Wer im säkularen Tel Aviv lebt, den befremdet die wachsende Aggressivität junger Ultraorthodoxer . Doch von Tel Aviv nach Beit Shemesh ist es nicht weit, eine halbe Stunde bloß mit dem Auto. Am Eingang zu dem kleinen Städtchen in den Jerusalemer Bergen, steht, wie in vielen israelischen Orten, ein großes Einkaufszentrum. Mit Cafés, Kinderbekleidungsgeschäften, Drogerie und sonstigen Läden. Hier kaufen säkulare und gläubige Kunden und Kundinnen Seite an Seite ein.

Immer öfter aber sieht man hier Frauen in langen Röcken und mit Kopfbedeckungen. Beit Shemesh, besonders beliebt bei amerikanischen Einwanderern, ist in den vergangenen Jahren nicht nur insgesamt religiöser, sondern ultraorthodoxer geworden. Bisher hatte man das hingenommen. Die Proteste alteingesessener Einwohner jedenfalls fanden kaum Gehör, wenn es beispielsweise gegen ein Schild ging, das Frauen und Männer auffordert, unterschiedliche Gehsteige zu benutzen.

Seit Dienstagabend aber ist es in Beit Shemesh mit der Ruhe vorbei. Rund 10.000 aus dem ganzen Land angereiste Demonstranten, darunter auch viele religiöse Israelis und prominente Politikerinnen, erklärten sich solidarisch mit den Kritikern des fundamentalistischen Trends. Staatspräsident Shimon Peres unterstützte die Protestaktion und lobte die Polizei , "die für grundsätzliche Gleichberechtigung in Beit Shemesh kämpfte". Seiner Meinung nach müssten alle im Land gegen "eine Minderheit aufstehen, die sich auf unerhörte Weise benimmt."

Die Rebellin Tanja Rosenblit

Zwei Ereignisse in den vergangenen Wochen waren es, die Medien und Öffentlichkeit im Rest des Landes aufgeschreckt hatten: Zuerst hatte sich eine junge Frau namens Tanja Rosenblit in Ashdod geweigert, der Aufforderung eines Ultraorthodoxen nachzukommen, im hinteren Teil eines Busses Platz zu nehmen. Sie rief die Polizei, blieb bei ihrer Weigerung – und setzte sich schließlich durch. Sie fuhr mit, der Mann stieg aus. Ein wenig übertrieben wurde sie im Fernsehen gleich als eine israelische "Rosa Parks" gefeiert, die Botschaft aber saß.

Dann wurde die achtjährige Naama aus religiösem Hause in Beit Shemesh von randalierenden ultraorthodoxen Jugendlichen auf dem Weg zur Schule angespuckt. Plötzlich war dann auch das umstrittene Schild ein Thema. Als ein Fernsehteam es filmen wollte, wurde es angegriffen. Offizielle Versuche, es abzunehmen, scheiterten ebenfalls immer wieder an den Randalierern.

Seither streiten sich die Kommentatoren über die Bedeutung der Ereignisse – und die Verantwortung der Regierung. Benjamin Netanjahu zeigte sich zwar entsetzt über die Vorgänge, doch werden nun Stimmen laut, die auch ihm eine Schuld an der Entwicklung zuschieben. In Beit Shemesh, so lautet die Kritik, werde die säkulare Bevölkerung faktisch vertrieben. Der hiesige Bürgermeister habe in Kooperation mit dem ultraorthodoxen Wohnungsbauminister und dem Premierminister 30.000 neue Wohneinheiten geplant, wovon aber nur 2000 für säkulare oder moderat religiöse Israelis bestimmt seien.

 Eine kleine, aber einflussreiche Gruppe

Der Konflikt dreht sich um eine relativ kleine Gruppe Fanatiker, denn die Ultraorthodoxen stellen nur 5 bis 8 Prozent der Bevölkerung . Doch sie sind stark genug, in der Politik mitzureden obwohl viele von ihnen den Staat Israel aus religiösen Gründen grundsätzlich ablehnen. Ihr Argument: Ein solcher Staat widerspreche der Tora, er greife der Ankunft des Messias vor.

Um sich Pfründe und Mitspracherecht zu verschaffen, schicken ihre geistigen Oberhäupter aber durchaus ihre eigenen Abgeordneten in die Knesset und fordern ihre Anhängerschaft auf, zu den nationalen Wahlen zu gehen. Dennoch hat nun der vielleicht angesehenste Rabbiner in diesen Kreisen, Yosef Shalom Elyashiv, seine Anhänger einmal mehr dazu aufgefordert, alle staatlichen Programme zu boykottieren, sei es im Rahmen von Bildung oder nationalem oder militärischem Dienst, die auf eine Integration dieser Bevölkerungsgruppe abzielen.

Bloß Testosteron-gesteuerte Jugendliche?

Uneinig sind sich die Beobachter darin, wie auf die jüngste Entwicklung zu reagieren ist. Während die einen pauschal auf die wachsende Gefahr durch die Religiösen warnen, sehen andere vor allem ein soziales Problem: Den Testosteron-gesteuerten Jugendlichen müsse Einhalt geboten werden. Sie verhielten sich nicht anders als andere Rowdies, nur trügen sie eben dunkle Hüte und Schläfenlocken.

Die israelische Autorin und Journalistin Avirama Golan warnte in der Tageszeitung Haaretz davor, sich einem solch populären, aber blinden Hass hinzugeben. Er belaste das angespannte Verhältnis zwischen Religiösen und Säkularen nur weiter, und lasse den größeren Kontext unberücksichtigt. Denn in diesem spiele Netanjahu eine Doppelrolle: jetzt den Feuerwehrmann, davor aber den Brandstifter mit seiner klaren Entscheidung für eine rechte-religiöse-ultraorthodoxe Regierung. Auf diese Weise seien die Kräfte um die extremistischen Rabbiner gestärkt worden, indem sie hohe Positionen im Bildungswesen oder anderen Institutionen bekommen hätten.

Israel, so scheint es, ist erst am Anfang einer Auseinandersetzung, die lange verschleppt wurde. Dabei geht es nach vielen Beobachtern nicht nur um die Spannungen zwischen Ultraorthodoxen und Säkularen, es geht dabei auch darum, wie stark die israelische Demokratie noch ist, um mit diesem Problem umzugehen. Die derzeitige Regierung, da sind sich Beobachter wie Golan sicher, habe ihre Schwächung und Aushöhlung vorangetrieben.