Ägypten Ein Kreuzchen bei Allahs Piratenpartei
Die Islamisten werden auch die zweite Wahlrunde in Ägypten gewinnen. Doch egal wie radikal sie auftreten: Die Realität wird sie schnell einholen. Ein Kommentar

Wahlplakat der radikalislamistischen Salafiten in Kairo
Diese Woche steigt am Nil das nächste Fest der Demokratie. Am Mittwoch wählt das zweite Drittel des ägyptischen Volkes, diesmal ist die Giza-Seite der Metropole Kairo dran, sowie Assuan und die Städte entlang des Sueskanals. Wieder werden Millionen Menschen stundenlang vor den Wahllokalen ausharren und gleichzeitig den Tag als erste authentische demokratische Erfahrung ihres Lebens genießen. Und wieder werden sie zu mehr als 60 Prozent ihre Kreuzchen bei islamistischen Parteien machen, wie zwei Wochen zuvor bereits die 9,7 Millionen Wähler der ersten Runde in Kairo, Alexandria und Luxor.
Seitdem liegen die Muslimbrüder mit Abstand vorne, gefolgt von den überraschend starken Salafisten. Das säkulare Parteienbündnis dagegen landete abgeschlagen auf Platz drei. Die Klein- und Kleinstparteien der jungen Revolutionäre fallen kaum ins Gewicht. Es sieht alles danach aus, dass das ägyptische Volk seinem Land am Ende eine Machtverteilung verordnen wird, in der viel Sprengstoff steckt.
Die größte Aufmerksamkeit ziehen die bärtigen Senkrechtstarter der Salafisten auf sich. Sie präsentierten sich fast schon wie Allahs Piratenpartei, was bei den Wählern am Nil jedenfalls gut ankommt. Keine Ahnung von Politik, stattdessen kreisen ihre frommen Parolen um drei einfache Themen - weg mit dem Alkohol, weg mit den Bikinis und weg mit unverschleierten weiblichen Frisuren. Einzelne Scheichs wollen sogar die Sphinx mit einem riesigen Tuch verhängen und pharaonische Statuen zertrümmern lassen.
Saudi-Arabien hat nachgeholfen
Auf jeden Fall haben die Salafisten dank reicher saudischer Gesinnungsgenossen reichlich Geld für ihr Wählerklientel zur Hand und bisweilen auch Knüppel und Brandsätze – wenn es im Dienste gottgewisser Rechthaberei mal nicht anders geht.
Mit diesen Eiferern als zweitstärkster politischer Kraft aber steht Ägypten bei der kommenden Regierungsbildung Mitte Januar vor einer fundamentalen Richtungsentscheidung. Formen die siegreichen Muslimbrüder mit den Ultrafrommen künftig einen islamistischen Block? Macht sich Ägypten auf den Marsch in eine Islamische Republik? Oder orientieren sich die Muslimbrüder langfristig zur moderaten Mitte und suchen das politische Bündnis mit säkularen und liberalen Kräften?
Für Unkenrufe ist es zu früh. Denn bisher spricht wenig dafür, dass die Muslimbrüder einen islamistischen Durchmarsch im Auge haben. Dann müssten sie sich nämlich permanent mit ihrem bärtigen und rauflustigen Juniorpartner öffentlich herumzanken. Auch weiß ihre Führung sehr genau, dass sich mit Debatten über Kopftuch oder Strandmoral, mit einem Bann unislamischer Kunst oder einem Kulturkampf gegen das pharaonische Erbe die komplexen und bedrohlichen Probleme Ägyptens nicht werden lösen lassen.
- Datum 14.12.2011 - 11:43 Uhr
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- Quelle Tagesspiegel
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haben die Piraten mit dem Haufen zu tun?
Wissen Sie, ich habe wegen der Überschrift den Artikel gelesen, in der Hoffnung, estwas über eine Partei zu lesen, die in Ägypten basisdemokratisch für liberale Politik eintritt (das tun nämlich die Piraten).
Leider sehe ich dann, dass es sich um eine ultrakonservative Partei handelt. Ihr vermeintlich amüsanter Vergleich bezieht sich also auf "keine Ahnung von Politik"? Schade, dass die Piraten immer noch auf ihre Unrerfahrung reduziert werden, statt dass man sich mit ihren Inhalten auseinandersetzt.
Da kann ich echt nur den Kopf schütteln. m(
Ein bischen Werbung für diese von den Medien gepushten Pseudorevolutionäre namens Piratenpartei geht sich selbst in einem Artikel über Ägypten aus. Denn ansonsten könnten die nach der xten neoliberalen Reform immer zahlreicher werdenden Unzufriedenen ja gar die Linke oder die Gottseibeiuns Partei wählen. Na igitt.
Die Ägypter haben das Vertrauen in den Westlichen Mächten verloren. Nachdem diese Jahrelang ihre Unterdrücker unterstützten, was für eine Erwartung hatte man denn sonst erwartet.
"Viele im Wahlkampf mit kantiger Entschiedenheit vorgetragene Forderungen verschwinden im Regierungsalltag schnell vom Tisch, wenn Touristen und ausländische Investoren weiter wegbleiben, wohlhabende Ägypter ihr Vermögen ins Ausland transferieren und die Staatsschulden weiter so rasant steigen, wie seit dem Sturz von Hosni Mubarak."
