EuropakriseDas Versagen der deutschen EU-Politik

Die Bundesregierung hat vom Anbeginn der Krise nicht europäisch gedacht. Doch echte Führung bedeutet, eigene Befindlichkeiten hintenanzustellen. Ein Kommentar

Kanzlerin Merkel, Vizekanzler Rösler (M.), Außenminister Westerwelle

Kanzlerin Merkel, Vizekanzler Rösler (M.), Außenminister Westerwelle

Langsam und nagend wird das bisher Undenkbare denkbar: der Zerfall der Europäischen Union, die Rückkehr zum Europa der Nationalstaaten, zum Machtverlust aller und zum Ankerverlust für Deutschland. Und wenn das Denkbare eintreten sollte, wird für Deutschland nicht nur der Schaden immens sein. Es wird auch beim Scherbengericht der Geschichte als der Hauptschuldige dastehen.

Das würden viele im Lande als höchst ungerecht empfinden. Ist die Krise der europäischen Integration nicht von verantwortungslosen Schuldenmachern in Griechenland, Italien und anderswo ausgelöst worden? Und zeigt nicht die Regierung Merkel, wenigstens in den letzten Monaten, dass die Deutschen bereit sind, den Schwachländern unter die Arme zu greifen, wenn jene die deutschen Bedingungen erfüllen?

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Die Einwände sind gewichtig, gehen aber an dem eigentlichen Versagen deutscher Politik vorbei: Diese Bundesregierung hat vom Anbeginn der Krise immer nur national, nicht aber europäisch gedacht. Ihre Sorge war stets in erster Linie, Gefahren vom deutschen Wohlstand abzuwehren, nicht vom Wohlergehen Europas. Das Gold der Bundesbank lag ihr mehr am Herzen als die Zukunft der EU. Die viel größere und jetzt nahende Gefahr, dass mit einem Zerfall der Europäischen Union auch das Fundament deutscher Staatsräson zerbröseln könnte, wollte kaum jemand in Berlin wahrhaben.

Deutschland ist  kein Einzelfall

Das ist nicht nur ein Versagen der Kanzlerin, der es durchaus erwünscht erschien, wenn der Integrationsprozess erlahmen sollte. Es ist ein Versagen der gesamten politischen Klasse der Republik. Mit Helmut Kohl nahm auch ihr europäisches Engagement den Abschied. Geradezu erleichtert konnte man sich der Vorstellung hingeben, nunmehr entschieden deutsche Interessen über deutsche Politik zu stellen – als ob das je anders gewesen wäre.

"Brüssel" wurde als aufgedunsener Vielfraß verteufelt, der nur an die deutschen Kassen wollte, Frankreich galt nicht mehr als essenzieller Partner. In den politischen Parteien und den Chefredaktionen verstummten allmählich die Stimmen der Europa-Kenner und -Befürworter.

Nun ist Deutschland kein Einzelfall, manche seiner Partner haben es lange schon vorgemacht. Wieso sollte dann uns die Hauptschuld treffen, wenn Europa wieder in Nationalstaaterei zurückfällt? Aus zwei entscheidenden Gründen, national der eine und europäisch der andere: Kein anderes Land wäre gleichermaßen wie Deutschland bei einem Verfall der europäischen Bindungen in strategische Ungewissheit entlassen, und kein anderes Land als Deutschland hat in Europa die wirtschaftliche Kraft und die daraus erwachsende Autorität, um die Union insgesamt aus der gegenwärtigen Krise zu führen.

Aber Führung in und für Europa bedeutet, weniger auf die deutschen Befindlichkeiten zu starren als die europäische Gesamtlage in das deutsche Vorgehen zu integrieren. Und genau diese Art von Führung wollte Berlin nicht leisten. Auf die Krise reagierte es zunächst mit schroffer Ablehnung europäischer Gesamthaftung, dann, als dies nicht mehr ging, legte es die Beistandsbedingungen möglichst restriktiv fest, unterstützt und gedrängt von einer populistischen Presse und einem politisierenden Verfassungsgericht.

Leserkommentare
  1. Wären Amerika un alle europäischen Länder nach dem 2. Weltkrieg mit Deutschland so umgegangen, wie Deutschland jetzt mit seinen Partnern umgeht, hätten wir heute bei uns Zustände wie in....Moldavien (nichts für ungut, liebe Moldavier)

    NOCHMAL:
    Verwechseln Sie NIEMALS die deutschen Konzerne, die heute mit Leiharbeitern und Hartz IV Aufstockern (d.h. STEUERFINANZIERT), ihre Gewinne maximieren, mit dem deutschen Volk.

    Und verwechseln Sie NIEMALS das Heer von Lobbyisten, das Gesetze zum Wohle der Superreichen schreibt, mit dem WILLEN des deutschen Volkes.

