DiktaturNordkorea öffnet sich nur scheinbar

Pjöngjang feiert sich im nächsten Jahr selbst – und wirbt um ausländische Besucher. Doch eine Liberalisierung darf man nicht erwarten. Ein Reisebericht von Martin Benninghoff

Blick auf Pjöngjang mit dem Ryugyong Hotel im Hintergrund

Blick auf Pjöngjang mit dem Ryugyong Hotel im Hintergrund  |  © AFP/Getty Images

Jeden Morgen schultern Soldaten in Nordkoreas monumentaler Hauptstadt Pjöngjang die Spaten. Sie ziehen aus, Straßenlöcher auszubessern. Kolonnen dieser Spatensoldaten marschieren dann über die breiten Prachtboulevards. Überall wird gebaut und verputzt während Schülerinnen in schwarzen Turnanzügen üben auf dem zentralen Kim-Il-sung-Platz für die Paraden im kommenden April, wenn sich das Land selbst feiert. Dann wäre der "ewige Präsident" Kim Il-sung 100 Jahre alt geworden, und sein Sohn, der Diktator Kim Jong-il, braucht den Glanz des Vaters für den Machterhalt. Für das Fest aller Feste fliegt sogar die staatliche Air Koryo im April ein paar Mal von Berlin nach Pjöngjang – mit ihren zwei neuen Tupolevs darf sie das nach Jahren des Verbots aus Sicherheitsgründen wieder. Und Ende Oktober eröffnete ein Wiener Café am Kim-Il-sung-Platz.

Man gewinnt den Eindruck, das Land öffnet sich ein wenig. Im Vergleich zu früher fahren erstaunlich viele Autos auf den mehrspurigen Alleen, oft schwarze Mercedes. Auch telefonieren viele Hauptstädter mit Handys, ebenfalls ein ungewohntes Bild. Frau Song*, Reiseführerin der staatlichen Tourismusbehörde KITC, lässt ihr Mobiltelefon gar nicht mehr aus den Augen. Die 31-Jährige, die sich erstaunlich modern kleidet, berichtet gar von Visaerleichterungen für Journalisten. Hinter ihr steht Herr Kim, der zweite Reiseführer, der Frau Song kontrolliert, und schaut wie immer skeptisch.

Anzeige

Korea-Experten halten diese vorsichtige Öffnung nur für einen kurzzeitigen Augenblick im ewigen Auf und Ab von Reformen und Gegenreformen. "Keine grundsätzliche Öffnung, überhaupt nicht", sagt Rüdiger Frank, Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens in Wien. Eine Antwort auf die Frage, woher denn die kleinen Freiheiten rühren, gibt es in Person eines Ägypters, ein Mann mittleren Alters, der in der verwaisten Bar des Ausländer-Hotels Yanggakdo sitzt.

Er arbeitet für Orascom, eine ägyptischen Holding, die derzeit in die ehemals größte Bauruine investiert, das 337 Meter hohe Ryugyong-Hotel im Herzen der Hauptstadt. Mit 3.000 Zimmern sollte es einst das größte Hotel der Welt werden, eine gigantische Pyramide aus Beton und Glas zum 80. Geburtstag Kim Il-sungs. Dem Diktator ging 1991 allerdings das Geld aus. Orascom bezahlt nun den Weiterbau der Pyramide, deren bläuliche Glasfassade der Hingucker zum Führergeburtstag werden soll. "Mehr als ein paar ausgebaute Etagen wird es aber nicht geben", grinst der Ägypter. "Woher sollen denn all die Hotelgäste kommen?"

Im Gegenzug durfte Orascom das Handynetz Koryolink aufbauen, das mittlerweile in einigen Großstädten ganz gut funktioniert. Ein Privileg der Mittelschicht, die Rüdiger Frank auf eine halbe Million Menschen schätzt. Für diesen marktwirtschaftlichen Feldversuch hat Kim Jong-il sogar das strikte Reklameverbot gelockert: Wo sonst Slogans wie "Es fehlt uns an nichts in der Welt" an den Fassaden stehen, kleben nun die ersten Werbeplakate des Landes. Das Telefonieren beschränkt sich für die normalen Nordkoreaner jedoch weiter aufs Inland. Das Volk ist nach wie vor in den eigenen Grenzen eingebunkert – und selbst Reisen von A nach B sind nur mit einer Genehmigung möglich.

