Militärstrategie Der US-Truppenabzug aus dem Irak ist falsch

"Ami, go home", diese Forderung ist schnell zur Hand und selten durchdacht. Im Irak wird das bald zu besichtigen sein, wenn dort die letzten US-Soldaten abziehen. Ein Kommentar

Soldaten des 520. Sanitätstrupps kommen nach ihrem Irak-Einsatz in Washington an.

Soldaten des 520. Sanitätstrupps kommen nach ihrem Irak-Einsatz in Washington an.

Die Forderung ist fast überall auf der Welt populär: "Ami, go home!" Freilich nur so lange keine Gefahr besteht, dass sie Realität wird. Wehe, wenn die USA tatsächlich gehen. Dann bangen dieselben Politiker, die den Abzug verlangt haben, um die nationale Sicherheit und um die ökonomische Zukunft der verlassenen Standorte.

Das Muster wiederholt sich nun im Irak. Zum Jahresende zieht der letzte US-Soldat ab. Premier Maliki kam am Montag ins Weiße Haus, um mit Präsident Obama den Übergang in eine neue Phase der Beziehungen zu zelebrieren. Der Irak ist nun souverän und bestimmt sein Schicksal selbst. Obama kann Amerikas Wählern sagen, er habe ein zentrales Versprechen erfüllt. Tatsächlich fürchten beide die Konsequenzen.

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So war dies ein Tag voller Widersprüche, im Rückblick wie im Ausblick. Die Amerikaner waren Befreier und Besatzer zugleich. Saddam Husseins grausame Diktatur ist Geschichte, aber zu welchen Kosten! 4.500 US-Soldaten sind gefallen. Maliki ehrte sie mit einem Besuch auf dem Nationalfriedhof Arlington. Amerika hat über eine Billion Dollar für die Invasion und den Wiederaufbau ausgegeben – der nationale Nutzen wäre größer, wenn das Geld in Bildung und Infrastruktur daheim geflossen wäre.

Mehr als 100.000 irakische Zivilisten haben im Bürgerkrieg zwischen Schiiten, Sunniten und Kurden ihr Leben verloren. Der US-Abzug schmeichelt dem Nationalstolz, aber er macht aus den Besiegten noch keine Sieger und aus der Niederlage noch keine Befreiung. Maliki weiß ebenso gut wie Obama: Der Komplettabzug ist falsch und gefährlich. Der Verbleib einiger Tausend GIs hätte eine hohe abschreckende Wirkung auf Nachbarn wie den Iran, Syrien und auch die Türkei gehabt. Sie alle sehen in einem instabilen Irak mit einer schwachen Zentralregierung eine Spielwiese für ihre eigenen nationalen Interessen.

Der Irak steht an einer Wegscheide

Die stabilisierende Präsenz einer überschaubaren US-Truppe, an der beide Regierungen im Prinzip großes Interesse hatten, ist an den innenpolitischen Widersprüchen gescheitert. Maliki ist Chef einer komplizierten Koalition. Die vom Iran gesteuerte Fraktion hatte den Auftrag, ein Stationierungsabkommen zu verhindern, und hätte Maliki andernfalls gestürzt. Teheran versucht, den Irak zu einem zweiten Libanon zu machen – mit starken schiitischen Milizen, die militärische Macht alsbald in politischen Einfluss verwandeln.

Auch mit Geiseldramen um entführte Amerikaner im Irak ist demnächst zu rechnen. Als Ersatz für die US-Truppen, die nicht bleiben dürfen, wird die US-Botschaft in Bagdad zu einer Hybridmission aus Diplomaten und zivilen Sicherheitsdiensten mit 16.000 Mitgliedern ausgebaut.

Amerikas Präsenz in Unruheregionen wird stets als Problem gesehen – oft zu Recht. Doch ebenso sicher kommt der Moment, wo die Verringerung amerikanischer Präsenz zu einem noch größeren Problem wird. Der Irak steht an dieser Wegscheide. In Afghanistan folgt sie 2014. Ami, go home? Das ist leichter gesagt als ertragen.

Erschienen im Tagesspiegel

 
Leser-Kommentare
  1. > Der Verbleib einiger Tausend GIs hätte eine hohe abschreckende Wirkung auf Nachbarn wie den Iran, Syrien und auch die Türkei gehabt. <

    Politik findet nicht auf dem Schlachtfeld statt. Und das hat der Autor ja selbst hier geschrieben ...

    > Maliki ist Chef einer komplizierten Koalition. Die vom Iran gesteuerte Fraktion hatte den Auftrag, ein Stationierungsabkommen zu verhindern, und hätte Maliki andernfalls gestürzt. <

    Und das hätten einige tausend stationierter GIs verhindern können?

    Also was soll uns dieser Artikel jetzt noch sagen?

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    • Nero11
    • 13.12.2011 um 15:28 Uhr

    Durch die Präsenz der Amerikaner als "Verbündeter und Aufbauer" im Irak mussten die Nachbarstaaten zwangsläufig auch mit den Amerikanern Politk machen, wenn es um den Irak geht. Wie kurzsichtig Sie sind.

    • Nero11
    • 13.12.2011 um 15:28 Uhr

    Durch die Präsenz der Amerikaner als "Verbündeter und Aufbauer" im Irak mussten die Nachbarstaaten zwangsläufig auch mit den Amerikanern Politk machen, wenn es um den Irak geht. Wie kurzsichtig Sie sind.

