Auch José Maria Ruiz ist empört. "Im Vergleich zu Spanien ist das Sozialsystem der USA paradiesisch", sagt der Sprecher der PAH. "Dort werden die Leute wenigstens nicht mitten im Winter auf die Straße gesetzt." Ruiz koordiniert die Gruppen in den einzelnen Stadtvierteln.

"Die Polizei gibt uns noch fünf Minuten", erklärt er den Demonstranten, "dann werden sie uns hier mit Gewalt wegbringen." Die Menge weiß schon, was jetzt kommt. Sie setzen sich vor die Haustür und haken sich unter. Nach einigen Minuten rücken die Einsatzkräfte an. Zu zweit, oft zu dritt, schleifen sie die Demonstranten aus den Reihen.

José Maria Ruiz kennt das Prozedere gut. Bis zu 180 Zwangsräumungen gebe es in Spanien täglich, allein in Madrid 100 pro Woche, sagt er. Bei zwei bis drei sei die PAH dabei. Immer wieder hat die Gruppe erreicht, dass Richter einen Aufschub gewähren, wenigstens einige Wochen, um Zeit für die Suche nach einer alternativen Bleibe zu gewinnen. Immerhin stehen in Spanien laut offiziellen Angaben mehr als 3,4 Millionen Wohnungen leer.

"Wir wollen ja gar nicht, dass die Stadt uns etwas schenkt", sagt Azucenas Mann Ovid. "Wir wollen Zeit. Aber es kann doch nicht sein, dass sie uns einfach die Schlüssel wegnehmen und die Wohnung versiegeln!" Darauf zielen auch die Aktionen der PAH. Sie fordert unter anderem ein Gesetz, dass Betroffene nach einer Zwangsräumung die Hypotheken nicht weiter abbezahlen müssen. Bisher ist das so.

Unterstützung von Occupy

Es ist zehn Uhr. Der Gerichtsvollzieher und die Hausverwalterin der EMV fahren in Taxis vor. "Schäm dich"-Rufe erschallen. Im Hauseingang sind mittlerweile ein Dutzend Polizisten verschwunden, teils mit Schutzschildern, die Vorhut der Räumungsaktion. Azucena und Ruiz telefonieren hektisch: Wohin bloß heute Nacht?

Lange wird im Haus verhandelt, dann tritt Ruiz nach draußen. Er schüttelt den Kopf. Diesmal hat er den Kampf verloren. Azucena ist nicht zu sehen. Mit ihrer Familie räumt sie die letzten Sachen aus, es sind die letzten Minuten in ihrer Wohnung. Freunde tragen die ersten Taschen aus der Wohnung auf die Straße. Dort wartet schon ein Umzugswagen. Der wird das Hab und Gut der Familie in einem städtischen Lager unterbringen. Zwei Wochen lang gratis, danach kostenpflichtig.

"Aber wir kämpfen weiter", sagt Ruiz. Immerhin hat seine Organisation in den vergangenen Monaten Verstärkung erhalten: Die Occupy-Bewegung, die in Spanien  unter dem Namen 15M ihren Anfang genommen hat , arbeitet eng mit der PAH zusammen, nächste Woche sind gemeinsame Aktionen geplant. Doch vorher stehen noch die vorgezogenen Parlamentswahlen an. Umfragen zufolge wird die konservative PP mit ihrem Parteichef Rajoy am Sonntag die absolute Mehrheit erringen, die noch regierenden Sozialisten (PSOE) stehen vor der schlimmsten Wahlniederlage in der jüngeren Geschichte. Ruiz zuckt die Schultern: "Es ist ganz egal, wer gewinnt. Keine der großen Parteien hat ein Interesse daran, dass sich an der sozialen Schieflage etwas ändert."