Westliche Demokratien und ihre Bürger neigen dazu, jeden auf der Welt nach ihrer aufklärerisch-rationalen Art zu beurteilen, selber Politik zu machen.
Man vermutete bei Hitler, den iranischen Mullahs, Stalin und den Roten Khmer auch schon, dass die Realität diese Ideologen einholen und zu einer menschenfreundlichen und gemäßigten Politik zwänge.
Leider verkennt man dabei, dass für Menschen die sich im Dienst einer überlegenen Ideologie sehen oder gar "Gottes Willen" auf der Erde vollstrecken zu müssen meinen, rationale Maßstäbe wie wir sie gewohnt sind, nicht angewendet werden können.
Der Feind steht außerhalb. Es wird für die Muslimbrüder leicht sein, "die Juden" und "die Amerikaner" für bleibende Armut verantwortlich zu machen. Die Grundressentiments dafür existieren ja schon im Volk.
Diejenigen, die hier den Muslimbrüdern das Wort reden im Dienste der freiheitlichen Demokratie werden sich noch wundern, was das Erreichen von Scharia und Dar al Islam so an Grausigkeiten gegen In- und Ausländer rechtfertigt!
...es ist gut möglich, dass sich Ägypten in einen radikal islamistischen Staat verwandelt, und wenn etwa schief geht automatisch die anderen als schuldig angesehen werden. Das ist Szenario 1.
Szenario 2: Die Islamisten mausern sich wie Martin Gehlen es erwartet zu islamistisch angehauchten wirtschaftspolitisch erfolgreichen Pragmatikern. Als Vorbild könnten sie sich z.B. die Türkei nehmen.
Szenario 3: Es wird ein Mittelweg zwischen fundamental islamistischer und pragmatischer Politik angestrebt.
Ich habe leider keine Kristallkugel zuhause, glaube aber das Szenario 3 wahrscheinlich ist. Aber erst in ein paar Jahren bin ich schlauer - erst hinterher!
...es ist gut möglich, dass sich Ägypten in einen radikal islamistischen Staat verwandelt, und wenn etwa schief geht automatisch die anderen als schuldig angesehen werden. Das ist Szenario 1.
Szenario 2: Die Islamisten mausern sich wie Martin Gehlen es erwartet zu islamistisch angehauchten wirtschaftspolitisch erfolgreichen Pragmatikern. Als Vorbild könnten sie sich z.B. die Türkei nehmen.
Szenario 3: Es wird ein Mittelweg zwischen fundamental islamistischer und pragmatischer Politik angestrebt.
Ich habe leider keine Kristallkugel zuhause, glaube aber das Szenario 3 wahrscheinlich ist. Aber erst in ein paar Jahren bin ich schlauer - erst hinterher!
Welche Realität soll sie denn einholen ??
Es ist doch Ok, wenn das Volk es so haben möchte.
Es sind freie Wahlen und trotzdem will der Westen
vorgeben, was die Bevölkerung wählen soll.
Wir sehen doch was die westlichen Politiker die letzten
Jahrzehnte auf der Welt angestellt haben.
Die sollen sich auf jeden Fall nicht sowas als
Vorbild nehmen.
Nicht "das" Volk, sondern lediglich ein Teil des Volkes und zwar der religiöse Teil.
Benaachteiligt werden dann die sein, die den ganzen Umbruch erst möglich machten und sich wohl auch eine säkulare und keine theokratische Salafisten-Zukunft vorstellten.
Nicht "das" Volk, sondern lediglich ein Teil des Volkes und zwar der religiöse Teil.
Benaachteiligt werden dann die sein, die den ganzen Umbruch erst möglich machten und sich wohl auch eine säkulare und keine theokratische Salafisten-Zukunft vorstellten.
Wo holt denn die Realität die Nordkoreaner oder die Iraner ein? Oder meinetwegen die Opfer des US-Kapitalismus oder die Ungarn?
Menschen wählen extremistische Parteien und bekommen genau das verpasst.
Nicht "das" Volk, sondern lediglich ein Teil des Volkes und zwar der religiöse Teil.
Benaachteiligt werden dann die sein, die den ganzen Umbruch erst möglich machten und sich wohl auch eine säkulare und keine theokratische Salafisten-Zukunft vorstellten.
Wieso sollten säkulare Ägypter den Umbruch möglich gemacht haben?
Es war ein größtenteils säkularer Staat, welcher repressiv gegen Islamismus und die Muslimbruderschaft vorgegangen ist.
Dass die Ansichten der Muslimbruderschaft von mindestens einem Teil der Bevölkerung geteilt wurden, ist nicht von der Hand zu weisen.
Wieso sollte nicht dieser Teil mitverantwortlich für die Demonstrationen und letztendlich den Umsturz sein?
Wieso sollten säkulare Ägypter den Umbruch möglich gemacht haben?
Es war ein größtenteils säkularer Staat, welcher repressiv gegen Islamismus und die Muslimbruderschaft vorgegangen ist.
Dass die Ansichten der Muslimbruderschaft von mindestens einem Teil der Bevölkerung geteilt wurden, ist nicht von der Hand zu weisen.
Wieso sollte nicht dieser Teil mitverantwortlich für die Demonstrationen und letztendlich den Umsturz sein?
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