Jeden Morgen schultern Soldaten in Nordkoreas monumentaler Hauptstadt Pjöngjang die Spaten. Sie ziehen aus, Straßenlöcher auszubessern. Kolonnen dieser Spatensoldaten marschieren dann über die breiten Prachtboulevards. Überall wird gebaut und verputzt während Schülerinnen in schwarzen Turnanzügen üben auf dem zentralen Kim-Il-sung-Platz für die Paraden im kommenden April, wenn sich das Land selbst feiert. Dann wäre der "ewige Präsident" Kim Il-sung 100 Jahre alt geworden, und sein Sohn, der Diktator Kim Jong-il, braucht den Glanz des Vaters für den Machterhalt. Für das Fest aller Feste fliegt sogar die staatliche Air Koryo im April ein paar Mal von Berlin nach Pjöngjang – mit ihren zwei neuen Tupolevs darf sie das nach Jahren des Verbots aus Sicherheitsgründen wieder. Und Ende Oktober eröffnete ein Wiener Café am Kim-Il-sung-Platz.

Man gewinnt den Eindruck, das Land öffnet sich ein wenig. Im Vergleich zu früher fahren erstaunlich viele Autos auf den mehrspurigen Alleen, oft schwarze Mercedes. Auch telefonieren viele Hauptstädter mit Handys, ebenfalls ein ungewohntes Bild. Frau Song*, Reiseführerin der staatlichen Tourismusbehörde KITC, lässt ihr Mobiltelefon gar nicht mehr aus den Augen. Die 31-Jährige, die sich erstaunlich modern kleidet, berichtet gar von Visaerleichterungen für Journalisten. Hinter ihr steht Herr Kim, der zweite Reiseführer, der Frau Song kontrolliert, und schaut wie immer skeptisch.

Korea-Experten halten diese vorsichtige Öffnung nur für einen kurzzeitigen Augenblick im ewigen Auf und Ab von Reformen und Gegenreformen. "Keine grundsätzliche Öffnung, überhaupt nicht", sagt Rüdiger Frank, Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens in Wien. Eine Antwort auf die Frage, woher denn die kleinen Freiheiten rühren, gibt es in Person eines Ägypters, ein Mann mittleren Alters, der in der verwaisten Bar des Ausländer-Hotels Yanggakdo sitzt.

Er arbeitet für Orascom, eine ägyptischen Holding, die derzeit in die ehemals größte Bauruine investiert, das 337 Meter hohe Ryugyong-Hotel im Herzen der Hauptstadt. Mit 3.000 Zimmern sollte es einst das größte Hotel der Welt werden, eine gigantische Pyramide aus Beton und Glas zum 80. Geburtstag Kim Il-sungs. Dem Diktator ging 1991 allerdings das Geld aus. Orascom bezahlt nun den Weiterbau der Pyramide, deren bläuliche Glasfassade der Hingucker zum Führergeburtstag werden soll. "Mehr als ein paar ausgebaute Etagen wird es aber nicht geben", grinst der Ägypter. "Woher sollen denn all die Hotelgäste kommen?"

Im Gegenzug durfte Orascom das Handynetz Koryolink aufbauen, das mittlerweile in einigen Großstädten ganz gut funktioniert. Ein Privileg der Mittelschicht, die Rüdiger Frank auf eine halbe Million Menschen schätzt. Für diesen marktwirtschaftlichen Feldversuch hat Kim Jong-il sogar das strikte Reklameverbot gelockert: Wo sonst Slogans wie "Es fehlt uns an nichts in der Welt" an den Fassaden stehen, kleben nun die ersten Werbeplakate des Landes. Das Telefonieren beschränkt sich für die normalen Nordkoreaner jedoch weiter aufs Inland. Das Volk ist nach wie vor in den eigenen Grenzen eingebunkert – und selbst Reisen von A nach B sind nur mit einer Genehmigung möglich.

In der entmilitarisierten Zone

Wer die Gründe dafür wissen möchte, fährt am besten zur Sollbruchstelle auf der koreanischen Halbinsel, der Grenze zwischen Nord- und Südkorea. Düster ist die Strecke über die fast autofreie Autobahn. Die einzige Raststätte ist kaum zu sehen, als der Bus heranfährt, tritt eine Frau aus der Dunkelheit und leuchtet den Weg zur Toilette mit einer Kerze.

Nach einer Nacht in der fast vollständig dunklen Stadt Kaesong, geht es weiter in die entmilitarisierte Zone, wo die verfeindeten Parteien nach dem blutigen Koreakrieg 1953 einen Waffenstillstandsvertrag unterzeichneten. Ein Oberst der nordkoreanischen Armee, ein junger, zu Witzen aufgelegter Mann, sagt, Nordkorea sei vom Süden her bedroht. "Wir wünschen uns eine Wiedervereinigung", fügt er hinzu. Jedoch sei die Kluft bei der wirtschaftlichen Entwicklung zwischen dem Norden und dem Süden wesentlich größer als seinerzeit zwischen der DDR und der BRD. Würden die Nordkoreaner deshalb im Falle einer Wiedervereinigung nicht massenweise in den viel reicheren Süden gehen? Der Oberst  lächelt nachsichtig: "Wenn die Blockade der Imperialisten abgeschafft ist, dann ist der Norden nicht mehr ärmer."