Moncef Marzouki Ein überzeugter Linker führt Tunesien

Ein Jahr nach dem Beginn des Aufstandes hat Tunesien ein neues Staatsoberhaupt: Der neue Präsident ist Arzt, Menschenrechtler, wortgewandt und furchtlos.

Moncef Marzouki

Moncef Marzouki

Die Aufständischen in Tunesien haben nicht nur Präsident Zinedine Ben Ali aus dem Amt gejagt, sondern in der gesamten Region den Arabischen Frühling ausgelöst. Fast genau ein Jahr nach dessen Beginn hat Tunesien den ersten frei gewählten Präsidenten nach Ende der Diktatur: Am Dienstag wurde der Menschenrechtler Moncef Marzouki vereidigt – der 66 Jahre alte Herr, ein einsamer und unerbittlicher Kämpfer gegen die Diktatoren, hatte bei der Zeremonie Tränen in den Augen. Seine charakteristische große schwarze Brille hat er inzwischen eingetauscht gegen ein leichteres silberfarbenes Modell. Sonst scheint der wortgewandte Marzouki sich treu geblieben zu sein.

Der in Straßburg ausgebildete Arzt hatte in den 80er Jahren eine Menschenrechtsorganisation in Tunesien mitgegründet, ging später ins Gefängnis und anschließend ins Exil. Er überwarf sich mit vielen Mitstreitern, weil er 2003 eine gemeinsame Erklärung mit der damals verbotenen islamistischen Ennahda unterzeichnete. Der überzeugte Linke, der Anzüge ohne Krawatte trägt, verteidigt die tunesische Ennahda und ihre Führung als "moderat" und hält seinen Gegnern im säkularen Lager vor, sie seien realitätsfern, wenn sie eine islamisch-kulturelle Identität von Land und Leuten nicht wahrhaben wollten. Seine Gegner werfen ihm vor, aus opportunistischen Gründen Steigbügelhalter für eine Machtübernahme der Islamisten zu sein. Über 40 Vertreter der Opposition in der Versammlung gaben ungültige Stimmzettel ab. Marzouki hatte bereits im Januar 2011, drei Tage nach der Flucht Ben Alis, erklärt, er wolle sich für das Amt des Präsidenten bewerben. "Es ist idiotisch, die Welt ändern zu wollen, aber es ist kriminell, es nicht zu versuchen", titelt er auf Französisch auf seiner Internetseite.

Anzeige

Am 17. Dezember 2010 hatte alles seinen Ausgang genommen in der südtunesischen Ortschaft Sidi Bouziz, wo sich der junge arbeitslose Gemüsehändler Mohammed Bouazizi aus Verzweiflung über Behördenwillkür in Brand gesteckt hatte. Am 13. Januar 2011 floh Präsident Ben Ali nach Massendemonstrationen im ganzen Land mit seiner Familie nach Saudi-Arabien. Ende Oktober wählten die Tunesier eine verfassunggebende Versammlung, die innerhalb eines Jahres eine endgültige Verfassung ausarbeiten soll. Bei der Wahl siegte die moderate islamistische Ennahda-Partei mit 42 Prozent (98 von 217 Sitzen) vor den beiden säkular-linksgerichteten Parteien "Kongress für die Republik" von Marzouki (29 Sitze) und der Ettakatol-Partei (20 Sitze), mit denen sie eine Koalition einging. Am Freitag verabschiedete die Versammlung eine Übergangsverfassung, und am Montag wählte sie Marzouki zum neuen Präsidenten des Landes. Marzouki wird nun den stellvertretenden Generalsekretär der Ennahda-Partei, Hamadi Jebali, zum Ministerpräsidenten ernennen. Der Chef des dritten Koalitionspartners, Mustafa Ben Jaafar, wird Parlamentspräsident.

Damit stehen drei ausgewiesene Gegner des gestürzten Präsidenten Ben Ali an der Spitze Tunesiens, die das laizistische und islamistische Lager verkörpern. Das nordafrikanische Land ist weiter das Versuchslabor für Demokratie in der arabischen Welt, wo die Gesellschaften oft tief gespalten sind. Kritiker der Koalition monieren, dass die "Mini-Verfassung" dem Ministerpräsidenten zu viele Rechte zugestehe. Zunächst hatte Ennahda den Präsidenten völlig entmachten wollen, in tagelangen erhitzten Diskussionen in der verfassunggebenden Versammlung hat er jedoch die Richtlinien für die Außenpolitik und die Leitung des Militärs erhalten, das in Tunesien anders als in Ägypten allerdings keine entscheidende Rolle spielt. Zur Ernennung und Entlassung der Armeeführung braucht er jedoch die Zustimmung des Ministerpräsidenten, der von den Islamisten gestellt wird.

In anderen Punkten gibt sich die islamistische Ennahda versöhnlich: So kündigte sie an, die 1956 eingeführte weitgehende Gleichberechtigung der Frauen, bisher ein einfaches Gesetz, in die Verfassung aufzunehmen. Als Reaktion auf die Einladung eines israelischen Ministers an die etwa 1500 in Tunesien verbliebenen Juden, nach Israel einzuwandern, versicherte Ennahda, alle Staatsbürger, egal welcher Religion, seien gleichberechtigte Staatsbürger.

