Spricht man im Westen von Wahlen im Zuge des arabischen Frühlings, sind die Islamisten das Topthema. Die Rolle der religiösen Parteien beschäftigt uns und vor allem die Säkularen in Nahost. Die erste Wahl fand in Tunesien statt und man fragt sich, wie moderat die islamische Enahda-Partei in Tunesien wirklich. ist. Wie ist es unter ihrer Ägide um die Trennung zwischen Religion und Staat bestellt? Droht die Enahda das demokratische Pflänzlein Tunesiens nach der Wahl im Keim zu ersticken?

Neues birgt Unsicherheit – Skepsis und Angst sind verständlich. Und doch verwundert es, dass vor allem Skepsis gegenüber der Religion besteht. Ausgerechnet in Deutschland, schließlich ist die Regierungspartei "christlich" und das Grundgesetz verpflichtet sich in seiner Präambel der Verantwortung vor Gott.

Nun mag der Leser einwenden, dass das mit dem Islam ja ganz anders sei als mit dem Christentum. Doch dabei handelt es sich um einen von drei landläufigen Irrtümern in der öffentlichen Debatte um Religion und Demokratie. Weder ist der Islam per se inkompatibel mit Demokratie, noch ist das Christentum in jedem Fall die bessere Alternative. Und die strikte Trennung zwischen Staat und Religion findet sich in kaum einem politischen System – auch und gerade nicht in den etablierten Demokratien Europas.

Keine Religion ist als solche besser oder schlechter für das Entstehen und den Fortbestand der Demokratie als die andere. Jede Religion ist in dem Maße mit einer freiheitlichen Ordnung und den universalen Menschenrechten vereinbar wie die Interpretation und das Handeln der Gläubigen es zulässt. So sind Christentum und Islam keine statischen Größen, sondern dynamische Glaubenssysteme.

Sie formen und verändern sich im Laufe der Zeit und nehmen in verschiedenen Weltregionen unterschiedliche Gestalten an. Beispielsweise folgt eine von Vodoo-Elementen begleitete katholische Messe im haitianischen Port-au-Prince zwar einer ähnlichen Liturgie wie der Gottesdienst in der bayerischen Provinz, doch unterscheiden sich die politischen Rollen religiöser Würdenträger in beiden Ländern. Ein Blick auf die Demokratisierung in beiden Staaten verdeutlicht dies.

In Indien, Indonesien und der Türkei leben 457 Millionen Muslime

Während in Haiti katholische Priester Anfang der 1990er Jahre der Befreiungstheologie folgten und die Gläubigen ihrer Gemeinden für die demokratische Sache mobilisierten, verhielt sich die katholische Kirche im Nachkriegsdeutschland eher verhalten zur Demokratie. Mehr noch die evangelische Kirche Deutschlands. Aus Angst vor der Wiederholung der Weimarer Geschichte positionierten sich viele kirchliche Vertreter gegen eine parlamentarische Demokratie und sprachen sich in innerkirchlichen Debatten für die Einführung einer konstitutionellen Monarchie aus.

Es dauerte bis in die 1950er Jahre, bis der westdeutsche Protestantismus mehrheitlich zu einer pragmatischen und mit den demokratischen Institutionen Westdeutschlands kompatiblen Haltung fand. Die deutsche Erfahrung zeigt, dass religiöse Organisationen sich der demokratischen Ordnung anpassen, sich mit ihr auseinandersetzen und diese beeinflussen können, ohne der Demokratie nachhaltig zu schaden.