Krisenstaat KongoRohstoffdiplomatie kann dem Kongo helfen

Der Abbau seltener Mineralien ist ein Grund für die Gewalt im Kongo. Die EU könnte hier eine wirkungsvolle Regelung durchsetzen. Ein Gastbeitrag. von Thierry Vircoulon

Handys, Netbooks und Spielkonsolen sind fester Bestandteil unseres Alltages. Diese Geräte funktionieren auch dank bestimmter Mineralien, die zum Beispiel in Afrika abgebaut werden. Viele von diesen sind sogenannte Konfliktmineralien, gewonnen unter besonders gefährlichen, inhumanen Bedingungen. Die Arbeit wird von Milizen und bewaffneten Gruppen überwacht. Im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DRK) finanziert und heizt der Erlös solcher Mineralien den Kampf weiter an und destabilisiert die gesamte Region.

Thierry Vircoulon

ist Projektleiter für Zentralafrika bei der International Crisis Group, www.crisisgroup.org.
 

Um die Situation zumindest auf der Abnehmerseite zu lindern, reagierten die Vereinigten Staaten 2010 mit dem sogenannten Dodd-Frank-Act. Artikel 1502 dieses Gesetzes verpflichtet Unternehmen, die Verwendung von Konfliktmineralien aus der DRK und den angrenzenden Ländern offen zu legen. Die Maßnahme soll den Handel mit Konfliktmineralien transparent machen.

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Auch die Europäische Union (EU) befindet sich in der Beratungsphase für ein ähnliches Zertifizierungsprogramm, insbesondere für Mineralien aus der Region der Großen Afrikanischen Seen. Deutschland arbeitet sogar konkret an einem System. Für beide gilt: die Zertifizierung sollte keine Kopie des amerikanischen Gesetzes werden. Stattdessen sollten die Europäer einen Schritt weiter gehen. Sie können aus den Erfahrungen mit dem Dodd-Frank-Act lernen, denn es hat mehr Fragen aufgeworfen, als Antworten gegeben.

Dodd-Frank-Gesetz erzeugt wirtschaftliche und soziale Zusatzkosten

Bei der Entwicklung eines europäischen Zertifizierungprogrammes gilt es gleich mehrere Probleme zu bewältigen. Erstens ist es sehr schwierig, konfliktfreie Lieferwege aus den Kivu-Provinzen im Osten Kongos zu schaffen. In diesem Gebiet existiert die kongolesische Regierung nur auf dem Papier. Die beiden höchsten Autoritäten der Staatsmacht haben sowohl 2009, als auch 2010 zur Entmilitarisierung von Abbaustätten gerufen. Der Erfolg blieb aus.

Zweitens ist es problematisch, eine wirklich zuverlässige Methode zur Überprüfung der Lieferkette zu etablieren. Im Falle Deutschlands wird das System der zertifizierten Handelsströme im Bergbau von Experten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover erstellt. Die Zertifizierung der Exporte selbst soll hingegen durch die Regierungen der exportierenden Länder erfolgen. Doch die Beglaubigung konfliktfreier Mineralien durch korrupte Regierungen stellt die Glaubwürdigkeit der gesamten Aktion in Frage.

Drittens verursacht die Herkunftskennzeichnung der Mineralien vor allem für die Importeure zusätzliche Kosten. Das wirkt sich auf die Preise der kongolesischen Mineralien aus und beeinträchtigt deren Wettbewerbsfähigkeit. Die Importeure werden folglich einfach in anderen Ländern einkaufen. So entstehen durch das Dodd-Frank-Gesetz wirtschaftliche und soziale Zusatzkosten und die Zurückhaltung der Käufer führt zu Arbeitslosigkeit bei den Bergleuten.

