Viel Empörung hat sich an dem Artikel von Andrea Böhm und mir von vergangener Woche in der ZEIT zum Libyen-Krieg entzündet. Fast 350 Leser-Kommentare, die meisten wutgeladen, liefen auf ZEIT ONLINE ein. Die meisten nahmen Anstoß an dem Titel "Dieser Krieg war gerecht". Um eines vorwegzunehmen: Diese Überschrift war nicht die beste Wahl. Weil sie als Behauptung zu undifferenziert daherkommt. Falsch ist sie nicht, allerdings muss man – und das hat die Überschrift nicht getan – unterscheiden zwischen einer äußeren und einer inneren Gerechtigkeit.

Eine innere Gerechtigkeit kann ein Krieg nicht besitzen. Krieg besteht ja gerade im Außerkraftsetzen des Rechts, im Gleichsetzen von Macht und Gewalt, in der physischen Bekämpfung des Gegners und in aller damit verbundenen Brutalisierung einer Gesellschaft, die das Leiden vieler Unschuldiger nach sich zieht.

Sehr wohl aber gibt es eine äußere Gerechtigkeit des Krieges. Eben dann, wenn der Einsatz von Gewalt schlimmere Gewalt verhindert. Um einen solchen Fall, davon jedenfalls bleibe ich überzeugt, handelte es sich in Libyen. Sicher, jenseits dieser grundsätzlichen Wertung bleibt zu fragen, ob die konkrete Kriegsführung vernünftig und angemessen war. Genau dieser Frage geht unser Artikel nach. Natürlich, es bleiben Fragen. Etwa die nach der Rolle der Nato bei der Tötung Gadhafis. Oder ihre noch immer blauäugige Sicht auf die vermeintliche Menschenrechtstreue der Rebellen. Oder die nach den Eigeninteressen der Allianz.

In bemerkenswerter Offenheit sagte uns Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen diese Woche in einem Interview, die Libyen-Mission sei nicht allein eine humanitäre Aktion gewesen. "Sie diente", so Rasmussen, "den strategischen Interessen der Allianz, im Sinne des Artikel 5 des Nato-Vertrages: Territorialverteidigung." Das freilich war so mit den Vereinten Nationen nicht abgemacht.

Abgesehen von dieser und anderer absolut notwendigen Kritik hat mich eins aber wirklich erschreckt: zu sehen, wie viele der Kommentatoren die Libyen-Intervention schlicht ungerecht fanden.

Um noch einmal zusammenzufassen, was passiert war: Im Februar demonstrierten Bürger in Benghasi gegen die Willkürherrschaft von Gadhafi. Regimetruppen schossen daraufhin in die Menge, später auch auf Trauerzüge. Gadhafi nannte die Demonstranten "Ratten", sein Sohn Saif kündigte "Ströme von Blut" an. Der Golf-Kooperationsrat rief daraufhin zum Schutz der Zivilisten auf. Der Generalsekretär der Arabischen Liga plädierte für eine Flugverbotszone. Schließlich verabschiedete der UN-Sicherheitsrat am 17. März eine Resolution, die sich auf das völkerrechtliche Prinzip der Responsibility to Protect , der Schutzverantwortung, stützte.

Was eigentlich muss noch geschehen, damit ein Krieg als gerechtfertigt gelten kann? Welche Kriterien müssen noch erfüllt sein? Sicher, die Rebellen waren und bleiben unberechenbar. Ich halte unberechenbare Rebellen, wenn sie gegen eine Diktatur kämpfen, aber bei Weitem für besser als tote Rebellen.