Klimawandel-EntschädigungEntwicklungsländer müssen initiativ werden

Für die Folgen des Klimawandels sollen arme Länder internationale Hilfen erhalten. Doch um diese zügig einzufordern, müssen die Staaten eigene Anpassungspläne vorweisen. Ein Gastbeitrag von Pieter Pauw, Marcus Kaplan und Chinwe Ifejika Speranza

Landarbeiterinnen in Niger

Landarbeiterinnen in Niger  |  © MUSTAFA OZER/AFP/Getty Images

Der Klimagipfel in Durban endete bekanntlich mit der Verschiebung des eigentlichen Problems. Die fast 200 Verhandlungspartner erzielten keine rechtsverbindliche Vereinbarung über die Reduktion von Treibhausgasemissionen, aber sie beschlossen, dies 2015 nachzuholen. Wir wollen hier nicht sarkastisch klingen – die Europäische Union hat sich mächtig ins Zeug gelegt für dieses Minimalergebnis.

Die Autoren

Pieter Pauw, Marcus Kaplan und Chinwe Ifejika Speranza sind Wissenschaftliche Mitarbeiter in der Abteilung "Umweltpolitik und Ressourcenmanagement" des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE). Das DIE zählt weltweit zu den führenden Thinktanks zu Fragen globaler Entwicklung.

Größere Fortschritte wurden hingegen bei der Anpassung an den Klimawandel gemacht. Gerade der Afrika-Pavillon mit Informations-Ständen aus verschiedenen Regionen zeigte die Verwundbarkeit dieses Kontinentes auf und betonte die Dringlichkeit für Anpassungsmaßnahmen.

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Da die globalen CO2-Emissionen weiter steigen, muss aus den vorhandenen Anpassungsmöglichkeiten das Maximum herausgeholt werden. Auf früheren Klimagipfeln wurde man sich bereits einig, dass Anpassung und Minderung gleichrangig zu behandeln seien. Ausschüsse und Expertengruppen befassen sich seitdem mit diesem thematischen Schwerpunkt. Auf dem Klimagipfel 2009 verpflichteten sich die Industrieländer, Entwicklungsländer bei Klimaschutz und Klimaanpassung zu unterstützen: mit 30 Milliarden Dollar im Zeitraum 2010 bis 2012 und jährlich 100 Milliarden Dollar ab 2020. Auf den letzten beiden Klimagipfeln gelang es nicht, konkrete Vereinbarungen zur Reduktion der weltweiten Treibhausgasemissionen zu erzielen. Die erwähnten Anpassungserfolge bewahrten diese Konferenzen immerhin vor einem kompletten Scheitern.

Anpassung bleibt ineffektiv, wenn USA und China nicht Treibhausgase reduzieren

Die gegenwärtigen Anstrengungen reichen jedoch bei weitem nicht. Ein aktueller Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) offenbart, dass der Klimawandel zu einer wachsenden Zahl extremer Wetter- und Klimaereignisse führen wird und dass arme Länder und Menschen am meisten unter dieser Entwicklung leiden werden. Viele von ihnen bekommen die Auswirkungen des Klimawandels schon heute zu spüren. 2010 veranschlagte die Weltbank die jährlichen Anpassungskosten in Entwicklungsländern auf 70 bis 100 Milliarden Dollar. Allerdings ging sie von niedrigeren CO2-Emissionen aus und berücksichtigte lediglich technische Anpassungsmaßnahmen wie Staudämme, Deiche und dergleichen. Gesellschaftliche und institutionelle Anpassungsaspekte – zum Beispiel capacity building und Ausbildung – müssen allerdings mit derselben Priorität behandelt werden.

In Ruanda und Kenia etwa ist die Bereitstellung von Wetterdaten mit landwirtschaftlichen Informationen verknüpft sowie mit einem verbesserten Zugang der Bauern zu widerstandsfähigerem Saatgut und Wasser. Ebenso wird eine stärker diversifizierte Lebensgrundlage gefördert. Entscheidungsträger sind aktiv an diesen Prozessen beteiligt. Diese Einbeziehung gesellschaftlicher und institutioneller Komponenten erhöht zwar einerseits die Investitionskosten und Komplexität von Maßnahmen, ist aber andererseits ein unabdingbarer Schlüssel für erfolgreiche Anpassung.

Trotz seiner Bedeutung wird das Thema Anpassung an den Klimawandel oft nur zögerlich angesprochen, um die verhandelnden Staaten nicht von der Notwendigkeit zur Emissionsminderung abzulenken. Anpassung bleibt auf lange Sicht weitgehend ineffektiv, wenn große Emittenten wie die USA und China ihren Ausstoß an Treibhausgasen nicht reduzieren. Als die Reduktionsverhandlungen auf dem Klimagipfel 2009 scheiterten, aber den Entwicklungsländern Geld für Anpassungsmaßnahmen angeboten wurde, vermutete Ian Fry, der Chefunterhändler Tuvalus, einen Judaslohn: "In meinen Augen bietet man uns 30 Silberlinge, damit wir unser Volk und unsere Zukunft verraten." Auf der diesjährigen Konferenz jedoch kritisierten einige Delegierte offen, dass das Thema Anpassung im Gegensatz zu Minderung in den Verhandlungen immer noch unterrepräsentiert sei. Dennoch – einige Fortschritte in Sachen Anpassung hat der Durban-Gipfel gebracht.

