sind richtig verstörende Bilder und sie lassen mich nicht mehr viel Hoffen.
Ja, selbst wenn er ein Diktator mit grausameren Mitteln war - hätte es ihn nicht viel mehr gestört, sein Land von anderen regiert zu sehen?
Wer so mit Gefangen umgeht, von denen erwarte ich auch in der Zukunft nichts positives. Die Genfer Konvention wird auch bei der "Libyschen Befreiungsarmee" nur zum Hintern abwischen benutzt. Ich muss in keine Glaskugel schauen, um zu wissen, wie das endet. Das Machtgerangel, das jetzt beginnt, wird noch viele so enden lassen wie Gadhaffi.
... einen Scheinprozess bekommen, ehe man ihn gehenkt hat.
Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen und bitte beachten Sie unsere Netiquette. Danke, die Redaktion/jz
... auch das passiert sein, was ich da zu sehen vermute, so ist das ein feiger Lynchmord.
Das zeigt uns ja mal wieder wie es die "Revolutionäre" mit der Rechtsstaatlichkeit halten. Und das zeigt uns auch, mit was für Tieren wir es in Zukunft südlich des Mittelmeeres zu tun haben werden.
All das Material, was aufgetaucht ist, ist grausam. Die Rebellen und ihr Rat hätten beweisen können, wie ernst es ihnen mit einem Neuanfang ist und hätten Gaddafi retten bzw. am Leben lassen sollen. Dieses Gezerre an seinem toten oder schwer verletzten Körper, dieses einprügeln... Ich finde, dass sind richtig verstörende Bilder und sie lassen mich nicht mehr viel Hoffen.
Ja, selbst wenn er ein Diktator mit grausameren Mitteln war - hätte es ihn nicht viel mehr gestört, sein Land von anderen regiert zu sehen?
Es gibt genügend Staaten auf der Welt, die die gerechte Hilfe der Vereinten Nationen bitter nötig hätten. - Libyen wurde von der NATO lediglich aus geostrategischen Interessen unterstützt. Hinzu kam die günstige Gelegenheit, auf diskrete Art und Weise sich eines unangenehmen kontra-westlichen Machthabers zu entledigen.
Wer wissen will, warum sich die Bundesregierung so höflich und zurückhaltend gegenüber Libyen während des Aufstands verhielt: http://de.wikipedia.org/w...
So etwas vergisst man als Bürger leider viel zu schnell, als Bundesregierung nicht.
Wer so mit Gefangen umgeht, von denen erwarte ich auch in der Zukunft nichts positives. Die Genfer Konvention wird auch bei der "Libyschen Befreiungsarmee" nur zum Hintern abwischen benutzt. Ich muss in keine Glaskugel schauen, um zu wissen, wie das endet. Das Machtgerangel, das jetzt beginnt, wird noch viele so enden lassen wie Gadhaffi.
Ich habe gerade mal yougetubed
http://youtu.be/qDQaSDBCqe8
Menschenmassen feiern den Tod des Tyrannen. Multimillionen Frauen und Kinder schwenken Fahnen und feiern völlig euphorisch...
Zum Heil Jesus konnten wir wieder einmal den Beweis anstellen, dass es nur eine Lebensberechtigung gibt, wenn man sich den Idealen der Angelsachsen anschliesst...
Verantwortungsbewusste Übergangs-Freiheitsrebellen:
http://www.youtube.com/wa...
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