  2. ist leider nicht immer reversibel. Den Irak anzugreifen war und bleibt falsch. Zu glauben, man würde in Afghanistan siegen, war noch dämlicher, man hatte für die Unmöglichkeit dieses Vorhabens genügend historische Vorbilder.
    Dass es ein Fehler ist, ein Land vollkommen zu destabilisieren - und das ist nun mal leider fast immer die Folge eines Krieges - und es dann aus wahltaktischen Gründen sich selbst zu überlassen - ist unmoralisch. Aber dennoch verständlich.

    Aber die Tragödie war der Einmarsch, den G.W. Bush zu verantworten hat - die Folgen sind leider unumkehrbar.

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    • joG
    • 13.12.2011 um 13:04 Uhr

    .... verantworten hat - die Folgen sind leider unumkehrbar."

    ....und wäre wohl nie geschehen, hätten die Achsenmächte Saddam nicht unterstützt. So ist es billig wie Plastikspielzeug nun von hier aus zu klagen und Vorwürfe zu erheben.

    Man sollte sich überlegen, was es heißt zerstörerisch tätig zu sein wie in Iran, Syrien, Irak, oder vor Jahren in Libyen usw und was es bedeuten wird, dass man nun bereits viel direkter mit den Problemen internationaler Sicherheit konfrontiert wird, aber zunehmend nicht mehr sich darauf verlassen wird können, auch weil das eigene Handeln die Kosten für die USA so hoch geschraubt hat, dass die Amis einspringen.

    Jedenfalls scheint mir die Idee, dass man Sicherheit ohne Gewalt herstellen kann etwas gewagt. In Deutschland hat man schließlich vor Kurzem 20.000 Mann eingesetzt um die Kastorentransporte durchzusetzen. Und das war im Inland eines relativ unterwürfigen Volkes.

    Das Problem ist ja gar nicht der Angriff, das Problem ist die unnötige Okkupation.

    • joG
    • 13.12.2011 um 13:04 Uhr

    .... verantworten hat - die Folgen sind leider unumkehrbar."

    ....und wäre wohl nie geschehen, hätten die Achsenmächte Saddam nicht unterstützt. So ist es billig wie Plastikspielzeug nun von hier aus zu klagen und Vorwürfe zu erheben.

    Man sollte sich überlegen, was es heißt zerstörerisch tätig zu sein wie in Iran, Syrien, Irak, oder vor Jahren in Libyen usw und was es bedeuten wird, dass man nun bereits viel direkter mit den Problemen internationaler Sicherheit konfrontiert wird, aber zunehmend nicht mehr sich darauf verlassen wird können, auch weil das eigene Handeln die Kosten für die USA so hoch geschraubt hat, dass die Amis einspringen.

    Jedenfalls scheint mir die Idee, dass man Sicherheit ohne Gewalt herstellen kann etwas gewagt. In Deutschland hat man schließlich vor Kurzem 20.000 Mann eingesetzt um die Kastorentransporte durchzusetzen. Und das war im Inland eines relativ unterwürfigen Volkes.

    Das Problem ist ja gar nicht der Angriff, das Problem ist die unnötige Okkupation.

  3. Entfernt. Bitte nehmen Sie Abstand von unsachlichen Äußerungen. Die Redaktion/mak

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    Entfernt. Bei Fragen zu Moderationsentscheidungen können Sie sich gerne an community@zeit.de wenden. Der Kommentarbereich ist der Diskussion des Artikelthemas vorbehalten. Danke, die Redaktion/jz

    Entfernt. Bei Fragen zu Moderationsentscheidungen können Sie sich gerne an community@zeit.de wenden. Der Kommentarbereich ist der Diskussion des Artikelthemas vorbehalten. Danke, die Redaktion/jz

  4. Nicht der Truppenabzug ist falsch, der Einmarsch in den Irak war falsch, ein Einmarsch, der mit Lügen (ABC-Waffen) begründet wurde, der völkerrechtswidrig erfolgte. Es kann ja wohl nicht sein, dass die Beseitigung eines Diktators Hunderttausende von Toten und zerstörte Städte rechtfertigt. Im Gegenteil: Man muss davon ausgehen, dass im Irak heute chaotischere Verhältnisse herrschen als vor dem Einmarsch der US-Truppen und der "Koalition der Willigen". Bei einem Kosten-Nutzen-Vergleich dürfte sich der Irak-Krieg als gigantische Geldvernichtungs-Aktion herausstellen.

    20 Leser-Empfehlungen
  5. ... "Homo sapiens sapiens", und nicht hinterher jammern.
    Ist es nicht immer so:
    Es ist für "das Überleben der Menschheit" ( oder wenigstens für unsere wirtschaftlichen Interessen ) nötig, Soldaten ( auch das sind Menschen, die gerne lange leben wollen ) hinzuschicken. Die Presse jubelt, das Volk jubelt ... naja, am zweiten Tag kommen dann Meldungen über Tote - aber das sind ja nur die anderen - , dann kommen auch eigene Leute im leichensack nach Hause - ei der Daus, so war das aber nicht gemeint! Weihnachten sind unsere Jungs ( und neuerdings auch Mädels ) wieder zu Hause ... und 10 Weihnachten später werden immer noch Pakete an die Front geschickt!
    Lernen wir denn nie dazu?
    Entweder wir halten uns 'raus, oder wir machen "tabula rasa", wie der Lateiner sagt. Ein bisschen Krieg geht nicht.

  6. Was für eine schamlos-willkürliche Aneinanderreihung von Ländern, der eben dieses "gut"-"böse"-Denken zugrunde liegt.

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