In der entmilitarisierten Zone

Wer die Gründe dafür wissen möchte, fährt am besten zur Sollbruchstelle auf der koreanischen Halbinsel, der Grenze zwischen Nord- und Südkorea. Düster ist die Strecke über die fast autofreie Autobahn. Die einzige Raststätte ist kaum zu sehen, als der Bus heranfährt, tritt eine Frau aus der Dunkelheit und leuchtet den Weg zur Toilette mit einer Kerze.

Nach einer Nacht in der fast vollständig dunklen Stadt Kaesong, geht es weiter in die entmilitarisierte Zone, wo die verfeindeten Parteien nach dem blutigen Koreakrieg 1953 einen Waffenstillstandsvertrag unterzeichneten. Ein Oberst der nordkoreanischen Armee, ein junger, zu Witzen aufgelegter Mann, sagt, Nordkorea sei vom Süden her bedroht. "Wir wünschen uns eine Wiedervereinigung", fügt er hinzu. Jedoch sei die Kluft bei der wirtschaftlichen Entwicklung zwischen dem Norden und dem Süden wesentlich größer als seinerzeit zwischen der DDR und der BRD. Würden die Nordkoreaner deshalb im Falle einer Wiedervereinigung nicht massenweise in den viel reicheren Süden gehen? Der Oberst  lächelt nachsichtig: "Wenn die Blockade der Imperialisten abgeschafft ist, dann ist der Norden nicht mehr ärmer."

Leserkommentare
  1. Es ist sicher bedauerlich und nicht leicht für die Menschen dort. Das Leben ist hart und kurz. Auf der anderen Seite - diese Menschen kennen auch kein anderes System. Die wären vermutlich im Westen völlig überfordert. Wenn jetzt die Amis meinen, sie müssten dem Land "helfen", wird alles nur noch schlimmer, abgesehen von unzähligen Toten. War es je anders?

    Im Übrigen, um mal kurz auf die Indoktrination einzugehen: Ich habe auf dem Gymnasium Folgendes gelernt (das ist übrigens kaum zwei Jahre her).

    1. Die Amerikaner sind die Guten
    2. Die Amerikaner sind unfehlbar
    3. Gelten Satz 1 und 2 nicht, so gilt: Du bist ein schlechter Mensch.

    Sicherlich haben wir den Amerikaner nach dem WW II viel zu verdanken (ob das jetzt aus Nächstenliebe war oder aus Angst vor dem Osten sei mal dahingestellt) aber irgendwann muss es auch mal gut sein. Die Amerikaner stolpern von einem Krieg in den anderen und machen die Lage für die Menschen nur noch schlimmer. Die einzige rühmliche Ausnahme: Der 1. und 2. Weltkrieg. Da kann man den Amerikaner wirklich dankbar sein. Aber sonst? Wenn ich mir den sich anbahnenden Iran-Krieg anschaue, muss ich sagen: Nein, die Amerikaner sind nicht "gut". Sie verfolgen einfach nur ihre Interessen, die zumeist - leider - wirtschaftlich orientiert sind.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...muss Ihnen gestehen ich habe in der Schule genau das Gegenteil erfahren dürfen. ;)
    Ich weiß nicht, ob es an der Schule oder an den Lehrern liegt, aber eines ist klar...objektiver Politik- und Geschichtsunterricht ist leider eine Illusion (egal in welchem "System").
    Aber das nur zum Vergleich.

