LibyenStillstand in Misrata

Vor bald einem halben Jahr endeten die Kämpfe um Misrata. Doch die libysche Stadt liegt noch immer in Trümmern, viele Kinder sind traumatisiert. von Raphael Thelen

Ein Mann in den zerstörten Straßen von Misrata

Ein Mann in den zerstörten Straßen von Misrata  |  © Daniel Berehulak/Getty Images

Ratlos schaut sich Ali Salem Amer in seinem früheren Wohnzimmer um. Dort, wo früher die Außenmauer stand, klafft ein riesiges Loch, die übrigen Wände sind rußgeschwärzt. Überall liegen Schutt, Asche und Glas. "Gadhafis Truppen beschossen unser Haus mit Granaten und Panzerfäusten", erinnert sich der 27-Jährige an die Belagerung seiner Heimatstadt Misrata durch regimetreue Einheiten. "Das Haus brannte komplett aus." Blickt man die Straße hinunter, bietet sich das gleiche Bild: eingestürzte Häuser, Einschusslöcher, Krater. Ein knappes halbes Jahr nach der Befreiung Misratas liegen große Teile der Stadt noch in Trümmern.

Amer verdient sein Geld als Schafzüchter, das Haus bauten seine Großeltern. Seit März leben er, seine Eltern und seine neun Geschwister in einer gemieteten Wohnung. Ein Schicksal, das über 2.000 Familien in Misrata teilen. "Die Übergangsregierung hat eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die den Wiederaufbau leiten soll. Doch wir wissen nicht, wann wir mit Geld rechnen können", sagt Amer und seufzt.

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Die Schlacht um Misrata war eine der symbolträchtigsten während des Bürgerkrieges, denn lange Zeit konnten sich die Rebellen nur in den viel weiter östlich gelegenen Städten behaupten. Misrata, nur 200 Kilometer von der Hauptstadt Tripolis entfernt, war eine Ausnahme. 

Befreiung im Mai

Mehr als zwei Monate lang versuchten Gadhafis Truppen Misrata zu erobern , sie rückten mit Panzern und Bulldozern vor, beschossen das Stadtzentrum wochenlang mit schweren Mörsern. Die Bewohner und Rebellen leisteten Widerstand und drängten die Angreifer Mitte Mai schließlich zurück. Doch sie zahlten einen hohen Preis. Mindestens 2.000 Menschen – Rebellen und Zivilisten – starben nach Angaben der Übergangsregierung, viele tausend mehr wurden verwundet. Die genaue Zahl der Vergewaltigungen wird nie jemand erfahren, schätzungsweise jedoch geht auch sie in die tausende.

Mehr als 5.000 Häuser wurden beschädigt, 2.400 davon so sehr, dass sie unbewohnbar sind. Das zentrale Krankenhaus ist teilweise bis aufs Stahlskelett zerschossen, sämtliche Verwaltungsgebäude sind ausgebrannt. Trotz monatelanger Aufräumarbeiten säumen ausgebrannte Panzer und Schutthaufen die Straßen.

Auch Amers Nachbar Mohammed Muftar Shenbar steht vor dem Nichts. Er und sein Vater haben 30 Jahre lang einen Reinigungsmittelgroßhandel betrieben. Während eines Angriffs schlug eine Mörsergranate durch das Dach ihres Lagerhauses. "Wir versuchten noch einige Waren zu retten, doch es stand schon alles in Flammen", sagt Shenbar. Der Boden des Lagerhauses ist überzogen mit geschmolzenem Plastik, überall liegen rußschwarze Duftspraydosen. Shenbar schätzt den Schaden auf eine halbe Millionen Euro.

Leserkommentare
  1. Jetzt ist es in Misrata so wie bei "uns" - einfach nur irgendwo rumsitzen und auf Förderung warten - alles andere wird strikt blockiert - Geld bitte nicht für Leistungswillige, die sich selbständig machen wollen - am besten ehrenamtlich die Straße fegen.

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  2. Der weltpolitische Auftrag gilt als erfüllt. Der Pulverdampf verzieht sich. Jetzt rücken die Einzelschicksale in den Vordergrund.

    Die grausame Fratze des Krieges - danach.

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  3. Misrata war ein aufstrebende Handelsstadt. Libyen war eine aufstrebende Nation, die kurz davor stand sich autark (Wasserversorgung) zu machen. Dies hat so einigen in dieser Welt überhaupt nicht gepasst.
    Zurückgebombt ins Mittelalter. Ob sie jemals wieder dieses Niveau erreichen werden ?
    Ich denke nicht. Jedenfalls ist es nicht erwünscht.

