Unterstützer der islamistischen Ennahda-Partei nach den Wahlen © dpa

Am späten Dienstagabend herrscht großer Lärm in dem Viertel von Tunis, in dem sich das Hauptquartier der tunesischen Islamisten befindet: Das Fest hat begonnen, mit Gesängen, Sprechchören, bengalischem Feuer und einem gigantischen Screen, auf dem der Parteichef Rachid Ghannouchi erscheinen soll.

Die nationale Wahlkommission für die ersten freien Wahlen Tunesiens wird ihre Ergebnisse erst am Mittwochvormittag bekannt geben , doch die Umrisse sind endlich klar: Aus den bisherigen Auszählungen lässt sich schließen, dass die Bürger am Sonntag die moderat islamistische Partei Ennahda mit ungefähr 90 von 217 Sitzen zur stärksten politischen Kraft in der verfassunggebenden Versammlung gewählt haben.

Mitte-Links-Parteien, die zur Zusammenarbeit mit Ennahda bereit sind, dürften zusammen etwas über 50 Sitze bekommen. Die erklärten Gegner der Islamisten dagegen werden kaum mehr als 22 Sitze ergattern. Nachfolgeorganisationen der aufgelösten Einheitspartei, mit der Tunesiens Diktator Ben Ali regiert hatte, werden allenfalls zu zwölft einziehen. Die weitgehend postkommunistisch gewordene, einst an Albanien orientierte Arbeiterpartei POCT wiederum, deren Mitglieder wie die Islamisten viel zur Revolution beigetragen hatten, wird nur zwei oder drei Abgeordnete stellen können.

Die frisch gewählte Versammlung soll eine Verfassung erarbeiten, muss eine Übergangsregierung bestimmen sowie anschließend Wahlen im Rahmen der neuen Verfassung anberaumen – möglicherweise in einem Jahr oder vielleicht in zweien. All das können die Islamisten nicht alleine stemmen. Sie wollen es wohl auch nicht, denn dann würde auf ihnen alle Verantwortung lasten. Verhandlungen über eine möglichst große Koalition haben begonnen.

Von der Übergangsregierung erwartet das Volk nun, dass sie Polizei und Justiz reformiert und der Benachteiligung der Armutsregionen im Binnenland ein Ende setzt. Wie dringend gerade dieser letzte Punkt ist, zeigt der Umstand, dass die Liste des fragwürdigen TV-Unternehmers Hachemi Hamdi auf dem dritten oder vielleicht sogar dem zweiten Rang landete, der insbesondere in Armutsregionen wie Sidi Bouzid das Blaue vom Himmel versprach; in früheren Zeiten war Hamdi einmal Mitglied von Ennahda gewesen, um dann später die Versöhnung mit dem Diktator Ben Ali zu predigen.

Auf seiner Liste kandidierten sogar etliche ehemalige Mitglieder der Ben-Ali-Partei RCD. Dass sie ausgerechnet dort die meisten Stimmen erhielt, wo im Dezember vergangenen Jahres die Selbstverbrennung eines Obsthändlers, das Fanal der Revolution stattfand, ist bittere Ironie.

Abgesehen davon zeigt die Wahl aber, wie die Tunesier sich ihre Zukunft vorstellen : Sie haben nicht radikal gewählt, und die parlamentarische Landschaft ist vielfältig genug, um den zukünftigen Politikern des Landes Kompromissbereitschaft abzuverlangen.