    "Es ist sicher bedauerlich und nicht leicht für die Menschen dort. Das Leben ist hart und kurz. Auf der anderen Seite - diese Menschen kennen auch kein anderes System. Die wären vermutlich im Westen völlig überfordert. Wenn jetzt die Amis meinen, sie müssten dem Land "helfen", wird alles nur noch schlimmer, abgesehen von unzähligen Toten. War es je anders?"
    Das ist ja dieses riesige Problem. An Russland kann man das zumindest teilweise sehen. Die Bürger geben auch lieber Freiheit ab und akzeptieren einen starken Staat/Präsidenten, der ihnen ihre Entscheidungen abnimmt.
    Nun ist Nordkorea ja noch viel extremer abgeschottet und durch die Staatsideologie durchsetzt als es die Sowjetunion jemals war. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Durschnittsnordkoreaner was von der Welt draussen geschweige denn das Wort Demokratie überhaupt kennt.
    Wenn man da nach einem potentiellem Regierungssturz eben diese einführen sollte könnte das niemals funktionieren.
    Den Bürgern ist jedes individualistische Denken genommen worden.
    Die Frage ist, wissen die Bürger überhaupt was für ein Leben sie haben?

    • Rhettt
    • 09. Dezember 2011 2:10 Uhr

    Ich verstehe nicht ganz, inwiefern Ihre antiamerikanischen Ressentiments auf diesen Artikel Bezug nehmen. Es ist doch völlig unstrittig, dass in Nordkorea eine Diktatur mit menschenverachtenden Zügen herrscht, und dass zudem sehr viele Menschen dort unter erbärmlichsten Zuständen leben müssen. Ich kann nicht erkennen, dass der Hinweis, diese wären vermutlich im Westen (?) "völlig überfordert"*, in irgendeiner Weise hilfreich ist...(*Kleine polemische Nachfrage: etwa so wie die ehemaligen DDR-Bürger? Die waren ja vorher auch viel zufriedener...)

    Ich verstehe jetzt auch nicht genau warum "Die Amerikaner" (als ob die eine homogene Masse wären!) hier so oberflächlich polarisierend ins Rennen geworfen werden. Das hat weder einen Bezug zum Artikelthema noch ist es eine Rechtfertigung für irgendwas.

  2. Liebe Redaktion, löschen Sie bitte die letzten vier Sätze, wenn Sie Frau Song Ärger ersparen wollen. Es gibt genug Leute in der nordkoreanischen Oberschicht, die auf Grund eine Studiums in der DDR sehr gut Deutsch verstehen und der Führung berichten. Die hat wenig Verständnis für Reisewünsche. Löschen Sie selbstverständlich auch diesen Beitrag, den ich selber melde.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Lieber Rainer Daeschler, Frau Song heißt nicht wirklich so. Auch ist sie nicht 31. Darüber hinaus hatten wir weitere im Vorfeld weitere Maßnahmen ergriffen, dass sie nicht zu identifizieren sein sollte.
    Grüße, Markus Horeld

    Soweit ich aus dem Artikel vernehmen kann, ist der Name des männlichen Reiseleiters, anders als der Name von Frau Song, der authentische und nicht geändert worden. Deswegen die Bitte an die Redaktion, auch diesen Namen zu ändern! Auch anhand von Reisezeit, Reiseroute (Kaeson bei Nacht) und anhand des Namens des begleitenden Reiseführers könnten die Sicherheitsbehörden die eigentliche Identität Frau Songs herausfinden. Im Übrigen reicht ein falsches Wort und drei Generationen einer Familie müssen ins Arbeitslager.

  3. 3. Ich...

    ...muss Ihnen gestehen ich habe in der Schule genau das Gegenteil erfahren dürfen. ;)
    Ich weiß nicht, ob es an der Schule oder an den Lehrern liegt, aber eines ist klar...objektiver Politik- und Geschichtsunterricht ist leider eine Illusion (egal in welchem "System").
    Aber das nur zum Vergleich.

