Ein Mann in den zerstörten Straßen von Misrata © Daniel Berehulak/Getty Images

Ratlos schaut sich Ali Salem Amer in seinem früheren Wohnzimmer um. Dort, wo früher die Außenmauer stand, klafft ein riesiges Loch, die übrigen Wände sind rußgeschwärzt. Überall liegen Schutt, Asche und Glas. "Gadhafis Truppen beschossen unser Haus mit Granaten und Panzerfäusten", erinnert sich der 27-Jährige an die Belagerung seiner Heimatstadt Misrata durch regimetreue Einheiten. "Das Haus brannte komplett aus." Blickt man die Straße hinunter, bietet sich das gleiche Bild: eingestürzte Häuser, Einschusslöcher, Krater. Ein knappes halbes Jahr nach der Befreiung Misratas liegen große Teile der Stadt noch in Trümmern.

Amer verdient sein Geld als Schafzüchter, das Haus bauten seine Großeltern. Seit März leben er, seine Eltern und seine neun Geschwister in einer gemieteten Wohnung. Ein Schicksal, das über 2.000 Familien in Misrata teilen. "Die Übergangsregierung hat eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die den Wiederaufbau leiten soll. Doch wir wissen nicht, wann wir mit Geld rechnen können", sagt Amer und seufzt.

Die Schlacht um Misrata war eine der symbolträchtigsten während des Bürgerkrieges, denn lange Zeit konnten sich die Rebellen nur in den viel weiter östlich gelegenen Städten behaupten. Misrata, nur 200 Kilometer von der Hauptstadt Tripolis entfernt, war eine Ausnahme. 

Befreiung im Mai

Mehr als zwei Monate lang versuchten Gadhafis Truppen Misrata zu erobern , sie rückten mit Panzern und Bulldozern vor, beschossen das Stadtzentrum wochenlang mit schweren Mörsern. Die Bewohner und Rebellen leisteten Widerstand und drängten die Angreifer Mitte Mai schließlich zurück. Doch sie zahlten einen hohen Preis. Mindestens 2.000 Menschen – Rebellen und Zivilisten – starben nach Angaben der Übergangsregierung, viele tausend mehr wurden verwundet. Die genaue Zahl der Vergewaltigungen wird nie jemand erfahren, schätzungsweise jedoch geht auch sie in die tausende.

Mehr als 5.000 Häuser wurden beschädigt, 2.400 davon so sehr, dass sie unbewohnbar sind. Das zentrale Krankenhaus ist teilweise bis aufs Stahlskelett zerschossen, sämtliche Verwaltungsgebäude sind ausgebrannt. Trotz monatelanger Aufräumarbeiten säumen ausgebrannte Panzer und Schutthaufen die Straßen.

Auch Amers Nachbar Mohammed Muftar Shenbar steht vor dem Nichts. Er und sein Vater haben 30 Jahre lang einen Reinigungsmittelgroßhandel betrieben. Während eines Angriffs schlug eine Mörsergranate durch das Dach ihres Lagerhauses. "Wir versuchten noch einige Waren zu retten, doch es stand schon alles in Flammen", sagt Shenbar. Der Boden des Lagerhauses ist überzogen mit geschmolzenem Plastik, überall liegen rußschwarze Duftspraydosen. Shenbar schätzt den Schaden auf eine halbe Millionen Euro.