Ohne Not handelt niemand so, wie es gerade der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou tut. Wer sicher im Sattel sitzt, braucht kein Referendum , um die Legitimität seines Handelns sicherzustellen.

Doch Papandreou steht mit dem Rücken zur Wand. Die konservative Opposition verweigert schon seit Monaten eine konstruktive Zusammenarbeit, um die tiefe Krise des Landes zu bewältigen. Die europäischen Partner, die Europäische Zentralbank und der Internationale Währungsfonds haben dem Land Sparanstrengungen abverlangt, wie sie noch kein anderer EU-Staat zu bewältigen hatte. Das Volk leidet unter den Kürzungen, die Arbeitslosigkeit steigt und die Alterssicherung vieler Bürger steht vor dem Zusammenbruch. Streiks und Proteste lähmen das Land. Und selbst in Papandreous eigener sozialistischer Partei sind die gegnerischen Stimmen so laut, dass niemand sicher sein kann, ob der Ministerpräsident die geplante Vertrauensabstimmung am Freitag übersteht. Oder schon vorher zurücktreten muss.

Die Lage ist zweifellos äußerst heikel. Doch was machen Angela Merkel und Nicolas Sarkozy? Sie bestellen Papandreou zum Rapport und belegen sein Land mit Strafmaßnahmen: Die bereits gebilligte Auszahlung der nächsten Kredittranche wird auf Eis gelegt . Dabei geht es um Hilfen aus dem ersten Rettungspaket, das bereits 2010 beschlossen wurde. Die Euro-Länder verstärken damit den Druck, der ohnehin schon auf Athen lastet, weiter – ein äußerst unkluger Schritt.

Ja, Papandreou hätte spätestens während des EU-Rettungsgipfels in der vergangenen Woche sagen müssen, dass er mit dem Gedanken spielt, das vereinbarte Sparpaket dem Volk zur Abstimmung vorzulegen. Ja, es geht in der ganzen Griechenland-Rettungs-Debatte nicht allein um ein kleines Land am südlichen Rande des Kontinents, sondern um ein höheres Prinzip, um die Einheit und den Erhalt des gesamten Währungsraums. Mit der Kanzlerin gesprochen: Es geht um die Stärkung Europas – oder seinen Fall.

Aber gerade weil so viel auf dem Spiel steht, muss Europa den griechischen Bürgern zeigen, dass es sie für mehr hält als für Betrüger, Steuerhinterzieher und faule Starrköpfe, die die gewaltigen Rettungsanstrengungen der großen Mitspieler EU, EZB und IWF nicht zu würdigen wissen.

Das Referendum soll am 4. oder 5. Dezember stattfinden. Bis Mitte Dezember, so heißt es, habe Griechenland noch ausreichend Geld – erst danach steht das Land blank da. Was hätte dagegen gesprochen, kühl abzuwarten und die Entscheidung, die nächste Tranche aus dem ersten Rettungspaket auszuzahlen, stillschweigend auf die Zeit nach dem Referendum zu verschieben?

Jetzt aber, quasi als Retourkutsche auf Papadreous Ankündigung, das Geld lauthals zu verweigern , muss in Griechenland als Erpressung wahrgenommen werden . In einer derart aufgeheizten Stimmung wie der gegenwärtigen steigert das nicht gerade die Sympathien für die Sparpläne. Klüger wäre es, auf Griechenlands Bürger zuzugehen und ihnen zu erklären, warum ihre Zustimmung für die Einheit und Zukunft Europas so wichtig ist. Und ihnen gleichzeitig eine Perspektive zu eröffnen, wie auch sie selbst damit gewinnen können.