Bei den vorgezogenen Parlamentswahlen in Marokko hat die gemäßigt islamistische Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD) gewonnen. Die Partei habe laut vorläufigem Ergebnis 80 von 395 Sitzen errungen und damit mehr als jede andere Partei, sagte Innenminister Taib Cherkaoui. Es handle sich aber noch nicht um das Endergebnis.

Rund 13,5 Millionen Stimmberechtigte waren bei der vorgezogenen Neuwahl des Parlaments vom Freitag zu den Urnen gerufen worden. Sie konnten sich zwischen 31 Parteien entscheiden. Zu vergeben waren 70 Mandate – mehr als bei der Parlamentswahl im Jahr 2007. Die Wahlbeteiligung lag bei etwa 45,4 Prozent. Das marokkanische Abgeordnetenhaus hat insgesamt 395 Sitze. Davon sind 90 Mandate für Frauen und 30 für Parlamentarier unter 40 Jahren reserviert.

Bereits vor Verkündung des Ergebnisses hatte die PJD erklärt, die Wahl gewonnen zu haben. Der Vorsitzende der PJD-Parlamentsfraktion, Lahcen Daoudi, sagte, bisher vorliegenden Zahlen zufolge werde seine Partei "mehr als hundert" Mandate erringen. Bereits in der Nacht zum Samstag hatte sich die PDJ als Sieger gefeiert.

EU sieht in Wahlen wichtigen Schritt für Demokratie

Die nationalistische Partei Istiqlal von Ministerpräsident Abbas al-Fassi belegte mit 45 Sitzen den zweiten Platz. Seine Partei sei bereit, mit der PJD eine Koalition zu bilden, sagte Istiqlal-Führungsmitglied Abdallah Bakkali. Beide Parteien hätten "gemeinsame Werte und Prinzipien".

Die Zentrumspartei RNI, die der derzeitigen Regierungskoalition angehört, kam auf 38 Sitze. Die monarchistische PAM kommt auf 33 Sitze, die sozialistische USFP auf 29.

In einer gemeinsamen Erklärung sagten die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton und der für die Nachbarschaftspolitik zuständige EU-Kommissar Stefan Füle in Brüssel, die Wahlen seien "ein wichtiger Schritt in dem laufenden Demokratisierungsprozess Marokkos". Die Abstimmung sei in einer "ruhigen und friedlichen Atmosphäre" abgelaufen. "Die Europäische Union wird Marokko weiter dabei unterstützen, seine ehrgeizige Reformagenda umzusetzen."

König Mohamed VI. bleibt Staatsoberhaupt

Die Verfassungsänderung, die Anfang Juli bei einer Volksabstimmung mit großer Mehrheit angenommen wurde, stärkt die Rolle des Parlaments im Gesetzgebungsprozess sowie die Position des Ministerpräsidenten. König Mohammed VI. muss jetzt die PDJ mit der Regierungsbildung beauftragen. Er hatte die Wahl um elf Monate vorverlegt, um ein Übergreifen der demokratischen Proteste aus anderen arabischen Ländern auf Marokko zu verhindern. Der 47-jährige König bleibt jedoch Staatsoberhaupt und Armeechef.

Die gemäßigten Islamisten hatten schon vor der Wahl als Favoriten gegolten. Die PJD hatte sich im Wahlkampf zunächst unter anderem für das Verbot von Alkohol und gegen die Veranstaltung von Sommermusikfestivals stark gemacht. Später versprach sie vor allem, gegen Armut vorzugehen und den Mindestlohn um 50 Prozent zu erhöhen. Auch die Korruption und die Massenarbeitslosigkeit wollten sie bekämpfen.