Soll Deutschland führen? Es gibt hierzulande manche, die davon abraten, allen voran Helmut Schmidt . Auf dem Bundesparteitag der SPD Anfang Dezember hat der Altbundeskanzler gewarnt: Wenn wir Deutschen uns verführen ließen, eine politische Führungsrolle in Europa zu beanspruchen, werde eine zunehmende Mehrheit unserer Nachbarn sich wirksam dagegen wehren und Deutschland werde in Isolierung fallen.

Das ist eine gewichtige Stimme, und die Warnung kann nicht einfach beiseite geschoben werden. Aber wenn es, wie in der gegenwärtigen Krise Europas, nun einmal kein anderes Land als Deutschland gibt, um einen Weg aus der Krise zu tragen und damit Schaden von Deutschland und Europa abzuwenden, dann muss das Risiko eingegangen werden. Im Übrigen: Fällt die EU auseinander, ist die Gefahr für eine Isolierung Deutschlands noch viel größer.

Will Deutschland führen? Nach dem bisherigen Verhalten: ungern. Sukzessive Regierungen verbargen sich lieber in multilateralen Entscheidungsstrukturen, suchten selten den Alleingang, allenfalls durch Blockieren mittels eines Vetos, und zogen es vor, nicht mit internationalen Pflichten und Risiken behelligt zu werden. Dem wachsenden internationalen Gestaltungspotenzial der Bundesrepublik fehlte meist der entsprechende Gestaltungswille.

Die Schatten der deutschen Vergangenheit

Auch in der heutigen Überlebenskrise der Europäischen Union kam deutscher Führungswille erst mit erheblicher Verspätung auf. Die Kanzlerin galt lange als "Madame Non". Aber auch die jüngsten europäischen Beschlüsse zur Beilegung der Krise und zur Beruhigung der Finanzmärkte, die maßgeblich von Frau Merkel geprägt wurden , gehen kaum über den Versuch hinaus, anderen das Modell Deutschland anzudienen. Diese fügten sich, weil Berlin sich sonst selbst bescheidener Solidarität verweigert hätte.

Ob Deutschland wirklich zur Führung bereit ist, wenn, wie abzusehen, die Krise sich damit nicht bewältigen lässt und von Berlin einen wesentlich höheren Einsatz erfordern wird? Nicht nur die Finanzmärkte haben da ihre Zweifel. Es war wohl dieselbe Sorge, die den polnischen Außenminister Radosław Sikorski Ende November zu dem Aufruf an Berlin veranlasste: "Ich fürchte die Macht der Deutschen weniger, als ich deutsche Untätigkeit zu fürchten beginne. (...) Sie dürfen nicht versäumen zu führen!"

Bald wird sich zeigen, ob die Regierung Merkel den Willen und die Kraft hat, diesem Aufruf zu folgen und in der gegenwärtigen Krise ihre Führungsaufgabe weniger deutsch als europäisch zu verstehen und zu handhaben. Damit aber wird die Anforderung an deutsche Führung nicht beendet sein. Sie bleibt vielmehr auf absehbare Zeit in Europa eine deutsche Daueraufgabe. Aber kann Deutschland auch wirksam führen?