Zum Tod von Václav Havel Das Gesicht der tschechischen Freiheit

Er war ein Philosoph der politischen Taten und führte Tschechien in eine neue Epoche: Václav Havel ist im Alter von 75 Jahren nach langer Krankheit verstorben.

Vaclav Havel im März in Prag

Vaclav Havel im März in Prag

Seinen Tschechen wird Václav Havel immer der Mann bleiben, der auf dem Balkon steht: 1989 war das, auf dem Prager Wenzelsplatz drängen sich zehntausende Menschen, um für die Freiheit zu demonstrieren, und vom Balkon eines Hotels herab ruft Václav Havel seine berühmten Worte ins Mikrofon: "Die Wahrheit und die Liebe siegen über Lüge und Hass!" Es war Havel, der Dichter und Philosoph, der den Tschechen die Freiheit gebracht hat und der das Land in seiner jüngeren Geschichte so stark geprägt hat wie kein anderer.

Für sich selbst hat Václav Havel schon früh den Begriff des "unpolitischen Politikers" geprägt. Immer wieder hat er im Rückblick darüber gestaunt, wie er es bis in die höchsten Etagen der Politik geschafft hat; wie er bei amerikanischen und russischen Präsidenten zum Symbol des neuen Europa wurde. Er, der Dichter, der sich eigentlich aus Politik nie etwas gemacht hat. Das Volk hat ihn zu seinem Präsidenten erhoben; damals auf dem Wenzelsplatz, als die Menschen im tausendstimmigen Chor riefen: "Havel na hrad" – Havel auf die Burg, wo seit jeher das tschechische Staatsoberhaupt seinen Sitz hat.

Anzeige

Sein Präsidentenamt hat Václav Havel – zunächst in der Tschechoslowakei und dann, nach der Trennung des Doppelstaates 1993 in Tschechien – nie als Machtpolitiker geführt. Er hat sich selbst als Begleiter verstanden; als jemanden, der dem Volk beim Start in die neue Epoche hilft. Zu einem Modell der moralischen Politik wollte er sein Land formen und setzte sich deshalb von vornherein für die Versöhnung ein: In vielen Behörden und Ämtern blieben die alten Mitarbeiter weiterhin beschäftigt, Havel wollte keinen Graben durch das Land, sondern wünschte sich eine Erneuerung, an der alle mitwirken sollten. In Tschechien war dieser Kurs heftig umstritten, aber Havel war fest davon überzeugt, dass die gemeinsame Perspektive die Vergangenheit überwinden hilft. Er war der Philosoph, der auf einmal seine Gedanken in die Tat umsetzen kann.

Dabei hat er selbst jahrzehntelang unter kommunistischer Verfolgung gelitten. Václav Havel war Sohn einer der reichsten Familien der Tschechoslowakei, und wegen seiner bürgerlichen Herkunft durfte er nicht an die Universität. Von Jugend an fühlte er sich zum Theater hingezogen, er arbeitete als Dramaturg und schrieb seine ersten eigenen Stücke. In den sechziger und siebziger Jahren wurde er zum Kopf einer Gruppe von Schriftstellern, die gegen das Regime aufbegehrten, die ein anderes System wollten als den repressiven Sozialismus. Pavel Kohout, Jiří Gruša und viele andere gehörten dieser Gruppe an. Aus diesem Zirkel der Dissidenten ging dann die Charta 77 hervor, jene Bewegung, die für wichtige Freiheitsrechte eintrat. Havel wurde zu einem der Wortführer der Gruppe. Dieser Kampf brachte ihn für viele Jahre hinter Gitter. Im Gefängnis entstanden seine berühmten Briefe an Olga: Im schriftlichen Dialog mit seiner Frau skizzierte er in der Zelle sein persönliches Programm, er entwickelte seine Gedanken über die Freiheit des Menschen und seine Bestimmung – damals noch als Philosoph, nicht als Politiker.

Leser-Kommentare
  1. Oder liegen Freiheitskämpfer derzeit nicht im Trend?

    • arona
    • 18.12.2011 um 15:47 Uhr

    inspirierender mensch, möge die aktuelle (v.a.tschechische) politik viel von ihm lernen!

  2. Damit hat Vaclav Havel der europäischen Politik das Paradigma für eine gute Zukunft formuliert.

  3. Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/mo.

  4. .. eine krasse Aufnahme. Habe selten ein so aussagekräftiges Gesicht eines Politikers gesehen. Nur gut, daß es allen verborgen bleibt, die blind sein sollen ..

    http://www.youtube.com/wa...

    • to_ed
    • 18.12.2011 um 16:56 Uhr

    Die Geschichte lehrt uns immer wieder, das grosse Veraenderungen oft von grossen Persoenlichkeiten ausgehen. Ghandi, Mandela, King, Havel, Wałęsa und andere haben immer das Wohl aller vor das eigene gestellt und genau daran mangelt es heutzutage. Wer in der Fuehrungsetagen sitzt denkt vor allem an den eigenen Vorteil und das ist mitunter der Grund warum Staaten und Volkswirtschaften wie Italien am Abgrund stehen.

  5. ich denke gerade was für Hoffungen die Menschen damals angesichts der bevorstehnden "Befreiung" hatten und welche sie heute angesichts neuer Sachzwänge haben... und wieviele von den einstigen Versprechungen profitiert haben. Ein paar Reisen durch das Land haben selbst nach mehr als 20 Jahren erhebliche Armut erkennen lassen. Der erste Eindruck bei der Einreise war übel, Casino und Rotlicht-Unternehmen waren der erste Eindruck... Der Ausverkauf der Hoffung der Menschen. Der üble Eindruck primitivster westlicher Errungenschaften zieht sich durch das ganze Land. Spielcasinos, Abzockerpreise, extreme Unterschiede von Arm und Reich. EIne kleine Oligarchie, eine kleine Mittelschicht (als Vorzeigesubjekt für die Hoffnungslosen) und eine Mehrheit in Elend und Armut. Negativ war etwa auch, das auf den Produktepackungen eines Grosshändlers stets eine Stiftung vermerkt war über die das ganze Geschäft läuft. Wie üblich Steueroptimiert was bedeutet das die erwirtschwafteten Profite nicht im Land bleiben. Das Zentrum von Prag erscheint wie ein einziger grosser Bier- und Budentempel für gewisse kulturel benachteiligte Ausländer die sich mal ein tolles Wochende ohne Hemmungen genehmigen...
    Die ex. GUS Länder wurden damals überrollt von allen möglichen Heilsbringern die aber nicht viel mehr im Sinn hatten als das maximale aus den Ländern, den Menschen rauszuholen. Wirklich Zeit zum Aufbau einer stabilen partizipativen Zivilgesellschaftlichen Struktur hatte keines dieser Länder.

  6. Großen des 20.Jahrhunderts.

    Ihm gebührt Respekt.

    Gute Reise Herr Havel.

    Wetering

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service