FlüchtlingeDie vergessenen Opfer des Arabischen Frühlings

Tausende Schwarzafrikaner flohen vor dem Libyenkrieg über die Grenzen. Nun sitzen sie in Wüstencamps fest. Kaum einer will sie aufnehmen, auch Deutschland weigert sich. von Vera Gaserow

Migranten aus Nigeria in einem Übergangslager außerhalb von Tripolis.

Migranten aus Nigeria in einem Übergangslager außerhalb von Tripolis.  |  © Daniel Berehulak/Getty Images

Schweden 120, Niederlande 40, Portugal 23, Deutschland 0. Die Offerten, die beim UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR eingehen, stehen für einen europäischen Unterbietungswettbewerb. Es geht um humanitäre Aufnahme von rund 5.300 Flüchtlingen aus Sudan, Somalia, Eritrea oder Äthiopien, die sich vor dem libyschen Bürgerkrieg in Tunesien oder Ägypten, in Sicherheit gebracht hatten.

Die meisten von ihnen hatten bis zum Frühjahr illegal in Libyen gelebt und gearbeitet, viele hofften dort auf die Chance zum Transit nach Europa. Einige waren bereits aus Italien zurückgeschoben worden – sie landeten in den Gefängniszellen Gadhafis.

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Seit Monaten leben die schwarz-afrikanischen Flüchtlinge in Übergangslagern an der libyschen Grenze und können nicht vor und nicht zurück. "Diese Menschen", sagt Stefan Telöken vom UN-Flüchtlingskommissariat in Deutschland, "sind dort regelrecht gestrandet. Sie sind zwischen alle Fronten geraten."

In ihre Heimatländer können sie nicht, weil dort Bürgerkrieg oder politische Unterdrückung herrschen. Der Weg nach Libyen ist riskant, dort stehen Schwarze unter Generalverdacht als vermeintliche Ex-Söldner Gadhafis. Auch in der unwirtlichen Grenzregion können sie nicht bleiben. Tunesien und Ägypten hatten zwar im Zeichen des politischen Wandels anfangs großzügig die Grenzen geöffnet. Doch inzwischen sind beide Länder mit der Versorgung der Gestrandeten überfordert. Gegen das Lager Shousha an der tunesisch-libyschen Grenze kam es deshalb schon mehrfach zu Übergriffen der örtlichen Bevölkerung.

3.600 vom UNHCR als schutzbedürftig registrierte Flüchtlinge warten derzeit in dem Camp auf eine neue Heimat. "Das Camp kann kein Dauerzustand sein", sagt Ursula Schulze-Aboubacar, Leiterin des UNHCR-Büros in Tunis, das die Flüchtlinge betreut. Die Männer, Frauen und Kinder aus unterschiedlichen afrikanischen Ländern haben dort zwar zu essen, zu trinken, medizinische Versorgung und ein Zeltdach über dem Kopf. "Aber die Menschen haben keine Perspektive", sagt Schulze-Aboubacar. "Sie haben keine Papiere, sie können seit Monaten das Camp nicht verlassen, keine Arbeit suchen, nicht zur Schule gehen." Das endlose Warten zermürbe die Menschen und schaffe ungeheure Spannungen.

Bereits im April hat UN-Flüchtlingskommissar Atonio Guterres deshalb die Europäische Kommission und die EU-Mitgliedsstaaten aufgerufen, im Rahmen eines Neuansiedlungsprogramms Aufnahmeplätze für die Flüchtlinge in Nordafrika zur Verfügung zu stellen. Doch die Resonanz auf den Hilferuf blieb beschämend bescheiden.

Leserkommentare
  1. "Schutz von Zivilisten"? Derzeit nicht geplant.

    2 Leserempfehlungen
  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf diskriminierende Äußerungen. Danke, die Redaktion/mk

    15 Leserempfehlungen
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    Das nennt sich schon fast eine Sensation, wenn Sie auf diese Entfernung eindeutig feststellen können, dass diese Familien "nur aus wirtschaftlichen Gründen" aus Bürgerkriegsgebieten geflüchtet sind, immerhin aus Ländern wie Sudan, Somalia, Eritrea und Äthiopien. Schon mal was von Ländern gelesen, die so heißen, klingelt's da nicht?

    Und das superreiche Tunesien soll sich also gefälligst nicht so anstellen, und die 5.300 Flüchtlinge behalten. Dagegen wären 53 davon (1%) für das arme arme Deutschland eine absolute Zumutung... (?)

    Mir fehlen die Worte.

    die beste Lösung, denn das Asyl ist ja nur für politisch Verfolgte vorgesehen. Und wir haben schon genügend unglückliche Afrikaner hier, die keine Existenz finden. Teilweise werden sie ja auch ausgebeutet von "cleveren Unternehmern" hier.

    Entfernt. Bitte wenden Sie sich an community@zeit.de. Danke. Die Redaktion/sc

    • BerndL
    • 09. November 2011 20:03 Uhr

    dann sollten Fr, GB und USA die Flüchtlinge aufnehmen.

    13 Leserempfehlungen
  3. Sie könnten es auch ins Auge fassen, die von Ihnen gewünschte Anzahl an Flüchtlingen in Ihren eigenen vier Wänden zu beherbergen.

    Davon abgesehen haben Sie damit aber grundlegend nichts geändert. Sie haben nicht im geringsten etwas dazu beigetragen, diesen Menschen ein Leben in Würde und Heimat zu ermöglichen, Sie nehmen eher anderen Menschen noch die Heimat weg.