Leserkommentare
  1. ... kann sein, dass ich heute abend ein wenig zu fertig bin, aber mir erschließt sich gerade nicht wirklich, wie diese maßnahmen der armen bevölkerung helfen soll?
    wir reden hier von einem der kaputtesten länder dieser welt, für das sich die eu, die un und sonst jede große vereinigung einen dreck schert, AUßER es geht um rohstoffe. wie auch hier. der handel soll transparenter gemacht werden, damit der handel konfliktfreier wird. "Verbesserung der sozioökonomischen Rahmenbedingungen" haha, wie will die eu das denn durchsetzen?! scheint für mich eher so, als wollte man einfach mehr profit aus den rohstoffen ziehen und so tun als würde man bessere arbeitsbedingungen schaffen (was natürlich nicht passieren wird)
    PS: ich lasse mich gerne von leuten belehren, die einen besseren durchblick haben, als ich gerade!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ein wichtiger Grund ist, dass allein das Versprechen vergünstigter Rohstofflieferungen im Falle eines möglichen Sieges dazu führen, dass Warlords von potentiellen Kunden reichlich Geld für Waffen und Söldner bekommen*. Deshalb kann man, wenn man den Handel sauber bekommt (wie es in Fall von Diamanten bereits gelungen ist) Kriegshandlungen vorbeugen. Und das ist das Wichtigste für die Bevölkerung, denn der Krieg (und nicht in erster Linie die Armut) ist der Grund, warum Nahrungsmittel, medizinische Versorgung etc. nicht zu den Bedürftigen gelangen können.
    *off topic: war es in Lybien nicht genauso?

    • Afa81
    • 26. November 2011 10:37 Uhr

    ...denn die Abbauanlagen werden von Milizen bewacht. Auf Youtube gibt es eine Doku, in der genau dieser Versuch, nämlich zertifizierte Rohstoffe durchzusetzen, schon daran scheitert, dass man nichtmal bis zu den Minen vordringen kann.

    http://www.youtube.com/wa... (Dauert aber ca. 45 min, behandelt aber genau das Thema Coltanabbau im östlichen Teil Kongos).

    Also, NUR den Profil, westlicher Firmen hier vorzuschieben ist zu einfach. Das Erz ist begehrt und deshalb kämpfen Rebellengruppen im Ostkongo um die "Schürfrechte", wobei ich mit Kämpfen und Rechte nichts juristisches meine. Das Kilo Coltan wird dann zu Schleuderpreisen an Zwischenhändler verkauft. DAmit bleibt kein Geld mehr für die Arbeiter obwohl ich mal unterstellen möchte, dass auch anders die Milizen ihren Kinderarbeitern nicht mehr geben würden. Anschließend kommen erst westliche Firmen.
    Klar können wir uns über die aufregen, aber dann bitte nur die jenigen, die keinen Computer, Laptop oder Handy haben.

    • yohak
    • 25. November 2011 20:33 Uhr

    Der Autor des Artikels gibt selber zu, dass in den relevanten Bergbaugebieten "die kongolesische Regierung nur auf dem Papier"
    existiert, und behauptet gleichzeitig durch "Rohstoffdiplomatie" mit eben jener kongolesischer Zentralregierung könne man die Lage die Menschen vor Ort verbessern ? Das entbehrt nun wirklich jeder Logik.

    Übrigens ist der Einfluss der EU sowieso höchst beschränkt. Denn die elektronischen Gadgets, zu deren Bau man diese speziellen Mineralien benötigt (Coltan u.s.w.), diese Gadgets werden ja heute schon zu einem Grossteil in Ostasien produziert, ausserhalb jeglicher europäischer Kontrolle. Ein europäischer Boykott gegen "Kriegsmineralien" würde daher wenig bringen.

    Aber soweit will der Auto ja ohnehin nicht gehen. Er sieht vielmehr
    einen Wunsch nach mehr "Rohstoffdiplomatie"- Ich frage mich, wer daran ernthaft Interesse haben soll, ausser den üblichen Pseudoexperten auf der Suche nach hochbezahlten Pöstchen.