    "Es ist sicher bedauerlich und nicht leicht für die Menschen dort. Das Leben ist hart und kurz. Auf der anderen Seite - diese Menschen kennen auch kein anderes System. Die wären vermutlich im Westen völlig überfordert. Wenn jetzt die Amis meinen, sie müssten dem Land "helfen", wird alles nur noch schlimmer, abgesehen von unzähligen Toten. War es je anders?"
    Das ist ja dieses riesige Problem. An Russland kann man das zumindest teilweise sehen. Die Bürger geben auch lieber Freiheit ab und akzeptieren einen starken Staat/Präsidenten, der ihnen ihre Entscheidungen abnimmt.
    Nun ist Nordkorea ja noch viel extremer abgeschottet und durch die Staatsideologie durchsetzt als es die Sowjetunion jemals war. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Durschnittsnordkoreaner was von der Welt draussen geschweige denn das Wort Demokratie überhaupt kennt.
    Wenn man da nach einem potentiellem Regierungssturz eben diese einführen sollte könnte das niemals funktionieren.
    Den Bürgern ist jedes individualistische Denken genommen worden.
    Die Frage ist, wissen die Bürger überhaupt was für ein Leben sie haben?

    Antwort auf "Bedauerlich "
  4. Erst muss noch das letzte Land ins Boot geholt werden bevor es absauft. Durch vielfalt ist die Menschheit bis hierher gekommen der Kapitalismus ist nur 1-ne Möglichkeit. Wenn bald, so wies aussieht in jedem Winkel der Erde die Habgier sich durchsetzt, sind wir dem Ende viel näher als wir denken.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Rhettt
    • 09. Dezember 2011 2:14 Uhr

    Eine weitere überflüssige Polemik, die sich an keiner Stelle auf den Artikel bezieht. Auch da gebe ich polemisch zurück: Dann gehen Sie doch nach drüben(sprich Nordkorea)! *kopfschüttel*

  5. Die Waehrungsreform haette man noch erwaehnen koennen, um zu begruenden, dass Wirtschaftsreformen nur Fassade sind.

    • Rhettt
    • 09. Dezember 2011 2:10 Uhr

    Ich verstehe nicht ganz, inwiefern Ihre antiamerikanischen Ressentiments auf diesen Artikel Bezug nehmen. Es ist doch völlig unstrittig, dass in Nordkorea eine Diktatur mit menschenverachtenden Zügen herrscht, und dass zudem sehr viele Menschen dort unter erbärmlichsten Zuständen leben müssen. Ich kann nicht erkennen, dass der Hinweis, diese wären vermutlich im Westen (?) "völlig überfordert"*, in irgendeiner Weise hilfreich ist...(*Kleine polemische Nachfrage: etwa so wie die ehemaligen DDR-Bürger? Die waren ja vorher auch viel zufriedener...)

    Antwort auf "Bedauerlich "
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Man ist also anti-amerikanisch, wenn man gegen Krieg ist? Schön, dass auch mal ein pro-amerikanischer zugibt, dass das beliebteste politische Mittel der Amerikaner Gewalt ist.

    • Rhettt
    • 09. Dezember 2011 2:14 Uhr

    Eine weitere überflüssige Polemik, die sich an keiner Stelle auf den Artikel bezieht. Auch da gebe ich polemisch zurück: Dann gehen Sie doch nach drüben(sprich Nordkorea)! *kopfschüttel*

  6. Wer sich für das Thema interessiert, PBS Wide Angle hat da eine sehr gute Dokumentation im Angebot: "Crossing Heaven´s Border". http://to.pbs.org/w58olK

    Am interessantesten fand ich den Fall einer Frau die es bis nach China geschafft hat - und dann wieder zurück ging. Sie war so überzeugt von ihrem Führer Kim dass Sie sich von Ihrer Schwester nicht überreden lassen wollte mit nach Südkorea zu kommen. Da wird einem wirklich ganz anders.

    @No.1: Sie haben definitv das falsche Gymnasium besucht. In welchem Bundesland bekommt man denn so einen undifferenzierten Blick vermittelt?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Diktatur | Kim Jong Il | Nordkorea | DDR | Reiseführer | Pjöngjang
Service