    Sie verhalten sich im Kontext der Bankenrettung. Sowie verschiedene geistige Tiefflieger versuchen der finanziellen Schlagkraft der Banken mit einer Erhöhunhg derselbigen zu begegnen, so nehmen Sie die Verursacher der Misere aus der Pflicht, legitimieren deren Handeln und beseitigen deren Schäden.

    Es wird jeden Tag sinnlos eine gigantische Wirtschaftsleistung zur Erhaltung des Systems verpulvert. Mit der bisher verpulverten Wirtschaftsleistung wäre die Masse der Symptome, wie auch dieses, wohl schon lange obsolet. Denken Sie nur einmal an die menschenleeren Millionenstädte in China oder die sinnlosen Bürotürme in Arabien, während die Masse der Landbevölkerung in China oder Ägypten kaum Baumaterial für ihre Hütten haben.

    Hierzu kein Wort von Ihnen. Stattdessen reden Sie der Stabilisierung des derzeitigen Systems das Wort, von Änderung zum Wohle Aller keine Spur.

    Warum eigentlich?

    2 Leserempfehlungen
  4. Da Deutschland bisher in Sachen Libyen den internationalen Drueckeberger gespielt hat, kann es sich ja wenigstens einmal dieser Angelegeheit annehmen. Schliesslich braucht man dazu auch keinen Soldaten- wovor Deutschland ja solch eine pazifistische Angst hat. Ausserdem wollten die Fluechtlinge ohnehin nach Europa, und sassen zuvor in Gaddafi's Knaesten.

    Da koennte Deustchland seine selbtsgepredigte moralische Ueberlegenheit doch einmal allen beweisen? Taten statt Worte und Besserwissereien? Aber daraus wird wohl nichts - denn eine solche existiert ganz offenischtlich nicht. Worte und Besserwissereien statt Taten.

  5. Das nennt sich schon fast eine Sensation, wenn Sie auf diese Entfernung eindeutig feststellen können, dass diese Familien "nur aus wirtschaftlichen Gründen" aus Bürgerkriegsgebieten geflüchtet sind, immerhin aus Ländern wie Sudan, Somalia, Eritrea und Äthiopien. Schon mal was von Ländern gelesen, die so heißen, klingelt's da nicht?

    Und das superreiche Tunesien soll sich also gefälligst nicht so anstellen, und die 5.300 Flüchtlinge behalten. Dagegen wären 53 davon (1%) für das arme arme Deutschland eine absolute Zumutung... (?)

    Mir fehlen die Worte.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
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    Was wollen Sie mit den anderen paar Millionen Menschen Aus Sudan, Eritrea, Äthiopien, Somalia tun, die dort weg wollen?

    Leider ist mein Artikel der "political correctnes Zensur" zum Opfer gefallen.
    Aber ich kann Ihnen versichern, dass mein Kommentar den Tatsachen entspricht und ich über die Verhältnisse der Gasarbeiter in Libyen ganz gut Bescheid weiß. Ich habe 2 Jahre in dem Land gearbeitet und z.T auch dies Gasarbeiter für Bauprojekte eingesetzt. Die Menschen sind aus wirtschaftlichen Gründen in Libyen und sind von der Mentalität und der Bildung zu weit von dem allgemeinen Level in Europa entfernt als das eine Integration erfolgreich sein könnte.

    Glauben sie wirklich, dass man es großen Teilen Afrikas nicht weiß, dass es hier Geld geben kann ohne Arbeit? Haben sie noch nicht die Geschichte eines Mannes gelesen, sie wurde sauber recherchiert und auch im TV gezeigt, in dessen Familie Geld gesammelt wurde für seine Schleusung nach Deutschland, wo er dann mangels beruflichen Fähigkeiten keine Arbeit finden konnte. Somit konnte auch kein Geld nach Afrika geschickt werden und er strandete hier? Halten sie es nicht auch für besser,wenn dien Entwicklungshilfe dort eingesetzt wird, nämlich Objekte und Projekte an Ort und Stelle, wo geholfen werden kann. Damit wäre den Ländern in Afrika sicher mehr geholfe, als wenn einzelne Menschen wirtschaftlich gerettet werden. Größere Anstrengungen sind da notwendig und von fr. Merkel auch zugesagt worden. Leider hat sie diese wieder vergessen.

  6. "In ihre Heimatländer können sie nicht, weil dort Bürgerkrieg oder politische Unterdrückung herrschen"

    In ihren Heimatländern Sudan, Somalia, Eritrea und Äthiopen leben nach wie vor zig Millionen Menschen - ihre Eltern, Frauen, Kinder, Freunde, Verwandte.

    Also, warum sollen diese Menschen nicht dorthin zurück können - zu ihrer Heimat, ihrem Land, ihrer Arbeit, ihren Wurzeln?

    Wenn es dort derzeit einfach schlecht ist, so ist es gerade die Aufgabe derer, die es besser kennen und besser wissen, die Dinge zum Guten zu verändern!

    Was wollen diese Menschen aus Afrika, gestrandet in der Wüste, in Oberammergau oder in Tötensen?

    Es wird ihnen dort nicht gefallen, und es wird ihnen dort auch nicht gut gehen - allein, in der Fremde, und nicht geliebt.

    Also, deswegen - und ich will gerne, dass es diesen Menschen gut geht - befürworte ich NICHT, dass sie nach D kommen.

    aj

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  7. 8. Frage

    Was wollen Sie mit den anderen paar Millionen Menschen Aus Sudan, Eritrea, Äthiopien, Somalia tun, die dort weg wollen?

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Sehr erstaunlich !"

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  • Schlagworte UNHCR | Bürgerkrieg | Flüchtling | Nordafrika | Eritrea | Libyen
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