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    • ThorHa
    • 13. November 2011 13:27 Uhr

    ... haben Gaddafis Truppen eine libysche Stadt. Und wer in der Welt hatte daran Interesse, Gaddafi dazu aufzustacheln? Fragen über Fragen ... Denn die einfache Antwort - der Kommentator habe nur mal ein bisschen gegen den "Westen" stänkern wollen - ist natürlich ausgeschlossen. Denn dazu müsste er ja die Fakten bis zur unkenntlichkeit verbiegen. Und die stehen im Artikel:
    "Mehr als zwei Monate lang versuchten Gadhafis Truppen Misrata zu erobern, sie rückten mit Panzern und Bulldozern vor, beschossen das Stadtzentrum wochenlang mit schweren Mörsern."

  4. Schöne Städte brennen schön. Diese Skyline ist ein NATO-Kunstwerk. Die Libyer haben dafür teuer bezahlt. Das Kunstwerk hätte auch einen bezeichnenden Namen verdient: "Der gerechte Krieg (in Öl)."

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    • M.R.K
    • 10. November 2011 21:30 Uhr

    ...blöder Kommentar. Gerade Misurate wurde Monate lang von Gaddafis Schergen bombardiert, und eben nicht von der Nato. Gadaffis Leute beschossen die Stadt mit Mörsern, Stalinorgeln, Haubitzen. Die Nato konnte nur begrenzt eingreifen, mit ihren Flugzeugen. Es waren die Bewohner Misuratas die Gaddafis Schergen vertrieben, Scharschützen von den Dächern holten und und und. Das einzige was die Natoflugzeuge in den Strassenkämpfen erreichen konnten, war die Zerstörung einiger in die Stadt eingerückter Panzer.

  5. 5. Wüste

    "Ich hab im kleinem Umfang wieder angefangen zu arbeiten, aber für alles andere müssen wir auf die Regierung warten". Das Warten wird nicht viel bringen. Libyen ist jetzt das, was es ohne eine leidlich funktionierende Verteilung der Öleinnahmen und eine funktionierende Infrastruktur ist: Ein Stück Wüste, auf dem die natürlichen Gegebenheiten keine nennenswerte Entwicklung zulassen. Vor dem Krieg fielen 14% der Importe auf Lebensmittel, also etwa drei bis vier Milliarden Euro (nach eigenen Berechnungen). Leider liegen mir keine Prozentangaben vor, aber es dürfte ein extrem hoher prozentualer Anteil gewesen sein. Diese Lebensmittel fallen jetzt weg, denn die Einnahmen sind buchstäblich in die Luft geballert worden.

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  6. Libyens Städte oft schön, aber hinter den Fassaden war ... NICHTS. Ghadhafi ließ zum Beispiel 2009 nahe Bab Azzaziya ein ganzes Stadtviertel plattmachen, nur die wenigen Moscheen blieben mitten im NICHTS stehen. Und dann ... dann baute der Bruder Revolutionsführer, wie er sich selbstherrlich nannte, NICHTS hin. Wüst und leer lag es nahe dem Souk Thoulatha, nur notdürftig umstellt von Pappwänden. Die Einwohner, vor allem aber die Handwerker und kleinen Läden, vertreib der ach' so sozialistisch eingestellte Herrscher von eigenen Gnaden. Ja, Misurata und andere Städte werden Zeit brauchen und die Menschen erst Recht. Aber so wie in Deutschland und seine Menschen zwei Weltkriege überstanden haben, werden dies auch die Libyer mit einem zwar blutigen, aber im Vergleich sehr kurzen Konflikt ...

  7. Um einen Mann zu finden, der über Nacht vom gern gesehenen Gesprächspartner europäischer Spitzenpolitiker zum Schurken mutiert wurde, mußte ein ganzes Land in Trümmer gelegt werden.

    Und was nun?

    Wo sind die Libyschen Ghadafi-Milliarden, die dem Volk bisher vorenthalten wurden?
    Wieviel mehr erhält das Volk nach seinem "Freiheitskampf" von den sprudelnden Überschüssen der Ölverkäufe und -Förderlizenzen?
    Darüber wird der Mantel des Schweigens gebreitet, während das Geld nach und nach im Wüstensand versickert oder im Ausland privatisiert wird.

    Niemand wußte, wer die "Rebellen" waren und welche Ziele "nach Ghadafi" sie verfolgten.
    Aber es war erforderlich, daß die NATO sie mit monatelangen Massenbombardements zu unterstützt und das Land in Schutt und Asche legt.

    Wem nützt es?

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  8. ...Dollar-Milliarden sollten nun schnell...sehr schnell in Wiederaufbau und andere Förderungen fliessen. Doch mir schwant Böses, die Gelder verschwinden geheimnisvoll und das Volk wird darben, auch wenn die Ölquellen wieder sprudeln. In einem, in fünf und in zehn Jahren können wir hier die Fortschritte verfolgen...vielleicht.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Vergewaltigung | Dubai | Libyen | Misrata | Tripolis
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