Erschienen im Tagesspiegel

 
Leser-Kommentare
    • deDude
    • 14.12.2011 um 11:36 Uhr

    ... entdecken die verschiedenen Lager ja im Zuge dieser Koalition das sich Religion und freie Entfaltung des Menschen in einem muslimisch geprägten Land nichts zwangsläufig als unverträglich herausstellen müssen.

    Das wäre mehr wert als all die Versuche der westlichen Welt unsere Wertevorstellungen zu exportieren und wäre sicherlich auch ein Signal für andere Staaten.

    Bleibt nun abzuwarten, ob die neue Regierung den an Sie gestellten Ansprüchen gerecht wird.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • xy1
    • 14.12.2011 um 16:13 Uhr

    Ist nicht gerade die Verbindung von freier Religionsausübung und freier Entfaltung des Menschen ein von der Aufklärung beförderter westlicher Wert?

    • xy1
    • 14.12.2011 um 16:13 Uhr

    Ist nicht gerade die Verbindung von freier Religionsausübung und freier Entfaltung des Menschen ein von der Aufklärung beförderter westlicher Wert?

  1. Quelle: "faithfreedom.org"

    (4) "DerIslam ist eine Religion des Friedens".
    Das ist die grässlichste Lüge, die man immer wieder hören kann. Muslime mögen ja friedlich sein, aber der Islam ist eine gewalttätige Religion die niemals friedlich sein kann. Alle Religionen sind gewalttätig ausser vielleicht der Buddhismus und die Zeugen Jehowa´s. Aber auch die Mentalität der buddhistisch-mönchischen Tradition hat unter anderen Vorzeichen (Steinzeitkommunismus) indirekt bereits Monster (Massenmord in Kambodscha) hervorgebracht. Und die Zeugen Jehowa´s die niemanden je ein Haar gekrümmt haben, setzen ihre Mitglieder psychologisch, durch die Predigt von Ewiger Verdammnis wegen Unglauben, ihre Mitglieder unter einen nicht zu unterschätzenden Druck.

    (5) "Islam ist mit der Wissenschaft, der Moderne und der Demokratie vereinbar."
    Das ist eine absolut falsche und heuchlerische Behauptung von einigen Islamisten. Der Islam ist komplett Anti-Wissenschaft, Anti-Moderne und auf gefährliche Art mit der Demokratie unvereinbar."

    Das alles gilt genauso fürs Christentum. Nur mit Liberalismus und Aufklärung können diese Staaten ihre Rückstände aufholen. Das hat mit Wertediktatur nichts zu tun. Sondern mit Fortschritt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/mo.

    wird die Wertegemeinschaft bald ihrer Sorge sichtbaren Ausdruck verleihen. ich höre Westerwelle wieder schwere Banalitäten von sich geben, das EU-PArlament wird eine Resolution verfassen und bald wird der Herr Blei vom Himmel regnen lassen. Aber ich hoffe doch, dass sich der Kommentator bei der Auswahl des Titels nur vergriffen hat. Es scheint aber normal zu sein, dass jemand, der vernünftige Ansichten vertritt sofort und vorsichtshalber als Linker gebrandmarkt wird. Alles Gute für die Tunesier.

    Die hier und in anderen Leserzuschriften ersichtlichen Abwertungen der Religionen sind Ausdruck eines intoleranten Extremismus und diskreditieren Gläubige in alles Religionen. Richtig ist, dass es in allen Religionen wie auch außerhalb der Religionen Extremisten gab und gibt und die und nur die müssen zurück gedrängt und bekämpft werden. Ansonsten mal wieder Lessing lesen ("Nathan der Weise") und selber Toleranz üben!! Gilt auch für die Extremisten, die keiner Religion angehören!

    Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/mo.

    wird die Wertegemeinschaft bald ihrer Sorge sichtbaren Ausdruck verleihen. ich höre Westerwelle wieder schwere Banalitäten von sich geben, das EU-PArlament wird eine Resolution verfassen und bald wird der Herr Blei vom Himmel regnen lassen. Aber ich hoffe doch, dass sich der Kommentator bei der Auswahl des Titels nur vergriffen hat. Es scheint aber normal zu sein, dass jemand, der vernünftige Ansichten vertritt sofort und vorsichtshalber als Linker gebrandmarkt wird. Alles Gute für die Tunesier.

    Die hier und in anderen Leserzuschriften ersichtlichen Abwertungen der Religionen sind Ausdruck eines intoleranten Extremismus und diskreditieren Gläubige in alles Religionen. Richtig ist, dass es in allen Religionen wie auch außerhalb der Religionen Extremisten gab und gibt und die und nur die müssen zurück gedrängt und bekämpft werden. Ansonsten mal wieder Lessing lesen ("Nathan der Weise") und selber Toleranz üben!! Gilt auch für die Extremisten, die keiner Religion angehören!

