ZentralasienEin Hoffnungsträger für Kirgisistan

Ethnische Spannungen, große Armut: Kirgisistans neuer Präsident Atambajew muss die junge Demokratie konsolidieren. Und den Norden mit dem Süden versöhnen. von 

Almasbek Atambajew

Almasbek Atambajew  |  © VYACHESLAV OSELEDKO/AFP/Getty Images

Es ist schon eine gute Nachricht aus dem Krisenstaat Kirgisistan, dass es während und nach der Präsidentschaftswahl weitgehend ruhig blieb. Die Anhänger der Wahlverlierer errichteten im Süden des Landes eine Straßenblockade und bauten sie bald wieder ab. Das war es. Natürlich verlief diese Wahl nicht so fair und frei, wie sich das westeuropäische Beobachter erträumen. Natürlich gab es Manipulationen, unvollständige Wählerlisten und auch Stimmenkauf, was in einem so armen Land kein Wunder ist. Aber unter den ehemaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien bleibt Kirgisistan eine Insel der Pluralität mit den demokratischsten Wahlen.

Die Zivilgesellschaft ist aufmerksam und die Zahl der registrierten Nichtregierungsorganisationen, scherzen manche, ist größer als die Zahl aller Arbeitsplätze im Land. Zweimal haben aufständische Kirgisen den amtierenden Präsidenten aus seinem Palast verjagt. Das waren zwar keine lupenreinen Revolutionen, da sich ein unzufriedener Teil der Elite schlicht den Unmut der Bevölkerung zunutze gemacht hat. Aber es signalisiert bis heute den Machthabern: In Kirgisistan musst du mit den Menschen rechnen!

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Nach der Vertreibung des Präsidenten Kurmanbek Bakijew im April 2010 hat sogar eine Frau das Amt übernommen, Rosa Otunbajewa. Mehr noch, sie hat ihr Versprechen gehalten und gibt die Macht freiwillig zum Ende 2011 ab. Umrandet von Republiken, in denen die Herrscher für sich das Ewigkeitsrecht beanspruchen, ist das ehrenwert und ein wichtiges Symbol. Ob das auch ihr Nachfolger zu schätzen weiß, muss sich erst zeigen.

Das offizielle Ergebnis der Wahl, 63 Prozent für den amtierenden Regierungschef Almasbek Atambajew, ist eine gute Nachricht angesichts der Alternativen. Es erspart dem Land eine zweite Wahlrunde mit einer duellartigen Entscheidung zwischen einem Kandidaten aus dem Süden und aus dem Norden. Beide Landesteile, getrennt durch schneebedeckte Berge, fühlen sich fremd miteinander. Im Norden lebt eine nomadisch geprägte, etwas anarchistische Gesellschaft. Der landwirtschaftliche Süden tendiert stärker zu einem Herrscher mit harter Hand. Vor der Wahl befürchteten manche schon ein Auseinanderbrechen Kirgisistans. Soweit kommt es vorerst nicht.

Atambajew ist zwar ein Vertreter des Nordens, aber ruhig und unaggressiv. Das hat ihm, neben dem Amtsbonus und der Organisationskraft seiner Verwaltung, Sympathien eingebracht in einem Land, das vor allem Ruhe braucht. Seine beiden prominentesten Gegenkandidaten aus dem Süden verhießen vielmehr neue Konflikte. Adachan Madumarow und Kamtschibek Taschijew drohten für den Fall ihrer Wahl sogar, die Präsidentin vor Gericht zu zerren. Das klang nicht im Sinne derer, die Stabilität suchen.

Viel hängt jetzt von Atambajew ab. Wird er das Parlament zu ehren wissen und nicht im traditionellen Reflex alle Macht an sich reißen? Immerhin lebt Kirgisistan ein historisches Experiment in einer Region der starken Khane, der zentralasiatischen Stammesführer: Es besitzt seit gut einem Jahr eine parlamentarische Demokratie. Dabei gehören Dialog, Kompromiss und die Achtung der Minderheit nicht unbedingt zu den Lebenswelten, mit denen Kirgisen aufwachsen. Klan-Denken und Macht gehen für viele vor.

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