Von besonderer Bedeutung ist die Konkretisierung des Green Climate Fund, über den ein Großteil der jährlichen 100 Milliarden Dollar zur Finanzierung von Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen abgewickelt werden sollen. In Durban wurden eine Reihe von Beschlüssen zur Ausgestaltung und Steuerung dieses Fonds gefasst. Leider wurde nicht konkret festgelegt, wie diese Mittel aufgebracht werden sollen. Hinzu kommt, dass die Finanzierungszusagen der Industrieländer ab 2013 steigen müssen, damit der Fonds und die Klimafinanzierung insgesamt ihre Ziele erreichen können. Die Schweiz, Südkorea und Deutschland haben sich um den Sitz des Fonds beworben; überdies kündigte Deutschland an, zusätzliche 40 Millionen Euro für 2012 und 2013 bereitzustellen.

Leserkommentare
  1. Die in Cancun im dezember 2010 getroffenen Vereinbarungen zum Green Climate Fund sahen vor, dass die 100 Mrd USD jährlich ab 2020 bereitzustellen seien. Bis Ende 2012 gibt es nur 30 Mrd USD (sog "Fast Start Finance"), die dann allmählich aufgestockt werden sollen (Quelle: www.faststartfinance.org).
    Dieses Verhandlungsergebnis von Cancun ist in Durban unverändert akzeptiert worden.

    Ihr ansonsten sehr gut recherchierter Artikel erweckt den Eindruck, dass die Zusage von 100 Mrd USD ab sofort gilt.

  2. ...nicht 40 Mrd €, sondern vielmehr 40 Mio. € angeboten.

  3. dann gibt es keinen Grund auch nur einen ct bereitzustellen.

    MfG Karl Müller

    • Felefon
    • 16. Dezember 2011 3:50 Uhr

    ist die durch das anhaltende Bevölkerungswachstum notwendig gewordene Industrialisierung der Entwicklungsländer.

    Deswegen die Festschreibung des Energiebedarfs in den Grenzen von 1997.

    Das 'eigentliche Problem' ist ein Problem der Industrieländer, in dessen einem Sie und ich hier als Leser und Kommentatoren noch in einigem Wohlstand leben.
    Das Problem nennt sich Konkurrenz.

    Mit den vorgeschlagenen Verträgen unterzeichnen die Entwicklungsländer für ein paar Dollar Abschlag den Verzicht auf Industrialisierung.

    Letzlich versucht man damit das Bevölkerungswachstum zu begrenzen.
    Eigentlich gar nicht dumm diese Idee.

  4. Redaktion

    Es sind natürlich Millionen, Danke! SR

    • tobmat
    • 16. Dezember 2011 12:22 Uhr

    "US-Chefunterhändler Todd Stern provozierte die Delegierten mit der Behauptung, die Entwicklungsländer seien für eine nicht an Auflagen gebundene Klimaschutzfinanzierung noch nicht bereit. Diese Aussage ist theoretisch ungerecht"

    Die Aussage ist nicht ungerecht sondern greift ein akutes Problem der Entwicklungsländer auf. Korruption!
    Länder der Dritten Welt leiden in der Regel unter schwachen Regierungen und starker Korruption in allen staatlichen Institutionen. Diese Problem wird nicht auf den Konferenzen und auch nicht im Artikel angesprochen. Dabei ist das Problem aus der Entwicklungshilfe sehr gut bekannt. Ohne funktionierende Strategien sind die 100 Mrd $ jährlich mit viel Glück nur die Hälfte wert.
    Dazu kommen dann noch solche Schwierigkeiten wie Bürgerkriege, Bürokratie, Fehlalokation, fehlende Rechtsstaatlichkeit, schädliche Nebenwirkungen usw..

    Zur Erklärung was mit dem letzten Punkt gemeint ist:
    Die regelmäßigen kostenlosen Getreidelieferungen der UN in vom Hunger bedrohte Gebiete, zerstören mit schöner Regelmäßigkeit die Lebensgrundlage der Bauern vor Ort. Denn wer kauft schon Lebensmittel auf dem Markt wenn er sie von der UN geschenkt bekommt.

    • Cheruby
    • 26. Dezember 2011 21:54 Uhr

    Fair trade mit sozialen und ökologischen »Flair« erscheint mir zeitgemäß und viel überlebensfähiger, als der obsessiv ausbeuterische Wildwest-Neoliberalismus, der immer mehr zum gefährlichen Anachronismus wird. Das auf maximale Bereicherung hinauslaufende laissez faire im globalem Handel erscheint mir alles andere, als frei sondern im Gegenteil... beschränkt, primitiv, ausufernd und kriminell. Ungeeignet für die Probleme der Menschheit. Der von E. Fromm so glasklar beschriebene Marketingcharakter ist überholt von den Entwicklungen und macht Akteuren mit einer einer umfassenderen Verantwortung platz. Mehr und mehr... Tag für Tag.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Europäische Union | Dollar | Entwicklungsland | Fonds | Klimawandel | Treibhausgas
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