Seine Koffer hat Tamer Refaat Salama schon gepackt. In den nächsten Tagen soll endlich das Visum kommen, dann kann die Reise losgehen. Amerika ist das Ziel, davon träumt der 29-Jährige schon lange. Es ist ein Traum von Gleichberechtigung und Religionsfreiheit, denn Tamar ist Kopte – und Christen werden in Ägypten diskriminiert. "Egal ob in der Universität oder auf der Arbeit, ich fühle mich hier als Bürger zweiter Klasse", sagt Tamer.

Wie Tamer wollen viele Kopten raus aus dem Land. Seit dem Sturz von Machthaber Hosni Mubarak haben rund 100.000 Kopten Ägypten bereits verlassen, wie die Menschenrechtsorganisation Egyptian Union for Human Rights mitteilt. Wie Tamer, der vor der Revolution für eine große Telefongesellschaft im Marketing gearbeitet hat, sind die meisten jung und gut ausgebildet, sehen keine Chancen im Heimatland, fühlen sich von radikalen Muslimen und dem Militärrat bedroht. Sie fürchten die Zukunft.

Rund acht Millionen Kopten gibt es in Ägypten, sie machen rund zehn Prozent der gesamten Bevölkerung aus. Seit Anfang der 50er Jahre, als Gamal Abdel Nasser sich an die Spitze des Landes putschte, werden sie politisch diskriminiert: Sie dürfen nur wenige Kirchen bauen, berufliche Elitepositionen bleiben ihnen verwehrt. Jahr um Jahr gibt es blutige Angriffe auf die Religionsgemeinschaft .

Der Militärrat duldet die Übergriffe

Auch für Mubarak waren die Kopten ein politischer Spielball. Kaum traten innenpolitische Spannungen auf, brannten Kirchen und Kopten wurden getötet. Nach außen gab Mubarak sich dann als Beschützer, als Einiger, er machte stets Extremisten für die Taten verantwortlich. Doch es war Mubarak selbst, der Christen und Muslime spaltete. Dokumente, die bei der Stürmung des Innenministeriums Ende Januar ans Licht kamen, beweisen, dass der Geheimdienst für zahlreiche blutige Eskalationen verantwortlich war, zuletzt für die Explosion einer Kirche in Alexandria, bei der im Januar dieses Jahres 23 Menschen starben .

Doch seit dem Sturz Mubaraks sind die Angriffe noch radikaler und blutiger geworden. "Die Zukunft der Christen in Ägypten sieht düster aus", sagt Naguib Gobraiel , Leiter der Egyptian Union for Human Rights. "Vor der Revolution wurden Christen nur indirekt diskriminiert, seit der Revolution greifen Salafisten und Muslimbrüder Christen offen und direkt an." Anfang März brannte nördlich von Kairo eine Kirche. Straßenschlachten folgten, 13 Menschen starben. Zwei Monate später gingen die nächsten zwei Kirchen in Flammen auf. Stundenlange Gefechte zwischen Christen und Muslime forderten 15 Tote. Anfang Oktober dann demolierten Salafisten im Süden Ägypten ein Gotteshaus. Kopten und Muslime protestierten daraufhin gemeinsam in Kairo, doch die Demonstrationen endeten am 9. Oktober im größten Blutbad seit Ende der Revolution , mindestens 24 Menschen starben.

Es sind radikale Muslime die Christen und Kirchen angreifen und sie werden vom Militärrat geduldet und angestiftet. Die Schuldigen werden nicht zur Verantwortung gezogen, der Militärrat hat bislang keinen Täter vor Gericht gestellt – das ermutigt die Angreifer. Während Aktivisten und Blogger fast täglich im Schnellverfahren verhört und inhaftiert werden , haben Extremisten freie Hand.