    • J.E.B.
    • 14.12.2011 um 12:25 Uhr

    ...realitätsfern, wenn sie eine islamisch-kulturelle Identität von Land und Leuten nicht wahrhaben wollten"

    Woher will er das wissen?

    Oder deutet er die Vorstellung des "säkularen Lager", daß die "islamisch-kulturelle Identität" lediglich in der Politik nichts zu suchen hat als "nicht wahrhaben wollen" um ?

    Eine Leser-Empfehlung
  2. Meine Ehrerbietung vor diesem neuen tunesischen Staatsoberhaupt
    und möge er offene Ohren finden bei seinen Landsleuten.

    Eine Leser-Empfehlung
  3. 5. [...]

    Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/mo.

    Antwort auf "@ deDude"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Was Ihr Urteil über den Islam angeht, muss ich das leider auch für das Christentum bestätigen
    Und zwar auf Grundlage der Geschichte, einiger Bibelstellen, Predigten in Kirchenmessen (insbes. katholisch) und auch z.T. Gesprächen mit gläubigen Christen.

    Vielleicht liegt es auch an meiner Perspektive als kofessionsloser, dass mir die Menschenverachtung der christlichen Dogmen ins Auge fällt.
    Aus eigener Erfahrung sage ich, es ist echt gruselig in einer Messe zu sitzen und sinngemäß gehört zu bekommen, dass nur wer an Jesus Christus den Erlöser und Gottessohn glaubt, in den Himmel kommt und auf die anderen die ewige Verdammnis wartet.
    Und dass es gar nicht wichtig ist, was man tut, solange man Gott um Vergebung bittet. Umgekehrt jeder noch so gut sein kann, Gott nur die Gläubigen achtet usw.usf.
    Und wenn dann alles aufgezählt wird, was dazu gehört um ein richtiger Gläubiger zu sein, oh je, dann frage ich mich schon, wer sowas heute überhaupt noch ernsthaft glauben kann.
    Naja, die meisten behaupten es dann auch noch von sich (zumindest in der Kirche).
    Traurig, gerade in dem historischen Kontext.

    Was Ihr Urteil über den Islam angeht, muss ich das leider auch für das Christentum bestätigen
    Und zwar auf Grundlage der Geschichte, einiger Bibelstellen, Predigten in Kirchenmessen (insbes. katholisch) und auch z.T. Gesprächen mit gläubigen Christen.

    Vielleicht liegt es auch an meiner Perspektive als kofessionsloser, dass mir die Menschenverachtung der christlichen Dogmen ins Auge fällt.
    Aus eigener Erfahrung sage ich, es ist echt gruselig in einer Messe zu sitzen und sinngemäß gehört zu bekommen, dass nur wer an Jesus Christus den Erlöser und Gottessohn glaubt, in den Himmel kommt und auf die anderen die ewige Verdammnis wartet.
    Und dass es gar nicht wichtig ist, was man tut, solange man Gott um Vergebung bittet. Umgekehrt jeder noch so gut sein kann, Gott nur die Gläubigen achtet usw.usf.
    Und wenn dann alles aufgezählt wird, was dazu gehört um ein richtiger Gläubiger zu sein, oh je, dann frage ich mich schon, wer sowas heute überhaupt noch ernsthaft glauben kann.
    Naja, die meisten behaupten es dann auch noch von sich (zumindest in der Kirche).
    Traurig, gerade in dem historischen Kontext.

  4. Also die 2 anderen monotheistischen Religionen stehen dem Islam nicht wirklich nach was Hass, Ausrottung und Diskriminierung angeht. Gegen die Ausrottungen des Christentums ist der Islam ja Kindergarten. Das was wir in Europa haben ist ein von französischer Revolution und Aufklärung kastriertes Christentum.

    • nfb
    • 14.12.2011 um 13:00 Uhr
  5. Was Ihr Urteil über den Islam angeht, muss ich das leider auch für das Christentum bestätigen
    Und zwar auf Grundlage der Geschichte, einiger Bibelstellen, Predigten in Kirchenmessen (insbes. katholisch) und auch z.T. Gesprächen mit gläubigen Christen.

    Vielleicht liegt es auch an meiner Perspektive als kofessionsloser, dass mir die Menschenverachtung der christlichen Dogmen ins Auge fällt.
    Aus eigener Erfahrung sage ich, es ist echt gruselig in einer Messe zu sitzen und sinngemäß gehört zu bekommen, dass nur wer an Jesus Christus den Erlöser und Gottessohn glaubt, in den Himmel kommt und auf die anderen die ewige Verdammnis wartet.
    Und dass es gar nicht wichtig ist, was man tut, solange man Gott um Vergebung bittet. Umgekehrt jeder noch so gut sein kann, Gott nur die Gläubigen achtet usw.usf.
    Und wenn dann alles aufgezählt wird, was dazu gehört um ein richtiger Gläubiger zu sein, oh je, dann frage ich mich schon, wer sowas heute überhaupt noch ernsthaft glauben kann.
    Naja, die meisten behaupten es dann auch noch von sich (zumindest in der Kirche).
    Traurig, gerade in dem historischen Kontext.

    Antwort auf "[...]"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service