Seinen Tschechen wird Václav Havel immer der Mann bleiben, der auf dem Balkon steht: 1989 war das, auf dem Prager Wenzelsplatz drängen sich zehntausende Menschen, um für die Freiheit zu demonstrieren, und vom Balkon eines Hotels herab ruft Václav Havel seine berühmten Worte ins Mikrofon: "Die Wahrheit und die Liebe siegen über Lüge und Hass!" Es war Havel, der Dichter und Philosoph, der den Tschechen die Freiheit gebracht hat und der das Land in seiner jüngeren Geschichte so stark geprägt hat wie kein anderer.

Für sich selbst hat Václav Havel schon früh den Begriff des "unpolitischen Politikers" geprägt. Immer wieder hat er im Rückblick darüber gestaunt, wie er es bis in die höchsten Etagen der Politik geschafft hat; wie er bei amerikanischen und russischen Präsidenten zum Symbol des neuen Europa wurde. Er, der Dichter, der sich eigentlich aus Politik nie etwas gemacht hat. Das Volk hat ihn zu seinem Präsidenten erhoben; damals auf dem Wenzelsplatz, als die Menschen im tausendstimmigen Chor riefen: " Havel na hrad " – Havel auf die Burg, wo seit jeher das tschechische Staatsoberhaupt seinen Sitz hat.

Sein Präsidentenamt hat Václav Havel – zunächst in der Tschechoslowakei und dann, nach der Trennung des Doppelstaates 1993 in Tschechien – nie als Machtpolitiker geführt. Er hat sich selbst als Begleiter verstanden; als jemanden, der dem Volk beim Start in die neue Epoche hilft. Zu einem Modell der moralischen Politik wollte er sein Land formen und setzte sich deshalb von vornherein für die Versöhnung ein: In vielen Behörden und Ämtern blieben die alten Mitarbeiter weiterhin beschäftigt, Havel wollte keinen Graben durch das Land, sondern wünschte sich eine Erneuerung, an der alle mitwirken sollten. In Tschechien war dieser Kurs heftig umstritten, aber Havel war fest davon überzeugt, dass die gemeinsame Perspektive die Vergangenheit überwinden hilft. Er war der Philosoph, der auf einmal seine Gedanken in die Tat umsetzen kann.

Dabei hat er selbst jahrzehntelang unter kommunistischer Verfolgung gelitten. Václav Havel war Sohn einer der reichsten Familien der Tschechoslowakei, und wegen seiner bürgerlichen Herkunft durfte er nicht an die Universität. Von Jugend an fühlte er sich zum Theater hingezogen, er arbeitete als Dramaturg und schrieb seine ersten eigenen Stücke. In den sechziger und siebziger Jahren wurde er zum Kopf einer Gruppe von Schriftstellern, die gegen das Regime aufbegehrten, die ein anderes System wollten als den repressiven Sozialismus. Pavel Kohout , Jiří Gruša und viele andere gehörten dieser Gruppe an. Aus diesem Zirkel der Dissidenten ging dann die Charta 77 hervor, jene Bewegung, die für wichtige Freiheitsrechte eintrat. Havel wurde zu einem der Wortführer der Gruppe. Dieser Kampf brachte ihn für viele Jahre hinter Gitter. Im Gefängnis entstanden seine berühmten Briefe an Olga : Im schriftlichen Dialog mit seiner Frau skizzierte er in der Zelle sein persönliches Programm, er entwickelte seine Gedanken über die Freiheit des Menschen und seine Bestimmung – damals noch als Philosoph, nicht als Politiker.