Die Umbrüche in Nordafrika und Nahost wirken weit über die arabische Welt hinaus. Sie beinhalten Lehren, aber auch Herausforderungen für die internationale Politik. Zehn Thesen. 

Erkenntnisvermögen und Früherkennung: Die meisten Akteure aus Politik und Wirtschaft haben die arabischen Umbrüche nicht erwartet, obwohl die politischen und sozio-ökonomischen Ursachen hinlänglich bekannt waren. Die Früherkennung dürfte daran gekrankt haben, dass man zwar die Phänomene kannte, aber keine Vorstellung von deren Zusammenwirken hatte. Dazu kommt der Widerwille von Politikern und Experten, Brüche zu antizipieren. Analytisch gibt es hier nur einen Ausweg: mit noch größerer Rigidität nach den sozialen, ökonomischen und politischen Faktoren fragen, die Brüche verursachen könnten, und auch unbequeme Szenarien entwickeln.

Falsche Geopolitisierung: Die arabischen Revolutionen haben die Einteilung dieser Staaten in Freunde und Gegner des Westens ad absurdum geführt. Gerade bei den vermeintlichen Freunden wurden (und werden) viele der Schwächen übersehen, die diese Systeme instabil machen. Als politische Grundregel bietet sich statt der Freund-Feind-Ausrichtung eher die Maxime an: 'Vorsicht vor Regimen, die behaupten, Garanten unserer geopolitischen Interessen zu sein.'

Einfluss: Westliche und andere Staaten mussten erleben, dass sie keinen Einfluss auf den Ausbruch der Ereignisse und nur geringen auf deren Verlauf haben. Das gilt selbst für Libyen, wo die Frage, ob nach dem Ende Gadhafis ein demokratisches oder ein neues diktatorisches Regime oder eine Art tribal-regionaler Konföderation entsteht, allein von den lokalen Akteuren abhängt. Begrenzter Einfluss externer Akteure ist nicht unbedingt ein Nachteil, denn die Legitimität der politischen und sozialen Ordnungen, die aus den Revolutionen hervorgehen, wird auch davon abhängen, dass sie als Ergebnis des eigenen nationalen Willensbildungsprozesses wahrgenommen werden.

Unbekannte Akteure:Europa, die USA und andere Staaten müssen lernen, mit Akteuren umzugehen, die man bislang nicht kannte, ihnen sogar einen Vertrauensvorschuss geben. In einer Reihe arabischer Staaten zeigt sich, dass nicht nur die alten politischen Eliten, sondern auch die bekannten Oppositionellen aus dem Spiel sind. Aber gerade zu diesen haben europäische Staaten Kontakt gehalten.

Selbstbewusste neue Akteure: Die Transformationsländer werden oft auf längere Zeit ungefestigte Demokratien sein. Ihre Entscheidungsträger werden allerdings mit großem Selbstbewusstsein auftreten und sich häufiger den Wünschen der USA oder Europas verweigern – mit dem Hinweis darauf, dass sie zunächst den Wünschen der eigenen Bevölkerung verpflichtet sind. Die USA dürften häufiger erleben, dass ihre Leitfunktion bei der Lösung regionaler Probleme bestritten wird. EU-Staaten werden öfter auf Widerspruch stoßen, wenn sie Transformationsstaaten erklären wollen, wie man etwa die Staatsfinanzen gesund hält. Neue demokratische Staaten müssen sich nicht an der EU oder an den USA orientieren. Ihre Gesellschaften und Eliten finden auch andere Orientierungspunkte und Partner: etwa die Türkei, Indien, Brasilien, Südafrika oder Indonesien.

Revolutionen machen Schule: Revolutionen tendieren dazu, zu migrieren. Die arabische Staatenwelt könnte insofern den Ausgangspunkt einer Serie von Umbrüchen in anderen autoritären Systemen bilden. Regimeeliten in Staaten wie Aserbeidschan, Armenien oder Kasachstan werden sich auf Ungemach einstellen müssen. International sollte man sich darauf vorbereiten, dass eine Reihe von Regimen die arabischen Revolten als Warnsignale betrachten und – quasi vorbeugend – die Repression erhöhen, den Informationsfluss einschränken oder Konflikte mit ihren Nachbarn lostreten.