Bald nach der Silvesterknallerei werden wir wissen, ob in Europa mit der Demokratie, wie wir sie kennen, und den Politikern, die wir heute zur Verfügung haben, im Ernstfall noch Staat zu machen ist. Oder ob es nicht besser ist, in einer Notlage wie der aktuellen Finanz- und Schuldenkrise die Staatsgeschäfte an politikferne Fachkräfte zu delegieren, an Spezialisten, die nur "der Sache", nicht irgendeiner Ideologie verpflichtet und nicht auf Wählerstimmen angewiesen sind. Ingenieure, Wissenschaftler, Unternehmer und so. Natürlich auch Banker.

Postdemokratie? Bullshit , sagt der Börsianer. Mehr Expertokratie wagen!

Nicht, dass dieses Dilemma ganz neu wäre. Der österreichische Journalist und Blogger Erhard Stackl hat im Wiener Standard an die Expertenherrschaft der berüchtigten Chicago-Boys in Augusto Pinochets Chile der 1970er Jahre erinnert. Pinochet habe das Land nach seinem Putsch gegen den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende "zum Pionierland des Neoliberalismus" gemacht und damit viele Nachahmer gefunden.

Natürlich ist Chile ein Staat, der mit der rechtsstaatlichen Verfassung und den demokratischen Traditionen in den meisten EU-Ländern wenig gemein hat. Aber einige politische Analogien fallen schon auf.

Krisenmanagement ist nichts für den "Schwarm"

Da war zunächst das kollektive Entsetzen der EU-Regierungen über die Absicht des ehemaligen griechischen Regierungschefs Giorgos Papandreou, das deutsch-französische Spardiktat daheim dem Volk zur Abstimmung vorzulegen . Mag schon sein, dass die EU-Kollegen sich von dem Sozialisten Papandreou hintergangen wähnten und vermuteten, er habe in erster Linie innenpolitisch seine Haut retten wollen. Aber der Empörungsreflex von Merkel, Sarkozy & Co. hat in Wahrheit einen tiefer sitzenden Grund: Papandreou war damit aus dem allgemeinen Einverständnis ausgebrochen, als Regierung dürfe man eine so wichtige Sache prinzipiell nicht dem Volk überlassen. Krisenmanagement ist nun mal nichts für den "Schwarm".

Weitere Analogien: Die Regierungskrisen in Griechenland und Italien führten – trotz aller Unterschiede zwischen den Akteuren Papandreou und Berlusconi – zum Rücktritt der Ministerpräsidenten und Auflösung der Kabinette. Sowohl in Athen wie in Rom wurden Experten als Nachfolger gesucht. Nur keine "Politiker", lautete die Devise. So kam man auf Lukas Papademos und Mario Monti. Zwei Wirtschaftsexperten, Finanzfachleute mit großer internationaler Erfahrung und globalen Beziehungen. Monti hat ein paar Jahre für die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs gearbeitet, das verbindet ihn mit dem neuen Chef der Europäischen Zentralbank, dem Italiener Mario Draghi. Auch zwischen Papademos und Goldman Sachs gibt es eine Verbindung: Während seiner Zeit als Chef der griechischen Notenbank, als Goldman Sachs die Regierung in Athen bei deren Bemühungen um den Beitritt zur Euro-Zone beriet, war er der wichtigste Gesprächspartner der Beratungsgruppe.

Goldman Sachs war es dann auch, von wo die ersten Mahnungen kamen, man möge die neuen Experten-Regierungen erst mal in Ruhe ihre Sanierungspläne erarbeiten lassen. Legitimierung durch das Volk? Gewiss ein löblicher Gedanke, aber Neuwahlen in Italien vor dem Sommer 2012? Bloß nicht! "Das wäre der schlimmste Fall für die Märkte", wird ein Goldman-Sachs-Banker zitiert.