Warum macht der Mann das? Kündigt ein Referendum über Sparkurs und Hilfszahlungen an, wenn er sich gerade mit der EU über alles geeinigt hat. Stürzt die EU in eine neue Krise, wenn sie sich gerade zur Bewältigung durchgerungen hat. In Athen dämmert am Tag drei nach der Referendumskrise, dass in dieser Situation nichts weniger als das politische System auf dem Spiel steht, die demokratische Ordnung, wie sie spätestens nach dem Sturz der Junta 1974 entstanden ist.

Papandreou will den Staat und das Land umbauen. Wie er das macht, darüber ist der Streit voll entbrannt. Am Freitag stellt er sich der Vertrauensabstimmung. Es droht dabei auch die Spaltung seiner Partei, der sozialistischen Pasok. Stellvertretend für diese Zerissenheiten steht Louka Katseli, sie hatte ihren großen Auftritt schon vor zwei Wochen. Danach warf der Premierminister und Chef der regierenden sozialistischen Pasok sie aus der Fraktion. Georgios Papandreous ehemalige Arbeitsministerin hatte bei der Abstimmung über das neueste Sparpaket mit Nein gestimmt.

Warum, das erklärt die Wirtschaftsprofessorin in ihrem Büro am Lycabettus-Hügel in der Athener Innenstadt. Einer der Artikel im Paket "macht unsere Arbeit von Jahren zunichte", sagt Katseli entschieden, eine starke, kraftvolle Frau, blaue Augen, rotblonde Löwenmähne. "Diese Reform lässt die Löhne auf ein Minimum fallen und schwächt die Gewerkschaften." Für sie Grund genug, ihre Parteikarriere aufs Spiel zu setzen. "Ich wusste, dass Papandreou mich feuern würde." Sie und Papandreou kennen sich seit Studientagen, sie hat als Arbeitsministerin die ersten Sparpakete 2010 mitgetragen. Auch kann sie Papandreous Schritt zum Referendum irgendwie verstehen. Bei vielen Reformern gilt die Pasok-Linke als Bremserin. Den griechischen Wohlfahrtsstaat sieht sie "nicht als ausufernd, sondern als ineffektiv" an. "Die Transferzahlungen sind nie wirklich unten angekommen", klagt Katseli. Viele Reformen seien zutiefst ungerecht, weil die Kleinen bezahlen müssten, was die Großen hinterziehen. Daher auch der Hass auf die Politik. Das Pasok-Problem sei der Vertrauensbruch. "Das griechische Volk ist wichtiger als die Gläubiger!"

Zahlreiche Pasok-Abgeordnete finden jedoch, dass Katseli es sich zu einfach macht. Nach dem Nein ist sie in ihrer Partei isoliert, bei den Bürgern aber beliebt. Auf ihrer Facebookseite prasselt das Lob. Während viele Politiker nur noch in Panzerwagen und mit Bodyguards durch Athen fahren, flaniert Katseli gelassen durch die Innenstadt. Die Menschen winken auf der Straße, kommen freundlich auf sie zu, gratulieren ihr zum Nein. Kämen nach Papandreous Referendum Wahlen, wären viele Pasok-Leute nicht mehr im Parlament. Katseli schon.

Das Dilemma der Pasok

Wirtschaftsexpertin Elena Panariti ärgert das Gerede von der Wiederwahl. "Meine Priorität ist nicht die Wiederwahl meiner Partei", schimpft sie, "ich will, dass mein Land endlich Erfolg hat." Anders als Katseli hat die 41-Jährige das jüngste Sparpaket abgesegnet, "es war gar nicht anders möglich". Griechenland brauche den Druck, um sich zu ändern. Der Premierminister schätzt die energische Politikerin mit langer Weltbankkarriere. Er hat sie über die Parteiliste ins Parlament gebracht. Der Schuldenschnitt der Vorwoche werde Griechenland helfen , sagt Panariti, vorausgesetzt, die siechen Banken würden vorm Kollaps bewahrt. "Ich verstehe Katselis Nein", sagt Panariti, aber es sei eben eine "bestimmte Ideologie" vergangener Tage, jetzt gehe es darum, den schwerfälligen griechischen Staat zu deregulieren. Das sage ihr die Weltbankerfahrung.

Das Dilemma der Pasok sei dabei: "Wir müssen in Rekordzeit den Staatssektor um zehn Prozent eindampfen und haben keine Zeit zu erklären, warum." Früher meinte jeder, das Recht auf einen Staatsjob zu haben. Vorbei. Die Leute sehen, wie der Wohlfahrtsstaat von der Partei abgebaut wird, die ihn in den achtziger Jahren geprägt hat. Aber plagt sie denn nicht die Gerechtigkeitslücke, die Katseli so umtreibt? Wenn zum Beispiel reiche Reeder ihr Vermögen nach Übersee verschiffen können? "Falsche Frage", sagt Panariti. "Es geht im Moment weniger um Gerechtigkeit als um das schiere Überleben des Staates."

Es wäre noch ungerechter für alle, wenn jetzt unter der nicht zu bändigenden Schuldenlast das ganze Land vor die Hunde ginge. Sie steht voll hinter Papandreous Entscheidung, jetzt das Volk zu fragen, ob es sich selbst retten will. Papandreou wolle auf dem schweren Weg die vielen Gegner in der eigenen Partei und im Volk überzeugen. "Er möchte Rückhalt auf beiden Seiten haben – von der EU und vom griechischen Volk."