    4 Leserempfehlungen
    • Moika
    • 16.11.2011 um 11:58 Uhr

    ... wenn Sie mir einmal Ihr Schlagwort "Gutmensch-Imperialisten" erklären würden? Ich kann mir darunter leider nichts sinnvolles vorstellen.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Wie wäre es..."
    • th
    • 16.11.2011 um 11:58 Uhr

    ist natürlich "populistisch". Das Verfassungsgericht soll sich natürlich auch nicht einmischen. Ja wo leben wir eigentlich?

    "Auf die Krise reagierte es zunächst mit schroffer Ablehnung europäischer Gesamthaftung, dann, als dies nicht mehr ging, legte es die Beistandsbedingungen möglichst restriktiv fest, unterstützt und gedrängt von einer populistischen Presse und einem politisierenden Verfassungsgericht."

    13 Leserempfehlungen
  2. Naja die Erwartung in "seiner" Zeitung nun immer die eigene Meinung zu finden ist doch absurd! Dann kaufen Sie ein Parteiblatt oder eine Lobby-Zeitschrift!

    Ich finde es gut unterschiedliche Meinungen zu erlesen und finde Ihren Ansatz wirklich bedenklich nun die (ganze!) ZEIT-Redaktion als Feindbild zu instrumentalisieren!

    1. Sie vergessen, dass hier nur die Meinung der im Forum aktiven Leser herrscht. Die schreiben ja eher tendenziell Ihre Wut und Meinung in das Forum.
    Hierzu grundlegend lesenswert: http://www.spiegel.de/kul...

    2. Die ZEIT lässt doch immer gegenteiligen Meinungen Raum, ich empfinde dies als Gewinn für jede Beurteilung des Geschehens. Meinungsfreiheit, auch in Medien, ist das Stichwort und hohe Gut! Wollen Sie lieber vorab eine Zensur des Herausgebers?

    3. Es herrscht kein Lese oder gar Kaufzwang in Deutschland!

    2 Leserempfehlungen
    • kyon
    • 16.11.2011 um 11:59 Uhr

    Ein Auftritt Merkels als Präsidentin der Vereinigten Staaten von Europa, hat Ihnen das vorgeschwebt, Herr Bertram?

    Sie träumen!

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    und heute ist Obama US-Präsident, während die sogenannten "Realisten" in der Geschichte nichts Gutes geleistet haben ...

    und heute ist Obama US-Präsident, während die sogenannten "Realisten" in der Geschichte nichts Gutes geleistet haben ...

    • scfrei
    • 16.11.2011 um 12:00 Uhr

    ...ist die Metrik an der Sie deutsche Politik messen das Geld.

    "Das Gold der Bundesbank lag ihr mehr am Herzen als die Zukunft der EU."

    Machen wir die Geldbörse nicht weit genug ja sogar bis zur Versteigerung unserer Sachwerte auf so sind wir schlechte Europäer. Die grundsätzliche Unmöglichkeit auf dieser Grundlage eine stabile EU aufzubauen ist weiten Teilen der Presse und der Politik ein Rätsel. Sie *wollen* nicht verstehen, das ohne den Bürger ein politischen Europa gleich welcher Konstruktion nicht funktionieren kann. Aber mit dem Bürger *kann* es nicht funktionieren, wenn es doch immer nur darum geht die Rechnungen anderer zu begleichen.

    ""Brüssel" wurde als aufgedunsener Vielfraß verteufelt, der nur an die deutschen Kassen wollte"

    Genau das ist doch der Anspruch den Sie auch in ihrem Artikel formuliert haben. Wir sollen zahlen und den deutschen Wohlstand hinten anstellen. Ihr ganzer Artikel strotzt von solchen Widersprüchen.

    Auf der ersten Seite verlangen Sie eine Führungsrolle von Deutschland und auf der zweiten beschweren Sie sich das die kleinen Partner marginalisiert werden. Ja, wie genau hätten Sie es denn gerne? Wir stellen die Schecks aus und die anderen entscheiden? Ja, das wäre Europa ganz nach dem Geschmack der hauptberuflichen Wohlstandsvernichter.

    Möge Ihnen vergeben werden, denn Sie wissen ganz offensichtlich nicht was Sie tun.

    13 Leserempfehlungen
  3. das Totschlag Argument :) Nein , ein Opfer
    des mainstream-brainwash bin ich nicht.
    Was ihren Artikel angeht,kein Artikel zu diesem
    Thema will wirklich aufklären , sondern verfolgt
    eine politsiche Zielsetzung. Daher erspare ich es
    mir den von ihnen so gepriesenen zu lesen.
    Vielleiht sollten sie mal selbst-reflektieren ob
    sie nicht opfer eines brainwash geworden sind.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Sorry...."
  4. ....und verstehen Sie die Zusammenhänge.

    Verstehen Sie auch, dass die Ängste, zwar sehr berechtigt sind, ABER dass diese Ängste von Lobbyisten der GROSSKONZERNE geschürt werden.

    http://www.tageswoche.ch/...

    Eine Leserempfehlung

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