Im Streit über den Völkermord an den Armeniern hat die Türkei Frankreich vorgeworfen, selbst einen Völkermord begangen zu haben. Ministerpräsident Recep Tayyib Erdoğan sagte, möglicherweise habe der Vater von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy direkte Kenntnis von französischen "Massakern" an Algeriern in den vierziger und fünfziger Jahren gehabt.

"In Algerien wurden von 1945 an schätzungsweise 15 Prozent der Bevölkerung von Franzosen getötet. Das ist Völkermord", sagte Erdoğan im Fernsehen. "Wenn der französische Präsident, Herr Sarkozy, von diesem Völkermord nichts weiß, dann sollte er seinen Vater Paul Sarkozy fragen." Dieser habe in den vierziger Jahren in der französischen Fremdenlegion in Algerien gedient. "Ich bin sicher, er könnte seinem Sohn eine Menge über die Massaker der Franzosen in Algerien erzählen." Sarkozys Vater wies jedoch wenig später in einem Interview darauf hin, dass er nie in Algerien gewesen sei. 

Die Beziehungen zwischen der Türkei und Frankreich sind in einer schweren Krise, seit die französische Nationalversammlung am Donnerstag ein allgemeines Verbot von Leugnungen eines Völkermordes verabschiedete. Über das Gesetz soll auch noch der Senat abstimmen. Sollte es in Kraft treten, wird es auch unter Strafe gestellt, den Massenmord an Armeniern im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkrieges zu bestreiten. Die Türkei ist der Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches. Sie argumentiert, während dieses Konfliktes habe es auf allen Seiten Tötungen gegeben.

Der Gesetzentwurf sieht bis zu zwölf Monate Haft und eine Geldstrafe von 45.000 Euro für das Leugnen eines gesetzlich anerkannten Völkermordes vor. Während des Ersten Weltkriegs wurden in den Jahren 1915 bis 1917 nach Erkenntnissen von Armenien und einem Großteil der internationalen Wissenschaft etwa 1,5 Millionen Menschen getötet. Die Türkei setzt die Zahl der Toten mit 500.000 deutlich niedriger an.

"Schwere und irreparable Wunden"

Erdoğan hatte das Gesetz heftig kritisiert und die Militärkooperation mit Frankreich gestoppt. Er sprach von "sehr schweren und irreparablen Wunden", die Frankreich mit dem Gesetz aufreiße. Die Entscheidung basiere auf "Rassismus, Diskriminierung und Fremdenhass". "In unserer Geschichte wurde kein Völkermord begangen", sagte er.

Außerdem zog die Türkei ihren Botschafter aus Paris ab. Tahsin Burcuoglu werde im Außenministerium in Ankara zu Beratungen erwartet, meldete die Nachrichtenagentur Anadolu.

Eine deutliche Mehrheit der französischen Abgeordneten hatte für die Vorlage der konservativen Regierungsmehrheit gestimmt. Das Gesetz ist auch in Frankreich umstritten. Kritiker sagen, historische Diskussionen und Meinungsäußerungen sollten nicht unter Strafe gestellt werden. Außenminister Alain Juppé versuchte, zu beschwichtigen und sagte, es sei wichtig, Dialog und Kooperation aufrechtzuerhalten. Er warnte vor einer "Überreaktion" der Türkei. Die Beziehungen beider Länder seien "eng und vielfältig". Die Türkei gilt wegen ihrer Wirtschaftskraft und ihres politischen Gewichts in der Region als wichtiger Partner.