    • mkrm
    • 25. November 2011 20:41 Uhr

    Für mich hört sich das an wie...

    "Gibt uns Rohstoffen, wir liefern euch Waffen, dass Ihr für Ruhe sorgen könnt"

    Wenn ihr noch mehr auf uns hört, bekommt ihr von uns Geld!

  2. Ein wichtiger Grund ist, dass allein das Versprechen vergünstigter Rohstofflieferungen im Falle eines möglichen Sieges dazu führen, dass Warlords von potentiellen Kunden reichlich Geld für Waffen und Söldner bekommen*. Deshalb kann man, wenn man den Handel sauber bekommt (wie es in Fall von Diamanten bereits gelungen ist) Kriegshandlungen vorbeugen. Und das ist das Wichtigste für die Bevölkerung, denn der Krieg (und nicht in erster Linie die Armut) ist der Grund, warum Nahrungsmittel, medizinische Versorgung etc. nicht zu den Bedürftigen gelangen können.
    *off topic: war es in Lybien nicht genauso?

    Antwort auf "also..."
    • Afa81
    • 26. November 2011 10:37 Uhr

    ...denn die Abbauanlagen werden von Milizen bewacht. Auf Youtube gibt es eine Doku, in der genau dieser Versuch, nämlich zertifizierte Rohstoffe durchzusetzen, schon daran scheitert, dass man nichtmal bis zu den Minen vordringen kann.

    http://www.youtube.com/wa... (Dauert aber ca. 45 min, behandelt aber genau das Thema Coltanabbau im östlichen Teil Kongos).

    Also, NUR den Profil, westlicher Firmen hier vorzuschieben ist zu einfach. Das Erz ist begehrt und deshalb kämpfen Rebellengruppen im Ostkongo um die "Schürfrechte", wobei ich mit Kämpfen und Rechte nichts juristisches meine. Das Kilo Coltan wird dann zu Schleuderpreisen an Zwischenhändler verkauft. DAmit bleibt kein Geld mehr für die Arbeiter obwohl ich mal unterstellen möchte, dass auch anders die Milizen ihren Kinderarbeitern nicht mehr geben würden. Anschließend kommen erst westliche Firmen.
    Klar können wir uns über die aufregen, aber dann bitte nur die jenigen, die keinen Computer, Laptop oder Handy haben.

    Antwort auf "also..."
    • marxo
    • 26. November 2011 16:15 Uhr

    der Eu stünde auch noch so einiges andere offen. Zum Beispiel die Aufnahme von Flüchtlingen. Oder zumindest den Stopp der unterlassenen Hilfeleistung und des passiven Totschlags von Flüchtlingen im Mittelmeer.

    • essilu
    • 26. November 2011 20:11 Uhr

    ...mit den seltenen Mineralien für Handys etc. ist auch der Name "Nokia" zu erwähnen. Vor nicht allzu langer Zeit gab es einen Dokumentarfilm dazu. Von einem Dänen gemacht, dessen Name mir leider nicht mehr in Erinnerung ist.

    • k2
    • 26. November 2011 20:36 Uhr

    den letzten kongolesischen Bergelephanten,
    welche wegen wildernden Dafurflüchtlingen
    so gut wie ausgestorben sind

    http://www.presidentrdc.c...

    Ich kenne den _Inhalt_ der von Oslo und
    von der Weltbank finanzierten "Kivu"-Studien, welcher diametral zu Kongo's
    Regierungsansichten steht. Ich kannte auch ZzeeZzee, den Vater des aktuellen
    Präsidenten aus vielen persönlichen Gesprächen[ genauso wie Sese Seko ],
    wohlgemerkt: Kabyla kommt aus der Kongoprovinz und ist daher dort "a fortiori" ein Bantu von viel mehr Sachverstand als die Handlanger von der Weltbank

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Europäische Union | Kongo | Ausbeutung | Bergbau | Netbook | Region
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